Syrien
Syrien, syrische Armee marschiert in Raqqa ein 191016 -- RAQQA SYRIA, Oct. 16, 2019 Xinhua -- Syrian soldiers are seen inside the Tabqa airbase in the Tabqa city of Raqqa province in northern Syria on Oct. 16, 2019. The Syrian army has entered the city of Tabqa in the northern countryside of Raqqa Province, as part of the Syrian army s move to enter Kurdish-held areas to counter the ongoing Turkish assault in the region. Str/Xinhua SYRIA-RAQQA-TABQA AIRBASE-SYRIAN ARMY PUBLICATIONxNOTxINxCHN

Syrische Kämpfer bild: imago images/Xinhua

Kurden, Trump, Erdogan und Assad: Was du über den Syrien-Krieg wissen musst

Sie haben den IS besiegt, jetzt werden die Kurden in Nordsyrien sich selbst überlassen. Ein Überblick über den türkischen Angriff in Rojava und was Erdogan, Trump und Assad damit zu tun haben.

Sarah Serafini / watson.ch

Im Stundentakt ändern sich die Schlagzeilen über den Krieg in Nordsyrien: "Türkische Truppen marschieren in Syrien ein", "IS-Terroristen nutzen Chaos nach türkischer Invasion", "Kurden bitten Präsident Assad um Hilfe". "USA und Türkei vereinbaren Waffenruhe". "Tote trotz Waffenruhe". Verwirrung total.

Klar ist: Die Situation für die Kurden ist dramatisch. Hunderttausende haben ihre Häuser verlassen und sind auf der Flucht.

Da steigt doch keiner mehr durch

Bei den verschiedenen involvierten Akteuren und den sich überschlagenden Ereignissen die Übersicht zu behalten, ist schwierig. Die Situation ist komplex, dem Krieg voraus geht ein bereits lang andauernder Konflikt zwischen den verschiedenen Parteien.

Dass auch der syrische Präsident Bashar al-Assad und Russlands Machthaber Wladimir Putin ihre Finger im Spiel haben, macht die Angelegenheit nicht einfacher.

Um was geht es eigentlich?

Am 9. Oktober startete der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan seinen Angriffskrieg gegen Nordsyrien. Die Invasion nennt er "Operation Friedensquelle". Seit Monaten drohte Erdogan damit, türkische Truppen über die Grenze nach Syrien zu schicken.

Sein Plan ist die Errichtung einer 30 Kilometer breiten Pufferzone, die sich vom Fluss Euphrat in Richtung Osten entlang der Grenzlinie erstreckt. So will er die Kurden, die sich auf diesem Gebiet in den letzten Jahren eine autonome Selbstverwaltung aufgebaut haben, vertreiben und syrische Flüchtlinge aus der Türkei in die Zone umsiedeln.

Angriffe schon zwischen 2016 und 2018

Schon im August 2016 und im Januar 2018 griff Erdogan mit einer Militäroffensive kurdische Gebiete in Nordsyrien an. Die zweite endete mit der Einnahme der Stadt Afrin. Bereits diese Angriffe wurden von der internationalen Gemeinschaft aufs Schärfste verurteilt. Doch Erdogan hielt an seinem Plan fest und betonte, dass er nach Afrin das komplette Grenzgebiet von den kurdischen Selbstverwaltern säubern wolle.

Im Juli dieses Jahres drohte Erdogan erneut mit dem Einmarsch in Nordsyrien. Doch die amerikanische Regierung warnte die Türkei damals eindringlich vor einer Offensive gegen die Kurden. Denn: Die kurdischen Volksverteidigungseinheiten in Nordsyrien YPG und YPJ waren im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat ein wichtiger Partner der USA. Noch im Sommer waren hunderte US-Soldaten just in dem Gebiet stationiert, das Erdogan zu einer Pufferzone machen will. Vorerst konnte der türkische Präsident sein Vorhaben also nicht in die Realität umsetzen.

Sorgte Abzug der US-Soldaten für Klinik?

Als der US-Präsident Donald Trump am 7. Oktober verkündete, dass er seine Truppen aus Nordsyrien abziehen wolle, setzte er damit gleichermassen den Startschuss für Erdogans Militäroffensive. Dafür wurde Trump heftig kritisiert. Sowohl von den Demokraten als auch aus der eigenen Partei hieß es, der Rückzug sei ein Verrat an den eigenen Verbündeten.

Später ruderte er zurück. Trump drohte der Türkei mit Sanktionen, sollte die Regierung in Ankara den Feldzug fortsetzen. Am Donnerstag einigen sich die Türkei und die USA schließlich auf eine fünftägige Waffenruhe. Dass sollte den Kurden Zeit geben, die türkische "Sicherheitszone" zu verlassen. Ein Ende der türkischen Militäroperation sei die Vereinbarung aber nicht, wie die Erdogan-Regierung danach klarstellte. Gefechte gibt es seitdem dennoch weiterhin vereinzelt.

Welches Gebiet ist von der türkischen Offensive betroffen?

Seit Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien im Jahr 2011 wird das Land von verschiedenen sich feindlich gesinnten Gruppen beherrscht. Ein großer Teil steht nach wie vor unter der Führung des syrischen Machthabers Baschal al-Assad. Die Assad-feindlichen Oppositionsgruppen sind sehr heterogen zusammengesetzt und bekämpfen sich zum Teil auch gegenseitig. Ihr größtes Einzugsgebiet beschränkt sich inzwischen auf die Region um Idlib.

Im Nordosten des Landes, auf gut einem Drittel des syrischen Territoriums, haben sich kurdische Gruppierungen ab 2015 ein autonomes und selbstverwaltetes Gebiet aufgebaut. Sie nennen es Demokratische Föderation Nordsyrien – besser bekannt als Rojava (auf der Karte als SDF-Gebiet bezeichnet).

