Interview
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Bild: gettyimages/privat/montage

Die Reform der Altenpflege-Ausbildung macht alles nur schlimmer, sagt Pfleger Stefan

60 Bewohner pro Pflegekraft im Altenheim, keine Zeit für die Nachsorge bei Patienten im Krankenhaus und private Träger,  die die Pflege nicht nach dem Menschen, sondern nach der reinen Wirtschaftlichkeit ausrichten. In den Krankenhäusern sind Arbeitsbedingungen und Bezahlung prekär. In den Seniorenheimen prekärer.

Stefan Heyde – selbst gelernter Krankenpfleger – will all das nicht mehr hinnehmen. Er setzt sich für eine Reform des Gesundheitswesens ein und hat die Seite "Pflegekräfte in Not"  ins Leben gerufen. 

Pflegekräfte aus ganz Deutschland nutzen ihn als anonymen Kummerkasten. Mit watson hat er über den Zustand der Pflege und Jens Spahn gesprochen und erklärt, warum man mit einer gesunden Oma kein Geld verdienen kann. Hier geht es zu Teil 1 des Interviews. 

Nun sprechen wir mit ihm über Lösungsvorschläge und die geplante Reform der Pflegeausbildung.

watson: Sie vergleichen das Gesundheitssystem mit einem rissigen Ballon mit ganz vielen Löchern, die seit Jahren nur mit Pflastern abgeklebt werden, aber nicht gestopft werden. Wie müssen Ihrer Meinung nach die Löcher gestopft werden?
Stefan Heyde
: Für mich ist die einzige Lösung eine Umstrukturierung des Gesundheitssystems – da kommen wir nicht drum herum. Die skandinavischen Länder haben uns das vorgemacht.

Gesundheitssystem in Skandinavien:

Das Gesundheitssystem ist staatlich organisiert und finanziert sich beinahe komplett durch Steuern. Dadurch steuert der Staat die Verwaltung und Versorgung anhand von medizinischen Kriterien.
Mediziner und Pflegekräfte haben mehr Zeit für die Patienten und ein höheres Gehalt.
Nur wenn jemand schwer krank ist, wird er schnell versorgt. Für alle anderen Menschen bedeutet das hingegen oft lange Wartezeiten.
Ein weiterer Kritikpunkt: Nur wer sich eine private Zusatzversicherung leisten kann, kann die Terminvergabe beschleunigen, indem er sich in eine private Behandlung gibt – es besteht die Gefahr einer Zwei-Klassen-Gesellschaft.

Ärzteblatt 

Eine Verstaatlichung bringt aber auch Probleme mit sich.
Ich will keine zweite DDR schaffen und alles wild verstaatlichen. Aber man muss der Privatwirtschaft die Möglichkeit nehmen, mit Gesundheit, Krankheit und Alter zu versuchen, Gewinne zu erwirtschaften.  

Haben Sie einen Vorschlag, wie man das erreichen könnte?
Man müsste das Thema Pflege steuerlich komplett unattraktiv gestalten, sodass es sich für Unternehmen nicht mehr lohnt. Oder man gibt es wieder in die Hände des Staates. Dadurch, dass das in den skandinavischen Ländern durch eine Zusatzsteuer finanziert wird, entstehen für Betroffene auch kaum Kosten, wenn sie zum Beispiel ins Pflegeheim gehen müssen.  

Welche Vorteile würden Sie für die Pflegekräfte in so einem System sehen?
Das Thema Lohndumping, ob in der Kranken- oder in der Altenpflege, wäre vom Tisch, weil das Gehalt für alle vom Staat geregelt wäre. Hinzu kommt, dass der Personalschlüssel – also das Verhältnis, wie viele Bewohner/Patienten von einer Pflegekraft betreut werden – vermutlich wesentlich besser wäre. In Skandinavien liegt er bei ca. 1 zu 5, bei uns bei 1 zu 12 im Schnitt in der Krankenpflege, in der Altenpflege ist er noch höher.  

Das sind die Arbeitsbedingungen. Aber wie sieht es beim Thema Lohn aus?
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass kaum eine Pflegekraft wirklich fordert, 4000 Euro oder so verdienen zu müssen, wenn genügend Personal da ist.

