Interview
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2007 verschwand Maddie McCann. Nun führt eine Spur zu einem Mann nach Deutschland. Bild: PA Wire / John Stillwell

Interview

Kriminalanalyst zu Fall Maddie: "Machtausübung ist ein ganz wesentliches Motiv"

Nach 13 Jahren Ermittlungsarbeit ist diese Woche Bewegung in den Fall Madeleine "Maddie" McCann gekommen. Die damals 3-Jährige verschwand 2007 spurlos aus einer Hotelanlage in Portugal. Nachdem zwischenzeitlich sogar die Eltern des Mädchens für ihr Verschwinden verantwortlich gemacht wurden, hat sich am Mittwoch eine Spur nach Deutschland aufgetan.

Ein 43-jähriger, mehrfach vorbestrafter Mann wird aktuell der Entführung und Ermordung des Mädchens verdächtigt. Er sitzt derzeit in Kiel eine alte Haftstrafe ab, die das Amtsgericht Niebüll bereits 2011 gegen ihn verhängt hatte. Dabei ging es um Handel mit Betäubungsmitteln. Bewiesen ist noch nichts, aber die Nachricht über die neuen Erkenntnisse sorgte für viel Aufsehen, vor allem in Großbritannien und Portugal.

Nach Angaben der Ermittler lebte der Beschuldigte zwischen 1995 und 2007 regelmäßig an der Algarve, darunter einige Jahre in einem Haus zwischen Lagos und Praia da Luz. Immer wieder pendelte er zwischen Deutschland und Portugal, wurde in beiden Ländern mehrmals straffällig. Im September 2017 wurde er wegen Besitz von Kinderpornografie und sexuellen Missbrauchs eines Kindes vom Landgericht Braunschweig verurteilt. Der Mann habe eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und drei Monaten erhalten, die er bereits verbüßt habe, bestätigte Thomas Klinge, Sprecher der für Kinder- und Jugendpornografie zuständigen Staatsanwaltschaft Hannover.

Watson hat mit dem Kriminalanalysten Mark T. Hofmann gesprochen und ihn um seine Einschätzung gebeten. Wir wollten wissen, was den Fall nach 13 Jahren noch so außergewöhnlich macht, was für eine mögliche Täterschaft des 43-Jährigen spricht, ob es entlastende Punkte gibt und ob der Fall nun vor einer Lösung steht.

Watson: Herr Hofmann, was macht den Fall Maddie McCann so besonders?

Mark T. Hofmann: Die Vorgehensweise, der sogenannte modus operandi, ist sehr ungewöhnlich. Entführungen laufen normalerweise anders ab. Einzelne Täter suchen ihre Opfer im persönlichen Umfeld, etwa im Sportverein oder der eigenen Familie. Statistisch betrachtet sind die Eltern die gefährlichsten Personen für ein Kind. Auch im Internet werden Entführungen angebahnt, etwa in Onlinechats.

Die organisierte Kriminalität auf der anderen Seite entführt Menschen typischerweise aus dem Drogen- oder Prostitutionsmilieu oder sucht sich Ziele in ärmeren Stadtvierteln. Keine der genannten Tätergruppen entführt Kinder aus gut behüteten Hotelanlagen in Portugal, das ist aus Tätersicht viel zu riskant. Der Fall Maddie ist daher so außergewöhnlich, dass man sagen kann: Er ist einmalig.

"Es gibt vier wesentliche Punkte, die für eine mögliche Täterschaft sprechen."

Das heißt, Sie gehen davon aus, dass der Täter Maddie McCann zufällig auswählte?

Ja. Maddie McCann war möglicherweise ein Zufallsopfer. Die Vorstrafen des Verdächtigen deuten darauf hin. Möglicherweise wollte er in die Hotelanlage einbrechen, wie er es zuvor schon getan hatte. Im Laufe des Einbruchs könnte sich das Motiv dann gewandelt haben, vom Einbruch zur Entführung.

Welche Punkte sprechen aus Ihrer Sicht für die Täterschaft des deutschen Verdächtigen?

Es gibt vier wesentliche Punkte, die für eine mögliche Täterschaft sprechen. Zum einen seine Neigungen, der Verdächtige ist bereits vorher mit Kindesmissbrauch aufgefallen, auch mit dem Besitz und der Verbreitung von Kinderpornografie. Auch Exhibitionismus haben wir vom Verdächtigen bereits gesehen, er hat vor einem Kind seine Hose ausgezogen. Dazu kommt die Vergewaltigung einer 72-Jährigen in Portugal.

