Interview
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Mag schwarz und rot und gold. Finn Wandhoff, Vorsitzender der Schülerunion. Bild: Schüler Union Deutschlands/Bundesgeschäftsstelle/imago/watson-montage

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Nicht der AfD überlassen: Darum will Schülerunion Deutschlandflaggen vor Schulen

Schulgebäude sollen zukünftig dauerhaft beflaggt werden. Zumindest, wenn es nach Teilen der CDU geht. Die Idee: Neben der Flagge des jeweiligen Bundeslandes und der EU-Fahne soll auch die Deutschlandflagge künftig vor deutschen Schulen wehen.

Den Beflaggungsantrag bringt die baden-württembergische CDU auf dem am Freitag beginnenden CDU-Bundesparteitag in Leipzig ein. Der Vorschlag kommt aber ursprünglich von der CDU-nahen Schülerunion. Die hatte den Beflaggungsbeschluss bereits im Herbst 2018 auf ihrer Bundesschülertagung gefasst.

Grund genug, um einmal bei den Nachwuchskonservativen nachzufragen, was das jetzt eigentlich genau soll, mit den Fahnen vor Schulen. Der 19-jährige Finn Wandhoff, seit 2017 Bundesvorsitzender der Schülerunion, im watson-Interview.

watson: Warum die Deutschlandflagge vor Schulen?

Finn Wandhoff: Wir wollen mehr Patriotismus unter jungen Menschen fördern. Gerade nach der Flüchtlingskrise brauchen wir einende Symbole, die alle, auch Menschen mit Migrationshintergrund, miteinander verbindet. Zu unserer Forderung gehört ja nicht nur das Hissen der Deutschland-, sondern auch der Europaflagge.

Aber lässt sich Patriotismus verordnen?

Man kann zumindest darauf hinweisen, dass wir ein positives Gefühl zu unserem Land einfordern und fördern. Und das sollte an Schulen passieren.

Das erinnert ein bisschen an den Kreuzerlass durch Markus Söder in Bayern im vergangenen Jahr. Jetzt die Fahnendiskussion. Ist das nicht reine Symbolpolitik?

Wir tun dem Thema unrecht, wenn wir das miteinander verbinden. Das Kreuz ist ja wirklich ein religiöses Symbol des Christentums…

Söder hat es damals auf seine ganz eigene Art zu einem nichtreligiösen Symbol erklärt…

Die deutsche Flagge aber ist ein reines Rechtsstaatssymbol. Und sie ist auch ein Symbol der Demokratie-Entstehung in Deutschland. Die Flaggen, die gegen ein demokratisch verfasstes Deutschland standen, hatten immer andere Farben getragen. Schwarz-Rot-Gold aber stand immer für Demokratie, freiheitliche Grundwerte und Aufklärung.

Statt Schulen zu beflaggen, könnte man ja dafür sorgen, sie angemessen auszustatten. Oder wie wäre es mit Bildung statt Beflaggung?

Das ist für mich kein Widerspruch. In Bildung muss natürlich stetig investiert werden. Die Flagge ist eben jetzt eine konkrete Forderung, die für eine konkrete Sache steht: Gemeinsamkeit schaffen und freiheitliche Grundwerte vor den Schulen sichtbar machen. Gerade in Zeiten, in denen diese Werte angegriffen werden.

Ursprünglich war die Deutschlandflagge ein progressives Zeichen gegen Monarchie und galt unter Rechten als verhasstes republikanisches Symbol. Heute haben Pegida und AfD Schwarz-Rot-Gold für sich entdeckt. Ist eure Fahnenforderung auch ein Versuch, die Fahne den Rechtspopulisten wieder wegzunehmen?

Es ist auch eine Trotzreaktion von überzeugten Demokraten. Und die Forderung kam ja von uns Schülern. Von Schülern, die im Geschichtsunterricht vielleicht ein bisschen besser aufgepasst haben als die Leute, die bei Pegida mit Schwarz-Rot-Gold auf die Straße rennen und gleichzeitig für Werte stehen, die überhaupt nichts mit Freiheit und Demokratie zu tun haben.

Wir wollen deshalb die Farben und die Bedeutung des Symbols gegen Rechtspopulisten verteidigen. Sie missbrauchen die Deutschlandflagge.

Und wir haben ja gesehen, was passiert, wenn Demagogen Symbole vereinnahmen. Wir halten das, was AfD und Co. machen, für einen ganz billigen Kartenspielertrick. Wir dürfen denen diese Symbole nicht überlassen.

Aber reicht es da, den Populisten die Symbole einfach wegzunehmen? Braucht es inhaltlich nicht ein bisschen mehr?

Klar, es ist im Prinzip erst einmal nur ein Anstoß. Ein Zeichen dafür, dass man dieser Geisteshaltung gerade in der Schule entgegentreten und eben auch über die Fehlinterpretation von Schwarz-Rot-Gold aufklären muss. Mein Geschichtslehrer war überzeugter Sozialdemokrat und hat ganz viel im Unterricht dafür getan, dass wir diesen Missbrauch der Flagge durch Rechtspopulisten erkennen. Das heißt aber auch auf der anderen Seite: Nur, weil einer eine Deutschlandfahne schwenkt, ist er noch kein Nationalist oder Rechtspopulist, sondern im Zweifel jemand, der Geschichte und Werte hinter dieser Fahne gegenüber denen verteidigen möchte, die das versuchen zu missbrauchen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war es die SPD, die sich für die Wiedereinführung von Schwarz-Rot-Gold eingesetzt hat. CDU/CSU wollten die "Kreuzflagge" des 20. Juli 1944 als neue Nationalflagge. Im Grunde übernehmt ihr da gerade SPD-Position…

Es gibt ja so einen Spruch: Der Konservative verteidigt heute das, was er früher bekämpft hat. Das ist ja vielleicht auch eine Form von modernem Konservatismus. Ich glaube, heute würde sich auch Konrad Adenauer mit Schwarz-Rot-Gold durchaus versöhnen.

Neben Schwarz-Rot-Gold für Schulen fordert ihr jetzt auch eine Legalisierung von Cannabis. Hätte das Adenauer heute auch gut gefunden?

Ich will Adenauer jetzt nicht in Geiselhaft nehmen. Man wird generell historischen Personen nicht gerecht, wenn man behauptet, sie seien in der Gegenwart für dieses und jenes. Jeder ist ja irgendwie Kind seiner Zeit. Wir verstehen die Legalisierung auch nicht als linksprogressive Forderung.

Sondern?

Es ist eigentlich oberstes Gebot des Rechtsstaates, dafür zu sorgen, die finanziellen Quellen von Dealern trocken zu legen. Bei einem Gut wie Cannabis, dass längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, macht eine Prohibition aus Sicherheitsgründen, aus gesundheitlichen Gründen und auch aus Präventionsgründen überhaupt keinen Sinn mehr. Und dazu haben wir uns jetzt bekannt.

(ts)

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