Wenn ich das Personal frage, dann sagen die meisten:

"Ich möchte gar nicht 1000 Euro mehr haben, ich hätte gerne einfach ein bis zwei Kollegen mehr, um mehr Zeit zu haben. Damit ich wieder das tun kann, was ich gelernt habe: zu pflegen, für die Menschen da zu sein, ihnen auch mal zuzuhören, wenn sie Sorgen haben."

Pfleger Stefan Heyde

Das sind alles Sachen, die heutzutage komplett auf der Strecke bleiben und den Beruf abwerten.

Reform der Pflegeausbildung: 

Derzeit gibt es drei separate Berufsausbildungen im Pflegebereich:
- Altenpfleger
- Gesundheits- und Krankenpfleger
- Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger.
Die Ausbildungen sollen ab 2020 zumindest teilweise zusammengeführt werden. Die Berufseinsteiger heißen am Ende je nach Qualifikation Pflegefachmann oder Pflegefachfrau, Altenpfleger oder Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger.
Die verschiedenen Einsatzmöglichkeiten etwa in der Altenpflege, im klinischen Bereich oder in der Kinderpflege sollen flexibler und der Wechsel einfacher werden.
Alle Auszubildenden erhalten zwei Jahre lang eine gemeinsame Ausbildung mit Unterricht an Pflegeschulen und praktischer Ausbildung bei einem Ausbildungsträger und weiteren Einrichtungen. Nach zwei Jahren können sie sich entscheiden, ob sie die generalistische Ausbildung im dritten Jahr fortsetzen oder sich spezialisieren und einen gesonderten Berufsabschluss in der Alten- oder Kinderkrankenpflege machen.
Erstmals wird es ergänzend zur beruflichen Ausbildung ein Pflegestudium geben.

dpa

Im vergangenen Jahr hat der Bundestag die Reform der Pflegeausbildung beschlossen. Was ist Ihre Meinung dazu?

Die Generalisierung an sich ist eine super Idee. Ich befürworte die Idee, weil dadurch alle Pflegeberufe einen gewissen gemeinsamen Standard haben, d.h. für einen gewissen Zeitraum lernt jeder nach dem gleichen Lehrplan. Am Ende dieser Zeit spezialisiert man sich dann auf einen der drei Berufe. Der Gedanke dabei ist grundsätzlich eine Aufwertung des Berufs, weil auch ein Studium möglich ist.
Das Problem dabei ist: In der Altenpflege sind die Bedingungen und die Bezahlung am schlechtesten. Wenn ich also qualifiziert bin und nicht nur nach Berufung entscheide, dann werde ich eher in die Krankenpflege gehen. Denn: In die Altenpflege habe ich in der Ausbildung reingeschnuppert, aber ich habe jetzt ja einen Bachelor und soll nun von A nach B rennen und alte Menschen auf die Toilette bringen. 

Wenn sie einen Studienabschluss haben, dann wollen die Menschen sicher auch mehr Geld verdienen.
Ja, und private Altenpflege-Einrichtungen werden sich diese Pflegefachmänner nicht leisten können oder wollen, d.h. die werden ausweichen auf Personal, das noch die alten Abschlüsse hat oder auf Fachkräfte aus dem Ausland. 

Durch die Generalisierung wird sich die Zahl der Menschen, die in der Altenpflege arbeiten, verringern. Generell wird es weniger Menschen in Pflegeberufen geben.

Wer eine bessere Ausbildung hat, wird kaum noch am Patienten arbeiten. Pflegefachmänner werden weiterkommen wollen: Sie wollen Standards einführen, Forschung betreiben, etc. Das ist vollkommen verständlich, aber das wird zu Lasten der Altenpflege gehen.  

Haben Sie eine Idee für eine Generalisierung ohne diese Benachteiligung?
Nein. Die einzige Möglichkeit wäre, die einzelnen Pflegeberufe abzuschaffen und einen Abschluss des Pflegefachmanns einzuführen. Sprich jeder macht eine gewisse gleiche Grundausbilung und anschließend seine Spezialisierung. Aber am Ende hat jeder den gleichen und auch gleichwertigen Abschluss. 

Anonym mitmachen: 

In Deutschland herrscht ein Pflegenotstand. Darüber müssen wir sprechen. Arbeitest du selbst in der Pflege und möchtest mit uns - gerne anonym - darüber sprechen? Dann schreib uns an redaktion@watson.de.

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