Er war zudem zur tatrelevanten Zeit am tatrelevanten Ort und er kannte die Gegend zwischen an der Algarve wie seine Westentasche. Auch die weiteren Vorstrafen für Einbrüche und Diebstähle in Hotelanlagen passen ins Profil. Zuletzt hat er außerdem kurz nach dem Tatzeitpunkt sein Auto in Deutschland umgemeldet, das diente möglicherweise der Verschleierung der Straftat.

"Machtausübung ist ein ganz wesentliches Motiv."

Ist das nicht ein Widerspruch, Kindesmissbrauch und die Vergewaltigung einer 72-Jährigen?

Nein. Viele Täter, die sexuelle Straftaten an Kindern begehen, sind nicht pädophil. Die Gemeinsamkeit bei Kindern und alten Menschen liegt in ihrer Wehrlosigkeit, sie sind sogenannte easy victims. Hierin sehe ich das Motiv des Täters. Es geht ihm darum, ein Machtgefühl über möglichst hilflose Menschen zu erleben.

Machtausübung als Motiv?

Ja. Sexueller Missbrauch zieht sich wie ein roter Faden durch die kriminelle Karriere des Verdächtigen. Das bedeutet, Machtausübung ist ein ganz wesentliches Motiv. Vergewaltigung und Mord sind die ultimativen Elemente der Machtausübung. Wer einen anderen Menschen ermordet, der entscheidet über Leben und Tod.

Was spricht bisher dagegen, dass der Verdächtige Maddie entführt und/oder getötet haben könnte?

Ich kann bei einer ersten Betrachtung nur Punkte finden, die für eine Täterschaft sprechen. Wichtig ist aber auch: Es handelt sich hierbei um Indizien, keine Beweise für eine Straftat. Indizien liefern eine plausible Theorie oder Tipps. Nun geht es darum, aus diesen Indizien auch Beweise zu machen. Um es klar zu sagen: Nur weil jemand ins Profil passt und vor Ort war, reicht das nicht für eine Verurteilung.

"Ich glaube nicht, dass der Verdächtige die Tat gesteht."

Warum wurde kein Haftbefehl erlassen?

Der Tatverdächtige verbüßt bereits eine Haftstrafe und kann daher keine weiteren Straftaten begehen. Es geht also nicht darum, ihn zu inhaftieren, sondern um eine zusätzliche Verurteilung, die seine Haftstrafe erheblich verlängern würde.

13 Jahre nach der Tat: Wie hoch sind da die Chancen, dass die Staatsanwaltschaft eine wasserfeste Anklage bekommt?

Das wird davon abhängen, ob es noch weitere Hinweise oder Mitwisser aus der Bevölkerung gibt. Um diesen Fall abzuschließen, benötigt die Staatsanwaltschaft entweder die Leiche des Mädchens, ein Geständnis oder Zeugen. Ohne wenigstens eines dieser drei Elemente wird eine Verurteilung schwierig.

This photo provided by the German Federal Police, Bundeskriminalamt, BKA, on Wednesday, June 3, 2020, shows a camper van vehicle. British police said Wednesday that a German man has been identified as a suspect in the case of 3-year-old British girl Madeleine McCann, who disappeared 13 years ago while on holiday in Portugal. Police from Britain, Germany and Portugal launched a new joint appeal for information in the case Wednesday. They asked to come forward anyone who had seen two vehicles linked to the suspect _ the Volkswagen camper van and a Jaguar. (Bundeskriminalamt via AP)

Eines der Fahrzeuge, die der Verdächtige 2007 benutzt haben soll. Bild: BKA - Bundeskriminalamt

Glauben Sie, dass der Verdächtige gesteht?

Das halte ich für unwahrscheinlich. Der Verdächtige hat in der Vergangenheit die Schuld für andere Taten immer von sich gewiesen oder eine schwere Kindheit als Mitleids-Argument ins Feld geführt. Dazu möchte ich sagen, dass die wenigsten Menschen, die eine schwere Kindheit hatten, Serientäter werden. Das ist nur eine schwache Erklärung für ein Verhalten. Am Ende ist es immer eine Mischung aus Person und Situation.

Ich glaube eher, dass sich nun Zeugen melden werden, die vielleicht die gezeigten Fahrzeuge oder den Verdächtigen erkannt haben. Auch Opfer früherer Verbrechen, die sich bislang nicht gemeldet haben oder den Verdächtigen wiedererkennen, könnten in den nächsten Tagen die Ermittler kontaktieren. Es ist gerade in Fällen von Kindesmissbrauch typisch, dass im Laufe der Ermittlungen noch weitere Opfer auftauchen. Mit solchen neuen Hinweisen könnte es zu einer erfolgreichen Verurteilung kommen. Ich wünsche der Familie und den Ermittlern sehr, dass das gelingt.

(pcl)

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