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Christiane Woopen ist Vorsitzende des europäischen Ethikrates und kritisiert die Bundesregierung für ihre "Fahren auf Sicht" in der Pandemie. ard/Screenshot

Ethikrat mit neuem Corona-Strategiepapier bei "Anne Will" – Smudo diskutiert mit Helge Braun

Die große Ratlosigkeit – gibt es einen Weg aus dem Dauer-Lockdown? So lautete die übergeordnete Frage am Sonntagabend bei "Anne Will". Während die Bundesregierung und insbesondere die Corona-Warn-App stark kritisiert wurden, verriet die Vorsitzende des europäischen Ethikrates, Christiane Woopen, wie ein Weg raus aus dem Lockdown funktionieren könnte. Am Montag soll das Papier veröffentlicht werden, jedoch verrät die Ärztin bereits in der Sendung die geplante Strategie.

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Die Gäste bei "Anne Will" (v.l.n.r.): Smudo, Ranga Yogeshwar, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Helge Braun und Christiane Woopen. ard/Screenshot

Helge Braun (CDU), der Chef des Bundeskanzleramts und Mitglied im Corona-Kabinett, muss an diesem Abend einiges aushalten. Kaum hat er das Wort "Schnelltests" in den Mund genommen, beginnt die erste Kritik. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP), Richterin am Bayerischen Verfassungsgerichtshof und Bundesjustizministerin a.D., findet es zwar gut, dass nun mehr getestet werden und auch über Öffnungen nachgedacht werden soll, jedoch kritisiert sie, dass dies nicht ohne ein Konzept passieren dürfe.

"Bisher gibt es keine wirkliche Strategie!"

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger

Die Minister würden sich lediglich von Treffen zu Treffen handeln, aber keine langfristige Strategie vorlegen: "Das reicht nicht aus. Auf kurze Sicht zu fahren ist jetzt vorbei!"

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Die Ex-Justizministerin kritisiert die fehlende Strategie der Bundesregierung im Umgang mit der Pandemie. ARD/Screenshot

Ranga Yogeshwar: "Der Lockdown ist irgendwann nicht mehr vermittelbar"

Ähnlich wie sie sieht es auch der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar. Wir würden mittlerweile das zweite Jahr in der Pandemie erleben und die Menschen in Deutschland hätten die "Nase voll". "Nach mehr als einem Jahr Lockdown müssen wir mit mehr kommen als mit den üblichen Regeln", argumentiert er. Seiner Meinung nach müssen nicht nur Schnelltests her, die man selbst durchführen kann, sondern auch kluge digitale Lösungen. "Der Lockdown ist irgendwann nicht mehr vermittelbar."

Und genau da kommt Rapper Smudo ins Spiel. Der Mann, der eigentlich als Mitglied der "Fantastischen Vier" bekannt ist, hat die App "Luca", die zur Nachverfolgung von Infektionsketten eingesetzt werden kann, mitentwickelt. Er kritisiert wiederum, dass es bis heute nicht möglich sei, die Infektionsherde ausfindig zu machen und vergleicht dies mit einem "großen Waldbrand". Seine App setzt genau dort an und hilft dabei, aus diesen Waldbränden "lokale Feuer" zu machen, die man schnell löschen kann.

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Smudo hat die App "Luca" mitentwickelt. ARD/Screenshot

Expertin über Bevölkerung in Deutschland: "Sie sind emotional erschöpft"

Noch jemand an diesem Abend bei "Anne Will" kann nicht glauben, dass sie ein Jahr später immer noch dieselben Gespräche führen muss. Christiane Woopen ist Vorsitzende des europäischen Ethikrates und hatte bereits im vergangenen Jahr angemerkt, dass die Regierung auch Ausstiegsszenarien aus dem Lockdown überlegen sollte.

"Man hat damals nichts getan, um diesen Prozess bis heute wissenschaftlich zu begleiten, damit wir jetzt schlauer wären." Woopen sitzt seit April letzten Jahres im Expertenrat Corona des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet und hat jetzt ein Strategiepapier erarbeitet, das am Montag veröffentlicht werden soll und der Regierung eine Grundlage für ihr weiteres Vorgehen bieten soll. Denn die Expertin sagt:

"Die Situation ist nervös und gereizt. Es ist ein Teufelskreis, in dem wir drin sind. Die Menschen sind emotional erschöpft. Sie können einfach nicht mehr. Sie sind existenziell bedroht."

Christiane Woopen

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Christiane Woopen präsentiert ein Strategiepapier für den Umgang mit Corona. ARD/Screenshot

Ethikrat mit neuem Strategiepapier bei "Anne Will"

Teil der Strategie ist es, dass die Öffnungen an ein Vorhandensein von Schutzkonzepten gekoppelt sind und nicht mehr an einzelne Branchen. Schutzkonzepte sollen somit "proaktiv" erarbeitet werden. Der zweite Teil ist die Impfstrategie und eine bessere Kommunikation, die damit in Zusammenhang steht, insbesondere, wenn es um den Astrazeneca-Stoff geht. Die dritte Säule sind die Schnelltests.

Doch bevor die Expertin fortfährt mit ihrem Maßnahmenkatalog, kritisiert sie zunächst Gesundheitsminister Jens Spahn, der für den 1. März kostenlose Schnelltests für alle angekündigt hatte. Dabei kritisiert sie nicht so sehr, dass das Versprechen nicht eingehalten werden kann, sondern, wie dieses verkauft wird. So hatte Spahn 800 Millionen Tests versprochen. Wenn die gesamte Bevölkerung sich zwei bis drei Mal die Woche selbst testen soll, dann reiche das gerade mal wenige Wochen.

