Interview
Erik Marquardt

Erik Marquardt ist 32 und Europaabgeordneter der Grünen. In seinem Alltag als Parlamentarier in Brüssel musste er sich erst zurechtfinden Bild: watson / maria pelteki

Interview

Grüner in Brüssel: "Manche AfD-Abgeordnete wollen nicht arbeiten"

Zu teuer, unübersichtlich und intransparent. So wird die EU oft von denen beschrieben, die sie kritisieren. Ein AfD-Abgeordneter ging sogar in den vergangenen Wahlkampf mit der Aussage, man würde im EU-Parlament fürs Nichtstun Millionen an Steuergeldern bekommen und genau das wolle er auch tun. Aussagen, die mich stutzig machen. Wie ist der Alltag als EU-Parlamentarier?

Erik Marquardt ist 32 Jahre alt und sitzt seit vergangenem Mai für die Grünen im EU-Parlament. Watson hat sich mit ihm in einem Café in Berlin zum Interview verabredet.

Wir wollten von ihm wissen, wie er seine ersten Monate als EU-Abgeordneter erlebt hat, ob er ernst genommen wird trotz seines relativ jungen Alters und wie er den Rechtsruck in Deutschland wahrnimmt.

"Viele haben Visionen und Vorstellungen, für die sie diesen Job machen, der nicht besonders leicht ist"

Watson: Im Mai vergangenen Jahres wurden Sie ins Europaparlament gewählt. Wie haben Sie die ersten Monate als EU-Abgeordneter erlebt?

Erik Marquardt: Es ist eine große Veränderung im Leben, allein schon, weil ich einen neuen Job habe und in eine andere Stadt gezogen bin. Davor war ich Foto-Journalist und habe frei für mich selbst gearbeitet. Heute habe ich einen Terminkalender, den ich mit mehreren Leuten abstimmen muss.

Was war das Merkwürdigste am neuen Job?

Für mich war es komisch zu erleben, dass es da Leute gibt, die noch rechts von der AfD stehen. Es ist merkwürdig, wenn man in der Cafeteria neben Leuten sitzt, über die man später rausfindet, dass sie zu Hause Nazi-Uniformen tragen. Ich musste erstmal rausfinden, wer ist nett und wer nicht.

Wie stressig ist der Job als EU-Parlamentarier?

Du musst lernen,Prioritäten zu setzen, sonst verzettelst du dich. Du bist quasi jeden Abend bei irgendeinem Empfang eingeladen, musst da aber auch noch arbeiten, wenn du nicht nur Dienst nach Vorschrift machen willst. Das ist immer noch eine Herausforderung, weil ich zu vielen Themen arbeiten und dazu lernen möchte, aber auch nur 24 Stunden habe, wie jeder andere auch.

Wie stressig ist so ein Tag als Abgeordneter? Ein Beispiel:

Marquardts Pressereferent Krsto Lazarević erklärt uns vor dem Treffen, dass er die Tage, an denen sein Chef in Berlin ist, immer komplett mit Terminen verplant, um die Zeit optimal zu nutzen. Als wir uns mit Erik Marquardt treffen, ist er gerade noch in einem anderen Gespräch mit einem Mitarbeiter der Heinrich-Böll-Stiftung und bittet uns, noch zehn Minuten zu warten.

Am Morgen hatte Marquardt ein Podcast-Interview, das eine halbe Stunde zu spät angefangen hat und die Verzögerung zieht sich jetzt durch den ganzen Tag. "Erik hat inzwischen gelernt, Interviews zu geben und nebenher zu essen. Anders geht das einfach auch gar nicht bei diesem Pensum", erzählt sein Pressereferent Krsto Lazarević.

"Es ist in der Tat so, dass Abgeordnete von der AfD nicht arbeiten wollen und das dann auch nicht müssen"

Es gibt AfD-Politiker, die damit Wahlkampf machen, im Europaparlament viel Geld zu verdienen und wenig arbeiten zu müssen. Können Sie das bestätigen?

Es ist in der Tat so, dass Abgeordnete von der AfD nicht arbeiten wollen und das dann auch nicht müssen. Das merkt man bei den Abstimmungen. Da sind Leute aus den Rechtsaußen-Fraktionen oft nicht anwesend. Oder auch bei den Gremien und Ausschüssen. Die generelle Kritik an der EU von der rechten Seite ist ja häufig: "Das ist so undemokratisch, man kann da nichts mitbestimmen." Ich merke, dass diese Leute aber eigentlich gar kein Interesse haben, konstruktiv mitzuarbeiten. Ich kann für die demokratischen Parteien sagen – und das nicht nur für die Grünen –, dass hier viele sehr hart arbeiten. Viele haben Visionen und Vorstellungen, für die sie diesen Job machen, der nicht besonders leicht ist.

Erik Marquardt

watson / maria pelteki

Wie sieht so eine Arbeitswoche aus?

Ich habe eine voll getaktete Woche in Brüssel, am Wochenende bin ich im Wahlkreis und einmal im Monat dann in Straßburg. Ich habe kaum einen Tag frei und kaum einen Tag, an dem ich nicht morgens früh anfange zu arbeiten und spätabends erst fertig bin. Es gibt wenig Gründe, sich darüber zu beklagen, weil man auch gut bezahlt wird für den Job, aber es stimmt einfach nicht, dass das eine fünfjährige, übermäßig gut bezahlte Kreuzfahrt ist, wie das teilweise dargestellt wird.

Der Altersdurchschnitt im EU-Parlament liegt bei knapp 50 Jahren. Sie sind 32 Jahre alt. Nimmt man Sie ernst?

