Rassismus
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Ali Can (links) und Sahira Awad sprachen mit watson über Rassismus bei Bewerbungen. Bild: picture alliance/Pacific Press Agency/rap.de/watson-montage

"Bitte keine Araber": Betroffene sprechen über Rassismus bei Bewerbungen

Immer wieder berichten Menschen von ihren Erfahrungen mit Rassismus auf dem Arbeitsmarkt, insbesondere bei Bewerbungen. Oft wird diesen Menschen nicht geglaubt. Doch diese Woche machte in den sozialen Medien eine Mail die Runde, die Rassismus für alle sichtbar machte. watson hat mit zwei Betroffenen gesprochen.

"Bitte keine Araber." Mit diesem Satz antwortete ein großes Architekturbüro kürzlich auf die Bewerbung von Yaseen Gabr. Die Anmerkung sollte eigentlich intern bleiben, ging aber versehentlich auch an den Bewerber.

Yaseen Gabr macht seinen Master in Architektur an der Hochschule Anhalt in Dessau und wollte ein Praktikum in Berlin machen. Die rassistische Absage des Architekturbüros postete er auf Facebook und schrieb dazu: "Das schlimmste Ablehnungsschreiben, das man nur bekommen kann". Screenshots seines Posts verbreiteten sich rasch über die sozialen Medien, lösten Fassungslosigkeit und Empörung bei vielen Menschen aus.

Hier ein sehr häufig geteilter Tweet dazu:

"Symptomatisch für Alltagsrassismus"

Auch Sozialaktivist Ali Can war empört, als er von dem Fall hörte, aber keineswegs überrascht. "Das ist symptomatisch für das, was Menschen mit sichtbarem Migrationshintergrund tagtäglich erleben, der sogenannte Alltagsrassismus", erklärt er gegenüber watson. Mit der Twitterkampagne #metwo löste Can im Sommer 2018 ein enormes Echo aus. Zehntausende Menschen mit Migrationshintergrund berichteten unter dem Hashtag von ihren alltäglichen Erfahrungen mit Rassismus.

Can sagt weiter:

"Seit dem Hashtag #metwo wissen wir, dass der Jobmarkt ein ganz großes Feld ist, wo Menschen mit sogenanntem sichtbarem Migrationshintergrund schlechtere Chancen haben und Steine in den Weg gelegt bekommen."

Mit "sichtbar" meint er bestimmte Merkmale, die in Deutschland von vielen nach wie vor als fremd wahrgenommen werden. "Hautfarbe, Haarfarbe, zum Beispiel ein Kopftuch, ein 'ausländischer' Name – also nicht Manfred aus Südafrika, der weiß ist, sondern eben Ali oder Mohammed – egal, wie lange sie schon in Deutschland leben."

"Die meisten sagen es dir nicht ins Gesicht"

Ein Kopftuch hat Sahira Awad, Sängerin mit palästinensischen Wurzeln aus Berlin, früher auch getragen. Heute tut sie das nicht mehr. Sie ist von Gabrs Erlebnis ebenfalls nicht überrascht, hat selbst Rassismus erfahren, erzählt sie watson. "Die meisten sagen es dir ja nicht ins Gesicht." Nur in einer Situation sei ein potenzieller Arbeitgeber deutlich geworden: "Ich hatte mich bei Woolworth beworben. Und die meinten knallhart zu mir: 'Das Tuch müssen Sie abnehmen, Frau Awad. Denn das ist unsere Philosophie, bei uns darf man nicht mit Kopfbedeckung arbeiten.'"

Rassistische Ablehnung bei Bewerbungen habe sie jahrelang erfahren, selbst oder durch ihren Freundeskreis.

Ihr bitteres Fazit:

"Mit Hijab darfst du alten Leuten die Ärsche abwischen oder Büros putzen, sonst gibt es kaum Möglichkeiten."

Ali Can bestätigt, dass antimuslimischer Rassismus im deutschen Diskurs eine große Rolle spiele. "Das hat man in der Sarrazin-Debatte gesehen, der klar in Richtung der Muslime geschossen hat, das sieht man an der AfD, die Muslime nicht zur abendländischen Kultur zählt." Er verweist außerdem auf den Fall des türkeistämmigen CSU-Mitglieds Sener Sahin, der seine Bürgermeisterkandidatur aufgab, weil er wegen seines muslimischen Glaubens so viel Gegenwind bekommen hatte. "Solche Fälle häufen sich", sagt Can.

Mehr muslimische Bewerber auf gutbezahlte Stellen

Die Gründe dafür seien verschieden, erklärt er. Zum einen sei die Hemmschwelle niedriger, zum anderen sei es in der Vergangenheit nicht benannt oder sichtbar gemacht geworden.

