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Bisher wurden in Deutschland insgesamt 4.541.389 Menschen geimpft. Bild: iStockphoto / Prostock-Studio

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Epidemiologe Scholz sieht Corona-Beschlüsse kritisch und schlägt vor: Lockerungen an den Grad der Durchimpfung koppeln

Am Mittwochabend haben Kanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten den Lockdown grundsätzlich bis 28. März verlängert. Sie haben aber auch Kriterien festgelegt, anhand derer die Länder über weitere Öffnungsschritte entscheiden sollen. Wie schnell wieder geöffnet wird, hängt also vom Infektionsgeschehen im jeweiligen Land oder der jeweiligen Region ab.

Gesundheitsexperte Karl Lauterbach zeigte sich besorgt, bei "Stern TV" sagte er: "Die Fallzahlen werden steigen, die dritte Welle kommt." Und auch Mediziner warnten vor Risiken. "Ich rechne damit, dass wir deutlich steigende Zahlen von Neuinfektionen erleben werden - und dann auch vermehrt Intensivpatienten mit Covid-19", sagte der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, Gernot Marx, der Deutschen Presse-Agentur.

Watson hat mit dem Epidemiologen Markus Scholz von der Universität Leipzig über die Beschlüsse und die Entwicklung der Infektionszahlen gesprochen. Seit 15 Jahren beschäftigt sich Scholz mit Infektionsforschung und untersucht aktuell die Corona-Pandemie.

"Wir lockern also in die sich gerade aufbauende dritte Welle hinein."

watson: Deutschland lockert jetzt plötzlich – und das, obwohl die Inzidenz aktuell wieder steigt. Was sagen Sie aus epidemiologischer Sicht zu den Corona-Beschlüssen von Bund und Ländern?

Markus Scholz: In der Tat befinden wir uns nun schon seit mehr als zwei Wochen wieder in einem Aufwärtstrend, verursacht durch die britische Variante und das nachlassende Befolgen der Kontaktbeschränkungen, was an einer deutlichen Mobilitätszunahme erkennbar ist. Wir lockern also in die sich gerade aufbauende dritte Welle hinein.

Mit welcher Entwicklung rechnen Sie bei den Infektionszahlen in den kommenden Wochen?

Der dritten Welle entgegen wirken die Impfungen, die verstärkte Nutzung von Schnelltests sowie die höheren Außentemperaturen. Ich rechne jedoch nicht damit, dass das ausreicht, um den aktuellen Trend zu durchbrechen. Dazu müssten die Impfungen noch sehr viel schneller erfolgen. Dementsprechend rechne ich mit weiter steigenden Zahlen. Dieser Trend könnte sich beschleunigen, wenn sich die britische Variante komplett durchgesetzt hat. Da die Entwicklung in allen europäischen Ländern sehr ähnlich ist, wäre dies in circa drei bis vier Wochen zu erwarten.

Welche der Lockerungen sind aus epidemiologischer Sicht am kritischsten?

Am kritischsten sehe ich, dass man wieder Kontakte mehrerer Personen im privaten Bereich zulassen möchte, da hier die meisten Übertragungen stattfinden und Hygienekonzepte kaum greifen beziehungsweise nicht umgesetzt werden. Zwar lässt sich dieser Bereich ohnehin nicht kontrollieren, aber diese Mitteilung sendet meines Erachtens ein falsches Signal an die Bevölkerung.

Und was sagen Sie zum Vorgehen an Schulen?

Das Öffnen der Schulen ohne verbesserte Konzepte, das heißt voller Präsenzunterricht ohne Masken, ohne Luftfilter und ohne Tests ist ebenfalls kritisch zu sehen. Auch hier finden viele Kontakte und damit auch Infektionen statt. Die anderen jetzt diskutierten Lockerungen sind weniger kritisch, wenn die Hygienekonzepte weiterentwickelt und durch Schnelltests ergänzt werden.

"Neben dem Impfen hinken wir auch in diesem Punkt anderen Ländern deutlich hinterher."

Jeder soll ja künftig mindestens einmal pro Woche einen kostenlosen Schnelltest machen können. Kann das – neben den Impfungen, die schneller vorangehen sollen – ausreichen, um sich solche Lockerungen erlauben zu können?

Ich finde das eine gute Ergänzung, da aktuell in Deutschland viel zu wenig getestet wird. Insbesondere erfolgen kaum prophylaktische Tests, um Ansteckungen vorzubeugen. Die Schnelltests müssen aber gut in die Gesamtstrategie eingebunden werden – das heißt positive Testergebnisse müssen mittels PCR validiert werden und, falls bestätigt, muss eine Quarantänisierung erfolgen und die Kontaktverfolgung greifen. Da diese Prozesse jedoch noch nicht implementiert sind, rechne ich nicht kurzfristig mit einer wesentlichen Auswirkung auf das Pandemiegeschehen. Neben dem Impfen hinken wir auch in diesem Punkt anderen Ländern deutlich hinterher.

Auch bei einer Inzidenz über 50 dürfen künftig Lockerungsschritte erfolgen, zum Beispiel eine Öffnung der Außengastronomie mit Terminbuchung ab dem 22. März. Wie ist das zu beurteilen?

Die Inzidenzgrenzen sind alle mehr oder weniger willkürlich gewählt und sagen nichts über die mittelfristige Entwicklung der Pandemie aus. Lockerungen müssen deshalb nach meinem Dafürhalten an einen R-Wert unter 1 und nicht an eine Inzidenz gekoppelt sein. Dies gilt zumindest so lange, wie wir mit einem insgesamt hohen Infektionsgeschehen zu kämpfen haben, wie aktuell leider immer noch. Der R-Wert lässt sich durch konsequente Impfungen drücken, sodass man die Lockerungen auch an den Grad der Durchimpfung koppeln könnte. Dies wäre dann zumindest die vielfach gewünschte verlässliche Perspektive.

"Wenn man die Entwicklung in anderen Ländern auf Deutschland überträgt, würden wir hier selbst unter Beibehaltung aller Maßnahmen eine deutschlandweite Wiederüberschreitung der 100er-Grenze für April erwarten."

Ab einer Inzidenz von 100 sollen alle Lockerungen wieder zurückgenommen werden. Wann werden wir die 100 voraussichtlich erreicht haben, wenn man die aktuelle Entwicklung zugrunde legt?

Das lässt sich schwer abschätzen, da sich jetzt mehrere Effekte wie die Ausbreitung der britischen Variante, die geringer werdende Befolgung der Regeln, die wärmeren Außentemperaturen, die Impfkampagne sowie lokal unterschiedliche Lockerungen überlagern. Eine Prognose ist deshalb schwerer denn je.

Welcher dieser Faktoren hat denn den größten Einfluss?

Nach unseren Modellen würden wir die Ausbreitung der britischen Variante als den im Moment wichtigsten Faktor sehen. Wenn man die Entwicklung in anderen Ländern auf Deutschland überträgt, würden wir hier selbst unter Beibehaltung aller Maßnahmen eine deutschlandweite Wiederüberschreitung der 100er-Grenze für April erwarten.

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