Es gab früher den Spruch: "Hast du einen Opa, schick ihn nach Europa." Da war das Klischee, dass man gerne ausgediente Bundespolitiker nach Brüssel abgeschoben hat. Bei den Grünen zumindest ist das nicht so, da gibt es alte Abgeordnete, aber auch sehr junge – jünger als ich. Ganz viele Menschen mit unterschiedlichen Berufen und Perspektiven. Das findest du sicher so nicht im Bundestag.

"Ich glaube, wenn man jung ist, muss man sich mehr beweisen"

Haben Sie den Eindruck, dass Sie sich mehr durchsetzen müssen?

Ich glaube, wenn man jung ist, muss man sich mehr beweisen. Noch mehr, als man das sowieso schon muss, weil man neu ins Parlament gewählt wurde. Aber ich denke, dass das auch zeigen kann, dass es keine Schwäche ist, nicht schon seit dreißig Jahren im Parlament zu sitzen, sondern auch neue Ideen und Perspektiven bietet. Umgekehrt kann ich Leute auch teilweise nicht ernst nehmen, wenn sie seit dreißig Jahren im Parlament sitzen, vollkommen motivationslos sind und Geschichten von vorm Krieg erzählen.

Nervt es Sie, auf Ihr Alter angesprochen zu werden?

Als junger Abgeordneter wird man oft als Sprecher der jungen Generation gesehen. Ich finde das albern, weil es auch bei jungen Leuten Menschen mit unterschiedlichen Meinungen gibt. Elmar Brok [Ehemaliger, dienstältester Abgeordneter des EU-Parlaments, Anm. d. Red.] wurde doch auch nicht gefragt, was jetzt die Meinung der Rentner zu diesem oder jenem Thema ist.

Wie haben Sie den Diskurs nach der Ministerpräsidentenwahl in Thüringen wahrgenommen? Macht das Ihnen Angst?

Das fand ich tragisch. Mir macht Rechtspopulismus dann Angst, wenn er anschlussfähig wird. Ich finde Thüringen interessant, weil es offenbar gar keine Warnleuchten mehr bei einigen Leuten innerhalb der FDP und der CDU gab, die erkannt hätte, wie gefährlich das ist. Die dachten sich, "ok, wenn wir da so an die Macht kommen können, dann sitzen wir das eben eine Weile aus und anschließend führen wir die AfD an der Nase lang". Die haben gar nicht gemerkt, welchen Schaden sie damit anrichten und wie sie für eine Anschlussfähigkeit für rechtes Gedankengut sorgen.

Das machen sie schon seit Jahren, indem sie jedes Mal, wenn es um Rechtsextremismus geht, reflexhaft auch erwähnen müssen, dass es auch Linksextremismus gibt und die Linkspartei so gar nicht geht. Wenn man Ramelow im Fernsehen sieht kann man gerne sagen, "ja, mag ich" oder "mag ich nicht", aber wenn man ihn in einem Atemzug mit Björn Höcke nennt, dann ist man eben ein Steigbügelhalter für Björn Höcke. Bodo Ramelow ist kein Radikaler, das kann man mir einfach nicht erzählen.

"Wir brauchen auch die Konservativen und Liberalen im Kampf gegen rechts"

Auf der anderen Seite gab es ja aber auch Stimmen innerhalb von CDU und FDP, die das sofort kritisiert haben, so wie Katja Suding…

Ja, das fand ich auch sehr begrüßenswert und eher unüblich für CDU und FDP. Da sind auch Leute dabei gewesen, mit denen ich mich inhaltlich schon sehr gestritten habe, die mich aber positiv überrascht haben. Paul Ziemiak und Markus Söder sind jetzt keine Leute, mit denen ich sonst viel übereinstimme. Söder hat Mittelmeerrettung als Asyl-Tourismus bezeichnet. Er, aber auch AKK und der FDP-Politiker Konstantin Kuhle haben ganz klar gemacht, wo sie stehen.

Ich finde es deshalb auch nicht hilfreich, pauschal alle CDU/CSU- und FDP-Politiker als einen Haufen Nazifreunde abzutun. Markus Söder kann relativ wenig dafür, wie in Thüringen abgestimmt wird. Wir brauchen auch die Konservativen und Liberalen im Kampf gegen rechts. Dass Plakate von Konstantin Kuhle mit Farbe beschmiert werden, ist da nicht hilfreich. Kuhle hat sich mit dem, was er gesagt hat, mehr im Kampf gegen rechts engagiert, als derjenige der sein Plakat beschmiert.

Erleben Sie im EU-Parlament, dass bürgerliche Parteien den Rechtsextremisten den Weg ebnen?

Das EU-Parlament funktioniert deutlich besser, als man denkt. Im Gegensatz zum Bundestag wird dort mit wechselnden Mehrheiten gearbeitet. Das heißt, dass nicht am Anfang der Legislaturperiode mit einem Koalitionsvertrag alles geklärt und anschließend abgestimmt wird, sondern für Gesetzesentwürfe Mehrheiten neu gesucht werden müssen.

Ursula von der Leyen hat für ihre Vorhaben teilweise auf die Stimmen von Rechtspopulisten wie der italienischen Lega von Matteo Salvini oder der polnischen PiS-Partei zurückgegriffen. Das finde ich gefährlich. Insgesamt gibt es aber einen Grundkonsens, dass man mit den ganz Rechtsaußen im Parlament, AfD und Co. nicht zusammenarbeitet.

Erik Marquardt engagiert sich für Seenotrettung auf dem Mittelmeer und war auch auf einigen Missionen dabei. Wir haben mit ihm daher auch über seine Haltung zu Migration und Seenotrettung gesprochen. Der zweite Teil unseres Interviews hierzu erscheint am nächsten Wochenende.

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