Fußball International
Leeds United manager Marcelo Bielsa during the Sky Bet Championship match between Aston Villa and Leeds United at Villa Park, Birmingham, England on 23 December 2018. PUBLICATIONxNOTxINxUK Copyright: xAndyxRowlandx PMI-2496-0015

Marcelo Bielsa, Trainer vom englischen Zweitligisten Leeds United, ist auch als "El Loco" bekannt. Bild: imago/Andy Rowland

Leeds-Coach rechtfertigt Spionage – und legt einfach all seine Analysen offen

Philipp Reich / watson.ch

In der vergangenen Woche war ein Spion von Leeds-Trainer Marcelo Bielsa im Training von Derby County aufgeflogen. Doch statt sich zu entschuldigen, zeigt der argentinische Kulttrainer in einem 70-minütigen Vortrag, wie intensiv er ein Spiel vorbereitet.

Die Vorgeschichte

Marcelo Bielsa ist für seine eigenwilligen Methoden bekannt. Der 63-jährige Argentinier wird deshalb oft nur "El Loco" ("Der Verrückte") genannt. Der Kult-Trainer lässt extrem hart trainieren, setzt große Stücke auf Ordnung und Disziplin und gilt als Taktik-Guru und Vordenker des modernen Fußballs. Im Sommer ließ der Coach des englischen Zweitligisten Leeds United seine Spieler vor dem Stadion drei Stunden lang Müll aufsammeln, um ihnen vor Augen zu führen, wie hart die Fans arbeiten, die Spiel für Spiel ins Stadion kommen.

Als Leeds-Besitzer Andrea Radrizzani im Juni erstmals Kontakt zu Bielsa aufnehmen wollte, war dieser zunächst nicht zu erreichen. Am nächsten Morgen rief der Argentinier zurück – in der Nacht hatte er sich bereits sieben Spiele der "Whites" angeschaut. Bei seiner Vorstellung in Leeds wenige Wochen später gab er an, dass er alle 51 Partien aus der Vorsaison analysiert habe. 

Bielsa überlässt nichts dem Zufall. Doch vor dem Championship-Topspiel gegen Derby County am Freitagabend übertrieb es der Leeds-Trainer etwas mit seiner Akribie, als er einen Mitarbeiter seines Clubs als "Spion" zum Abschlusstraining der "Rams" schickte. In den Regularien der FA steht zwar nirgends geschrieben, dass dies verboten ist. Dennoch sorgte der Fall für viel Aufregung.

Fehlendes Fingerspitzengefühl? So jubelte Leeds' Mateusz Klich beim 2:0 gegen Derby:

Denn Bielsas "Spion", der mit einem Feldstecher ausgerüstet war und sich ziemlich auffällig verhalten haben soll, wurde erwischt und vom Trainingsgelände verwiesen. Die FA kündigte eine Untersuchung an und Derby-Trainer Frank Lampard – eigentlich ein großer Bewunderer Bielsas – klagte öffentlich an: 

"Für mich ist das nicht richtig, das ist unethisch. Bevor ich jemanden losschicke, auf Händen und Knien zu einem Trainingsgelände zu kriechen und zu versuchen, mit einer Kneifzange in privates Gelände einzudringen, um einen Blick zu ergattern, würde ich eher als Trainer aufhören, weil ich den Gegner respektiere."

Frank Lampard

Leeds-Besitzer Radrizzani sah sich sogar gezwungen, Derby Countys Präsident Mel Morris öffentlich um Entschuldigung zu bitten und Bielsa an die Club-Statuten zu erinnern. Der nahm die Schuld sofort auf sich. "Ich habe Leeds United nicht um Erlaubnis gebeten, einen Mitarbeiter nach Derby zu schicken, also ist es allein meine Verantwortung", sagte er nach dem 2:0-Sieg seiner Mannschaft und erklärte:

"Frank sagte mir, dass ich die Fairplay-Regeln nicht respektiert habe. Ich vertrete einen anderen Standpunkt. Ich nutze diese Methode schon seit der WM-Qualifikation mit Argentinien. Aber es spielt keine Rolle, ob es legal oder illegal ist, richtig oder falsch. Für mich reicht es, dass Frank und Derby County das Gefühl haben, es war falsch. Ich habe mich schlecht verhalten."