Bild

karte: watson/lea, quelle: syriancivilwarmap.com

Erdogan und die PKK

Dem türkischen Präsidenten Erdogan ist Rojava ein besonderer Dorn im Auge. Auch im eigenen Land geht er mit eiserner Hand gegen kurdische Politiker vor und stellt diese oftmals unter Generalverdacht, gemeinsame Sache mit der PKK, der Arbeiterpartei Kurdistans, zu machen. Diese gilt in der Türkei als Terrororganisation. In den Augen von Erdogan ist Rojava ebenfalls eine terroristische Bedrohung, weil die dortigen kurdischen Milizen der PKK nahe stünden.

Die neuste türkische Militäroffensive konzentriert sich bisher vor allem auf die Region um die Grenzstädte Tel Abyad, Serekaniye und Qamishlo. Am vergangenen Sonntag bombardierte die türkische Luftwaffe in der Nähe der Stadt Serekaniye einen Autokonvoi mit Zivilisten und Journalisten. Elf Menschen, darunter zwei Lokaljournalisten wurden getötet.

Was genau ist Rojava?

Die Entstehung von Rojava geht einher mit dem Erstarken der Terrormiliz Islamischer Staat ab 2014 im Irak und Syrien. Völlig hilflos schaute damals die Weltgemeinschaft auf das Treiben der Schreckensherrschaft, bis die Dschihadisten bei der Schlacht um Kobane auf den erbitterten Widerstand der kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG und der Frauenverteidigungseinheiten YPJ stießen. Die Kurden waren die ersten, denen es gelang es, die Terrormiliz zu schlagen.

Von Kobane aus kämpften die kurdischen Einheiten weiter. Unterstützt von der Obama-Regierung, befreiten sie Stadt um Stadt von dem IS, bis sie im März dieses Jahres die endgültige Niederlage der Dschihadisten in Syrien erklärten. Auf dem befreiten Gebiet errichteten die Kurden eine autonome Selbstverwaltung, die Demokratische Föderation Nordsyrien – besser bekannt unter dem Namen Rojava. Zunächst bestand das Gebiet aus den drei Kantonen Kobane, Afrin und Cizire. Heute zieht es sich über weite Strecken von Nordsyrien und beheimatet geschätzt fünf Millionen Menschen – Kurden, Araber, Christen, Armenier, Turkmenen und Assyrer.

Wie ist Rojava aufgebaut?

In Rojava soll eine multiethnische, multireligiöse und basisdemokratische Gesellschaft aufgebaut werden. Als ideologische Grundlage des Projekts gelten die Lehren des in der Türkei inhaftierten PKK-Gründers Abdullah Öcalan. Als einziger Ort der Welt wird in Rojava nach dem System des demokratischen Föderalismus regiert. Das bedeutet, dass es für jede Institution, angefangen bei der kommunalen Verwaltung bis hin zur Präsidentschaft, immer eine Doppelspitze gibt – jeweils ein Mann und eine Frau.

Versucht wird, eine freie Gesellschaft aufzubauen. Nebst der Gleichstellung der Geschlechter nimmt dabei auch die Ökologie eine zentrale Rolle ein. In den selbstverwalteten Kommunen soll die Landwirtschaft dezentral und ökologisch organisiert werden.

Wer sind die verschiedenen Akteure?

In die Militäroffensive in Rojava sind nebst der türkischen Armee auch das Assad-Regime, Russland und die USA involviert. Die wichtigsten Akteure im Krieg sind:

Wie geht es jetzt weiter?

Die Kämpfe dauern an. Am Sonntag ist nach Angaben der türkischen Regierung trotz ein türkischer Soldat getötet worden. Ein weiterer Soldat sei bei dem Angriff kurdischer Milizkämpfer am Sonntag verletzt worden, teilte das Verteidigungsministerium in Ankara mit.

Noch wütet der Krieg also weiter. Je länger desto mehr dürfte es allerdings für Erdogan schwierig werden, seine Offensive fortzuführen. Mit Russland an der Seite von Assad steht Erdogan jetzt ein Bündnis-Partner gegenüber.

Doch was passiert mit Rojava? Assad kommt der Deal mit den SDF zu Gute, um die Kontrolle über die autonomen Gebiete in Nordsyrien zurückzuerlangen. Inwiefern die Kurden ihre Selbstverwaltung weiterführen können, wird sich zeigen. Medienberichte sprechen derweil bereits von einem Countdown für ein chaotisches Ende des achtjährigen Kriegs in Syrien. Der einzige klare Sieger hieße in diesem Fall wohl Assad.

0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Dieser Welpe überlebte den Angriff auf Bagdadi – so geht es ihm nun

Bobe heißt der Welpe, der den Angriff auf das Versteck des IS-Anführers ohne Kratzer überstand. Ein syrischer Foto-Journalist fand ihn neben seiner toten Mutter.

Fared Alhor wollte am Montagmorgen eigentlich Fotos von der Ruine des getöteten IS-Anführers Abu Bakr Al-Bagdadi machen, berichtet der Journalist dem US-Sender CNN. Am Sonntag haben US-Spezialkräfte laut eigenen Angaben den IS-Chef in seinem Versteck in Syrien angegriffen und getötet.

Alhor besuchte die Ruine – und fand einen Welpen vor, vollkommen mit Staub bedeckt. Winselnd sei der Hund neben seiner beim Angriff umgekommenen Mutter gestanden. Der Kleine wäre ohne fremde Hilfe wohl verhungert.

Der …

Artikel lesen
Link zum Artikel