"Das ist ein Schlag ins Gesicht für die Bevölkerung."

Christiane Woopen

Die vierte Säule ist eine digitale Strategie, eine kluge Anwendung, die alle wichtigen Kriterien erfüllt – nicht wie die Corona-Warn-App der Bundesregierung bisher. Als letzten Punkt führt sie auf, dass dringend nachverfolgt werden müsse, wo Infektionsherde entstehen. Das RKI wisse bei 5 von 6 aller Fälle bis heute nicht, wo sie entstehen.

Smudo diskutiert mit Helge Braun und erhält Unterstützung von Anne Will

Ob er das Thema der echten digitalen Nachverfolgung zum ersten Mal höre, will Moderatorin Anne Will von Helge Braun wissen. Er sagt zwar "Nein", antwortet dann jedoch nicht auf die Frage, sondern erklärt, wie die Corona-Warn-App der Regierung funktioniere. "Wir haben ein digitales Tool", sagt er noch. Das sei nicht die Antwort auf die Frage, entgegnet Will.

Daraufhin erklärt Braun, dass man Menschen nicht zu einer personifizierten Kontaktnachverfolgung zwingen könne. Deshalb sei die App des Bundes auch anonym. Dabei könnte die App, die von Smudo mitentwickelt wurde, Infektionsherde sichtbar machen. Auch seine App soll sich zwar an den Datenschutz halten, jedoch mit verschlüsselten Codes arbeiten, die Daten nur weitergeben, wenn man zustimmt. Bei seiner App geht es insbesondere um Clusteranalysen, die positive Corona-Ergebnisse an mögliche Infizierte weitergibt – und das alles sehr schnell. Das, was bisher nicht möglich ist. Damit wäre auch die "Zettelwirtschaft in den Restaurants" beendet und auch das kulturelle Leben könnte wieder stattfinden.

Braun hält jedoch dagegen, dass – um diese App einzubinden – erst mal alle Gesundheitsämter auf eine digitale Software umsteigen müssen, was jetzt "so langsam Fahrt aufnimmt". Die Nachverfolgung würde auch jetzt analog gut funktionieren, jedoch sehr langsam, erklärt der CDU-Politiker. Doch der Rapper sieht das anders und sagt, er brauche gar keine zusätzliche Software, um seine App an die Gesundheitsämter anzubinden – dies ginge auch über die Bundesdruckerei. Einige Gesundheitsämter in Deutschland würden die App bereits nutzen und gesprochen hätten sie bereits mit 150 von ihnen.

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Helge Braun verteidigt die Corona-Warn-App der Bundesregierung. ARD/Screenshot

"Ich kenne Sie ja nicht so gut, Herr Braun, aber da muss jetzt Tempo rein und das klingt nicht danach", stellt sich Will auf die Seite von Smudo.

Auch Yogeshwar sagt, wir hätten "zeitlich versagt" mit der App der Bundesregierung. Wenn man diese App mit der "Luca"-Plattform vergleichen, frage er sich: "Wer hat das bloß programmiert?" Als die App im vergangenen Jahr auf den Markt kam, lobten sie viele Politiker als die beste Anwendung überhaupt. Auch Braun. Yogeshwar hingegen sagt: "Das ist nicht die beste, aber definitiv die teuerste App überhaupt!"

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Der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar hält nicht viel von der Corona-Warn-App der Bundesregierung. ARD/Screenshot

Streitthema Schnelltests

Braun fragt sich hingegen, wieso die Regierung immer alles anbieten solle, wenn es doch auch privatwirtschaftliche Ideen gebe. Am Ende geht es in der Runde erneut um das Thema der Schnelltests. Will erklärt, sie habe sich schon darauf gefreut, dass es bald für alle welche geben solle, wie es Spahn vor zwei Wochen verkündet habe. Doch dieses Versprechen habe die Kanzlerin schnell wieder "eingesammelt", sagt die Moderatorin und fragt, ob das als Rüffel für den Gesundheitsminister angesehen werden kann.

"Nein", sagt der Chef des Bundeskanzleramts und betont, dass dies gemeinsam so entschieden wurde im Corona-Kabinett. Doch es bleibt zumindest bei dem Versprechen, dass es bald kostenlose Schnelltests geben wird. "Wirklich kostenlos?", hakt Will nach. "Ja, das wird kostenlos sein", bestätigt Braun.

Trotzdem bleibt noch die Menge der Tests zu klären. Die zugesagten 800 Millionen werden nicht ausreichen. Woopen schlägt deshalb vor, jetzt in die Produktionskapazitäten zu investieren. Zudem sollen weitere Tests entwickelt werden, die noch schneller ein Ergebnis liefern können – innerhalb weniger Sekunden. Solche Tests sollten jeden Morgen zur Routine der Bürger werden. "Da gehört das Geld hin", sagt sie und verweist darauf, dass das immer noch günstiger wäre als der Ausfall, der durch den monatelangen Lockdown zu verzeichnen ist.

Die Expertin des Ethikrates kritisiert zudem, dass sich bisher nur auf eine Impfstrategie verlassen wurde. So als sei damit alles beendet. Sie ist sich sicher, dass das Virus uns unser Leben lang begleitet wird und somit neben dem Impfen ein "Sicherheitsnetz" aufgebaut werden müsse. Dazu gehörten alle genannten Punkte. Erst alles zusammen ergebe eine wirklich Strategie, die es ermöglicht, dass sich das Leben wieder normalisiert.

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