Coronavirus
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Helga Rübsamen-Schaeff hofft auf die Schnelltests. bild: screenshot ard

Virologin macht bei "Will" radikalen Maskenvorschlag

Dirk krampitz

Manchmal staunt man schon über die öffentlich-rechtliche Programmplanung. In Zeiten wie diesen gehen von drei wöchentlichen ARD-Talkshows drei in die Herbstpause. Nun hat sich offenbar zumindest Anne Will ihrer Aufgabe der öffentlich-rechtlichen Grundversorgung erinnert und kommt außerplanmäßig früher aus der Pause zurück. In der Sendung geht es, wie sollte es anders sein, um die aktuelle Pandemielage: "Corona-Infektionen erreichen Höchstwerte – hat Deutschland noch die richtige Strategie?" Dass es dazu aktuell viel zu diskutieren gibt, sieht man allein daran, dass es ihr gelungen ist, gleich zwei Länderchefs in die Sendung zu laden. Mit Anne Will diskutieren:

Laschet will keinen realen CDU-Parteitag

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NRW-Chef Armin Laschet (CDU) erwartet "sehr harte Wochen". bild: screenshot ard

Angesichts der aktuellen Corona-Situation ist Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet gegen einen persönlichen CDU-Parteitag Anfang Dezember, bei er sich unter anderem – im Doppelpack mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn – als CDU-Vorsitzender sowie Kanzlerkandidat wählen lassen will. Seine Haltung sei klar, angesichts "der sehr harten Wochen, die uns bevorstehen". Ein Parteitag mit 1000 Teilnehmern sei nicht tragbar "in einer solchen Zeit, wo man den Menschen zumutet, Beerdigungen mit 10 Gästen zu machen". Wie das denn Konkurrent Friedrich Merz sehe, will Anne Will wissen. Zwischen den Zeilen kann man bei Laschet lesen, dass Merz das durchaus anders sieht. Aber Genaueres will Laschet dazu nicht sagen. "Fragen Sie ihn", fordert er Anne Will auf. So eine Andeutung beschützt die Aura der Integrität und beschädigt den Konkurrenten trotzdem. Geschickt.

Laschet hält am Team mit Spahn fest

Zu Beginn ihrer Partnerschaft, noch vor Corona, war Gesundheitsminister Jens Spahn so etwas wie der Junior-Partner bei der strategischen Allianz in Laschets Team für die Kanzlerkandidatur. Doch in der Corona-Krise hat der Bundesgesundheitsminister enorm an Bekanntheit gewonnen. Positiv wie negativ.

Ministerpräsident Laschet hingegen ist in manches Fettnäpfchen getreten. Manche sehen mittlerweile eher Jens Spahn als Bewerber um das höchste CDU-Amt. Aber Laschet beteuert, Spahn sei Teil seines Teams. "Und da bleibt er auch."

Weniger überzeugt tritt Laschet auf, wenn es um das Nein für einen weiteren Lockdown geht. "Wir tun alles, dass es nicht so kommt", sagt Laschet und meint die Kita- und Schulschließungen. Die seien im März ein Fehler gewesen. Ausschließen will er sie allerdings genauso wenig wie einen weiteren Lockdown.

"Ich kann nicht auf Ewigkeit garantieren, dass wir nicht in eine sehr ernste Lage kommen werden."

Armin Laschet

Er setzt große Hoffnung auf die von Jens Spahn georderten Schnelltests. Zehn Millionen Stück, die von Oktober bis Dezember reichen müssen und darum nur für "vulnerable Einrichtungen" gedacht sind. Hoffnung setzt er viel mehr auf eine Veränderung der Corona-App, die dann auch Daten weitergibt – es sei denn der User widerspricht dieser Praxis aktiv. Das sei "angemessener angesichts der dramatischen Lage". Die Leiterin des Gesundheitsamts Wiesbaden, Kaschlin Butt, gibt ihm recht. "Aktives Widersprechen wäre ein Vorteil."

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Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) verwirrt mit einer Spielplatz-Aussage. bild: screenshot ard

Berlin ging mit hohen Infektionszahlen vor zwei Wochen voran, mittlerweile sind bundesweit viele Gemeinden und Regionen nachgezogen. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) gibt zu, dass er die Lage in der Hauptstadt nach Rücksprache mit der Charité "mit Sorge" betrachte. Er will "keine absolute Zahl" für einen möglichen Lockdown nennen. Er gibt sich als Liberalist, der auch zu Beginn der Pandemie die Spielplätze offengelassen habe in Berlin. Rätselhaft bleibt, wie er das meint. Denn die Spielplätze waren in Berlin sehr wohl mehrere Wochen geschlossen während des Lockdowns, bis sie Ende April, Anfang Mai, je nach Bezirk, wieder geöffnet wurden.