"Vor dreißig Jahren gab es nicht so viele muslimische Bewerber auf gutbezahlte Stellen. Das war früher eine totale Ausnahme. Heute bewerben sich mehr Muslima mit Kopftuch, dadurch gibt es solche Vorfälle öfter."

ali can

Es geht aber nicht nur um Kopfbedeckungen. Sahira Awad erzählt, sie kenne auch zwei Frauen, Muslimas und Deutsche – ohne Migrationshintergrund. "Die haben kein Problem damit, den Hijab bei der Arbeit abzunehmen. So können sie den antimuslimischen Rassismus einfach ablegen." Sie selbst hat wegen ihres Namens nicht diese Möglichkeit.

Seitdem sie kein Kopftuch mehr trage, habe sich zwar viel für sie geändert – weg ist der Rassismus aber noch lange nicht . "Bei Bewerbungen ist es ohne Hijab einfacher. Ich spüre aber auch ohne Kopftuch Diskriminierung, kann aber gar nicht sagen, ob das so ist, weil ich eine Frau bin oder weil ich keine blonde Susi bin." Sie versuche, es so weit wie möglich zu verdrängen, damit sie es nicht noch mehr anziehe. "Aber es ist immer da, ich habe es immer im Hinterkopf."

So rechtfertigt sich das Architektur-Büro

Das Architekturbüro reagierte auf den Shitstorm übrigens mit einer Erklärung. Man habe Bewerber für ein chinesisches Projekt gesucht, daher die verkürzte Absage.

Ali Can überzeugt das überhaupt nicht.

"Wenn man das logisch weiterdenkt, warum schreibt man dann 'Bitte keine Araber'? Und nicht: Bewerber kann kein Chinesisch? Die ganze Antwort bezieht sich nur auf die Herkunft, nicht auf Qualifikation oder Erfahrung des Arbeitnehmers. Deshalb ist das eine reine Ausrede, eine Farce."

Öffentlichen Druck aufbauen

Dass das Unternehmen überhaupt reagieren musste, sieht Can jedoch als positives Zeichen. Firmen spürten den Druck, den Aktivisten wie er aufgebaut hätten. "Früher hatten die Betroffenen keinen Zugang zur Öffentlichkeit. Das ist jetzt anders. Es gab #metwo und weitere Internetdebatten. Es häuft sich, dass Betroffene darüber reden, weil wir Menschen haben, die hier geboren sind und eine hybride Identität haben. Sie sehen sich als Deutsche, haben aber andere Wurzeln, einen anderen Namen, eine andere Religion als die meisten Deutschen. Und sie gehören trotzdem dazu."

Die momentanen gesellschaftlichen Entwicklungen bescheibt er als widersprüchlich. Auf der einen Seite gebe es einen schleichenden Rechtsruck, bis in die Parlamente hinein.

Aber:

"Auf der anderen Seite werden die Betroffenen immer selbstbewusster, sind in der Gesellschaft angekommen, ergreifen Berufe, die vorher eher Weiße ergriffen haben, sind erfolgreich."

Einen großen Teil dazu beigetragen hätten soziale Medien. Dort könnten Betroffene ihre Erfahrungen teilen und sich schneller miteinander solidarisieren. "Dafür brauchen sie keine Zeitung und anderen Medien mehr, sie werden selbst zu Chefredakteuren."

Das habe sich auch kürzlich bei den Schüssen auf Karamba Diabys Büro gezeigt. Der SPD-Mann ist der einzige afrodeutsche Bundestagsabgeordnete und hat nach dem Anschlag sehr viele Solidaritäsbekundungen im Netz erfahren. "Das Internet hat eine sehr positive Auswirkung auf den Kampf gegen Rassismus."

Neben der Vernetzung und dem Austausch könne man über soziale Medien auch öffentlichen Druck erzeugen. Das habe etwa der Fall Maaßen gezeigt. "Der zeigt sein wahres Gesicht, seitdem er nicht mehr Verfassungsschutz-Chef ist, wütet gegen alles, was nicht rechtskonservativ ist – aber er ist nicht mehr an der Spitze."

Das sei ein gutes Sinnbild, findet Can. Der Kampf gegen Rassismus sei die Demokratisierung Deutschlands, ist er überzeugt:

"Wir verteidigen die Werte, die im Grundgesetz stehen, die Menschenwürde, die Gleichheit. Und diese Demokratisierung werden wir weiter vorantreiben."

Auch im Fall von Yaseen Gabr hat der öffentliche Druck letztlich offenbar Wirkung gezeigt: Laut eigenen Angaben haben Verantwortliche aus dem Architekturbüro mit dem abgelehnten Bewerber telefoniert und sich entschuldigt. Gabr habe die Entschuldigung akzeptiert – und sei außerdem zum Bewerbungsgespräch eingeladen worden. Warum nicht gleich so?

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