Marcelo Bielsa

Die Pressekonferenz

Am Mittwoch berief Leeds United dann kurzerhand eine "Emergency Press Conference" mit Trainer Bielsa ein. Sofort wurde spekuliert, dass der Argentinier wohl seinen Rücktritt bekannt geben müsse, doch es kam alles ganz anders …

In einem 70-minütigen, ziemlich skurrilen Vortrag zeigte Bielsa völlig offen auf, wie er die Gegner seiner Mannschaft beobachtet und analysiert. "Ich kann Ihnen sagen, dass wir all unsere Gegner beobachten und uns ihre Trainingseinheiten angesehen haben, bevor wir gegen sie gespielt haben", begann Bielsa ruhig, bevor es aus ihm rausplatzte:

"Nirgendwo steht, dass man das Trainingsgelände seiner Gegner nicht betreten und sich dort umsehen darf. Ich habe nicht geschummelt. Wir können darüber diskutieren, ob es gut ist oder nicht, aber ich habe nichts Illegales getan."

Insgesamt hätten seine Mitarbeiter alle 51 Spiele von Derby County der vergangenen Saison angeschaut. Jede Analyse brauche vier Stunden, die Auswertung des ganzen Materials also oft mehr als 200 Stunden. Seinen Spielern zeigt Bielsa schließlich eine achtminütige Zusammenfassung.

Vor dem Spiel gegen Derby zeigte er beispielsweise die gängigen Angriffsmuster des Gegners auf, wie oft die "Rams" in welchen Formationen aufliefen, welche Spieler sich wann in welche Zonen bewegen und was Derby-Regisseur Harry Wilson macht, wenn er vor einem Eckball beide Hände in die Höhe hebt. Ziemlich ärgerlich für Derby: Jetzt weiß jeder, wie die "Rams" spielen ...

Rhetorisch fragte Bielsa schließlich in die Runde: "Warum wir das machen? Weil wir glauben, dass es professionelles Verhalten ist. Wir tun alles, um bestmöglich vorbereitet zu sein. Wir fühlen uns schuldig, wenn wir nicht genug arbeiten, wenn uns Informationen über die Mannschaften fehlen, auf die wir treffen. Das nimmt uns auch die Angst und die Aufregung", erklärte "El Loco" und zeigte anhand einer Powerpoint-Präsentation eine gigantische Ansammlung von Daten zu jedem Spieler der zweiten englischen Liga: "Ich kann kein Englisch, aber ich kann über die 24 Mannschaften der Championship sprechen."

Bielsa verriet während seines langen Referats, nicht ohne Stolz, dass er 2015 nach dem verlorenen Cupfinal mit Athletic Bilbao dem damaligen Barça-Trainer Pep Guardiola seine Analyse über die "Blaugrana" zeigte und dieser ihm darauf sagte: "Wow, du weißt mehr über Barcelona als ich."

Am Ende seiner Präsentation erklärte Bielsa auch noch den Grund für seine langen Ausführungen. "Ich wollte Ihnen damit zeigen, dass wir nicht darauf angewiesen sind, die Trainingseinheiten unserer Gegner zu beobachten. Ich habe bereits alle notwendigen Informationen, bevor ich das tue."

» Hier gibt's die Abschrift der kompletten Pressekonferenz von Bielsa (englisch).

Eines scheint sicher: Bielsas Analysen erfüllen ihren Zweck. Leeds United liegt nach fast zwei Dritteln der Saison an der Spitze der zweiten englischen Liga und träumt 15 Jahre nach dem Abstieg aus der Premier League von der Rückkehr ins Oberhaus.

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