Vermutlich zieht sich Müller auf formaljuristische Definitionen zurück. Denn er behauptet auch: "Wir hatten gar keinen Lockdown", und verweist auf Italien und Spanien, wo die einschränkenden bekanntermaßen Maßnahmen viel einschneidender und länger gewesen seien. Ob wer einen Lockdown ausschließen könne? "Wer von uns kann irgendwas ausschließen?"

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Gerhard Baum (FDP) fordert, dass die Parlamente wieder entscheiden. bild: screenshot ard

Warum der ehemalige Bundesinnenmister Gerhard Baum (FDP) eingeladen ist, bleibt rätselhaft. Vermutlich, weil sein Parteikollege Christian Lindner keine Zeit hatte. Wichtiger als das "ständige Drohen mit der Polizei und Strafen" sei Kooperationsbereitschaft der Bürger, findet er. Die müsse man mitnehmen. Der FDP-Politiker bemängelt außerdem, dass die Parlamente auch mehr als ein halbes Jahr nach Beginn der Corona-Pandemie in Deutschland außen vor bleiben und noch immer nach dem Infektionsschutzgesetz regiert wird. Das sei nicht vereinbar mit dem Grundgesetz.

"Sie müssen die Parlamente einbeziehen: Parlamente sind manchmal intelligenter als Regierungen."

So richtet er sich an die Landeschefs Laschet und Müller. Wenn die Politik das nicht täte, würde sie "Systemveränderern" wie der AfD in die Hände spielen.

Radikaler Vorschlag

Die Virologin Helga Rübsamen-Schaeff findet angesichts der aktuellen Lage, dass wir "in den Sommermonaten etwas verwöhnt waren". Und nun gingen die Zahlen eben hoch, weil die "Menschen jetzt wieder in geschlossenen Räumen sind". Sie spricht sich für Schnelltests, eine "verschärfte und streng kontrollierte Maskenpflicht" aus, schlägt sogar vor, FFP2-Masken vorzuschreiben.

Die wären zwar "nicht so schick wie Stoffmasken", würden aber besser schützen. Und am Ende stellt sie auch noch einen wenig optimistischen Corona-Zeitplan auf: "Wir werden damit nicht im Januar durch sein und auch nicht im Juni. Das dauert noch."

"Es geht um Existenzen"

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Julian Nida-Rümelin war Staatskulturminister unter Kanzler Gerhard Schröder (SPD). bild: screenshot ard

Angesichts solcher Aussichten ist der Philosophie-Professor Julian Nida-Rümelin, Mitglied im Deutschen Ethikrat, besorgt. Der ehemalige Staatskulturminister sieht uns in einer Art "strategischer Sackgasse". Dass ein Lockdown helfe, sei angesichts der Situation in Italien mittlerweile falsifiziert worden. Italien und Spanien hätten im Gegensatz zu Deutschland wirklich umfassende Lockdowns erlebt. Und haben trotzdem nun wieder mit Zahlen, schlimmer als die in Deutschland, zu kämpfen. "Der Lockdown ist gar nicht entscheidend, sondern wie sich die Leute verhalten", urteilt Nina-Rümelin.

"Der Lockdown ist nicht das Allheilmittel."

Julian Nida-Rümelin

Es könne Theaterveranstaltungen mit Hunderten von Gästen geben, ohne dass es Ansteckungen gibt. Ein Lockdown sei "Monate hinter dem heutigen Wissensstand". Er plädiert für "differenzierte Maßnahmen, je nach Risiko" und gibt zu bedenken, dass jede Einschränkung auch Opfer erfordert: "Hier geht es um berufliche Existenzen, wirtschaftliche Existenzen und Bildungszukunft." Angesichts dessen findet er: "Wir verletzten im Grunde alle Grundrechte."

Leider ist der Talk von Anne Will dann schon vorbei, bevor die Runde noch tiefer in die Diskussion einsteigen kann.

"Ich bin es leid": Virologin Brinkmann mit leidenschaftlichem Appell

Auf der Bundespressekonferenz am Dienstag sprachen unter anderem Jens Spahn und der Vizepräsident des Robert-Koch-Instituts, Lars Schaade. Spahn sprach im Zusammenhang mit Corona von einer "Mammutaufgabe" für Regierung und Gesellschaft.

Zu Gast auf der Bundespressekonferenz war auch Virologin Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung. Sie kam erstmal einige Minuten zu spät, weil ihr Zug Verspätung hatte. Dafür legte sie dann umso vehementer los.

"Ich habe kein Skript …

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