Wirtschaft
Bild

Bild: Getty/watson-montage

Entlassungen, Gewinnwarnungen: Deutsche Unternehmen im perfekten Sturm

Ob, VW, Deutsche Bank oder BASF: Die deutschen Vorzeigeunternehmen glänzen nicht mehr – und der lahmende Welthandel setzt dem Exportweltmeister weiter zu.

Philipp Löpfe / watson.ch

"Ich mache mir mehr Sorgen um Deutschland als um Italien", hat Samy Chaar, Chefökonom der Bank Lombard Odier, kürzlich in einem Interview mit watson erklärt. Seine Sorgen sind begründet. Die Wirtschaftsnews aus Deutschland waren in den vergangenen Tagen alles andere als erfreulich:

Die krisengebeutelte Deutsche Bank will 18.000 Jobs streichen. Der CEO von BMW tritt wegen schlechter Zahlen zurück. Daimler erschreckt die Investoren mit einer Gewinnwarnung, ebenso der Chemiekonzern BASF. Bayer hat derweil die unglückselige Übernahme von Monsanto noch nicht verkraftet.

VW verspürt immer noch die Nachwirkungen des Dieselskandals und will ebenfalls Arbeitsplätze abbauen. Ähnliche Pläne hegen der Softwaregigant SAP und der Stahlbauer Thyssenkrupp AG.

Düstere Zahlen

In dieses düstere Bild passt, dass rund ein Drittel der Publikumsgesellschaften Gewinnwarnungen, Restrukturierungspläne oder juristische Dispute verkündet haben.

Das Herz der deutschen Wirtschaft ist die Autoindustrie. Rund 800.000 Menschen arbeiten entweder für einen Autohersteller oder einen Zulieferer. Ohne Autoindustrie wäre das deutsche Wirtschaftswunder in den letzten Jahren ausgeblieben. Sie war zwischen 2007 und 2017 für mehr als die Hälfte des Wirtschaftswachstums verantwortlich.

Bild

Im VW-Werk in Wolfsburg. Bild: www.imago-images.de/Darius Simka

Das deutsche Auto-Herz schlägt derzeit deutlich schwächer. Der Dieselskandal wirkt weiter nach, nicht nur bei VW, sondern auch bei Mercedes und BMW. Die Autobosse verkünden inzwischen zwar lauthals, dass sie künftig ebenfalls auf Elektroautos setzen. Ob sie es auch schaffen werden, den technischen Rückstand auf Tesla aufzuholen und der neuen Konkurrenz aus China die Stirne zu bieten, ist ungewiss.

Nicht nur die Zahlen der Großkonzerne sind ernüchternd, auch die volkswirtschaftliche Bilanz sieht verhangen aus: Im letzten Herbst entging Deutschland knapp einer Rezession. In den ersten Monaten des laufenden Jahres wuchs die Wirtschaft magere 0,7 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP). Bis Jahresende werden es nach Angaben von Berlin nicht wie ursprünglich prophezeit 1,8, sondern gerade mal 0,5 BIP-Prozent sein.

Zur ökonomischen gesellt sich eine politische Misere. Die Kanzlerin erleidet Zitteranfälle, die dominierenden Volksparteien befinden sich im freien Fall und – was lange undenkbar schien – radikale Rechte befinden sich wieder auf dem Vormarsch. Die AfD ist nicht nur erfolgreich, sie wird auch täglich brauner.

Der Welthandel lahmt

"Die deutsche Wirtschaft ist sehr verletzlich. Sie hat von der Globalisierung profitiert, aber die Globalisierung befindet sich auf dem Rückzug", hat Chefökonom Chaar weiter gewarnt. Auch damit liegt er richtig.

In den USA neigt sich der längste Wirtschaftsaufschwung der Geschichte seinem Ende zu. China hat seinerseits soeben die schwächsten Wachstumszahlen der jüngeren Geschichte verkündet. Die amtierende und die aufkommende Supermacht sind die Lokomotiven der Weltwirtschaft.

Der Handelsstreit zwischen den beiden zeigt jedoch Folgen: Der internationale Handel hat sich merklich abgekühlt.

Europa steht derweil vor schicksalshaften Monaten. Ein No-Deal-Brexit mit ungewissen Folgen für die Wirtschaft wird immer wahrscheinlicher. Die hochverschuldete italienische Wirtschaft bleibt eine tickende Zeitbombe in Euroland. Für den Exportweltmeister ist beides Gift.

Den Deutschen ist es immer noch nicht gelungen, ihren Binnenmarkt in Schwung zu bringen. Zu groß ist die Angst vor einer nicht existierenden Inflationsgefahr und die Fixierung auf eine "schwarze Null" in der Staatskasse.

Viel Urlaub, wenig CO2: So gehts!

Play Icon
0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Fernbus-Ticketpreise sind so teuer wie nie – warum die Branche trotzdem wächst

Im Grunde ist das eine paradoxe Situation: Für Fernbuskunden in Deutschland wächst das Angebot, aber auch die Preise steigen.

Die Marktforscher beobachten schon länger, dass es Bus-Anbietern besser gelingt, die einzelnen Preise ähnlich wie Fluggesellschaften der Nachfrage anzupassen und so die Erlöse zu erhöhen. Die Aktionspreise indes blieben in den vergangenen Jahren recht konstant und pendelten zwischen 3,6 und 4,3 Cent je Kilometer.

2018 konnte der deutsche Marktführer die Zahl …

Artikel lesen
Link zum Artikel