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Die Gäste bei "Lanz" (v.l.n.r.): Stephan Weil, Anna Sauerbrey, Dr. Christian Kröner und Elmar Theveßen. ZDF/Screenshot

Debatte bei "Lanz": Die vertane Chance der siebten Dosis – "Das hat Menschenleben gekostet"

Während in Deutschland rund sieben Prozent der Bevölkerung bereits eine zweite Corona-Impfung erhalten haben, liegt die Zahl in den USA bei ungefähr 32 Prozent. Der ZDF-Amerikakorrespondent Elmar Theveßen erklärt am Mittwochabend bei "Markus Lanz", wie Menschen in Amerika dazu gebracht werden sollen, sich impfen zu lassen. Und ein Allgemeinmediziner aus Neu-Ulm zeigt auf, wie allein in Bayern mehr als 300.000 Dosen Impfstoff in den vergangenen Monaten einfach weggeworfen wurden.

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Der Journalist und USA-Experte Elmar Theveßen erklärt, mit welchen Mitteln in den USA Anreize zum Impfen geschaffen werden. ZDF/Screenshot

Geimpfte Menschen sollen ihre Grundrechte wieder zurückerhalten – diese Debatte wird seit einigen Tagen im Land geführt. So auch bei "Markus Lanz". Stephan Weil, Ministerpräsident von Niedersachsen, sieht darin nicht die Schwierigkeit, sondern macht sich um "Folgefragen" Sorgen. Jetzt sei das Problem noch nicht groß, weil die Gruppe der Voll-Geimpften noch klein sei, aber was passiert, wenn sich auf beiden Seiten Millionen Menschen gegenüberstehen? Er spricht sich dafür aus, dass die negativ Getesteten dieselben Freiheiten wie Geimpfte genießen dürfen.

Doch eine weitere Frage steht im Raum: Wie sollen sich Menschen mit Impfung ausweisen? Dr. Christian Kröner, Allgemeinmediziner aus Neu-Ulm, erklärt, dass ein Impfausweis heutzutage im Internet gekauft werden könne. Der gelbe Pass sei weder fälschungssicher, noch sei es ein Problem, die entsprechenden Impfsticker zu besorgen.

"Das fälscht Ihnen jeder 14-Jährige in drei Minuten."

Dr. Christian Kröner

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Der Arzt aus Neu-Ulm erklärt, wie einfach Impfausweise in Deutschland gefälscht werden können. ZDF/Screenshot

Es wird immer noch gefaxt, statt digitalisiert

"Warum wissen wir das erst jetzt?", fragt Markus Lanz bei Weil nach. "Ich bin nicht der Gesundheitsminister", sagt der SPD-Politiker und verweist auf Jens Spahn. "Wie kann es sein, dass wir jetzt im Mai damit überrascht werden?", hakt der Moderator nach. "Da müssen Sie Jens Spahn einladen und ihn fragen." Erneut steht die Frage im Raum, wieso ein solcher Ausweis nicht digitalisiert wird. Kröner ist überzeugt: "Die Technik ist da. Wir können den digitalen Impfpass morgen umsetzen, aber es wird nicht gemacht." Dann packt der Bayer noch weiter aus und sagt, dass er bis heute positive Corona-Ergebnisse aus seiner Praxis an das Gesundheitsamt faxe: "Das ist das Jahr 2021 in der deutschen Medizin!"

"Warum ist das so?" Die Frage geht erneut an den einzigen Politiker, der an diesem Abend zu Gast ist. "Das kann ich Ihnen im Detail nicht sagen", erklärt Weil und fügt hinzu, dass bei den Gesundheitsämter bereits stark nachgerüstet worden sei. Elmar Theveßen, der als USA-Korrespondent tätig ist, führt die Debatte noch einmal zurück auf das Thema der Grundrechte und wundert sich über die Politik in Deutschland. Er erklärt, dass man doch schon seit jeher wisse, dass eine Pandemie durch Impfungen beendet wird. Bereits in den 90er Jahren wurde in Deutschland ein Pandemieplan entworfen, der Grundlage hätte sein können für viele Diskussionen, die stets zu spät geführt wurden – wie auch diese. "Das ist für mich das Schleierhafte", sagt der Journalist dazu.

In den USA gibt es bereits Empfehlungen, dass Geimpfte im Freien keine Maske mehr tragen müssen. Theveßen erklärt, dass die "Psyche der Amerikaner" eine andere sei und man sich weniger gegenseitig beneide, sondern eher bewundere, wenn Menschen geimpft wurden. Bereits 32 Prozent der Amerikaner sind doppelt geimpft, 44 Prozent einfach. "Es wird mit allen Mitteln für das Impfen geworben", erklärt der Journalist – vor allem weil gerade die Impfrate abgebremst wurde. Von täglich vier Millionen Dosen auf rund 2,7 Millionen. Auch in den USA gibt es Skeptiker und Impfverweigerer. Doch die Amerikaner schaffen Anreize: "Mal bekommt man Geld, 80 Dollar, wenn man sich impfen lässt. Oder einen Donut und manchmal auch einen Joint. Das ist nicht überall verbreitet, aber es findet statt."

In diesem Moment schaut Weil leicht irritiert in die Runde, bis er von Lanz dazu angesprochen wird. "Ich weiß, es gibt Kulturunterschiede, aber bei uns setzt man eher auf Verantwortung", sagt der Ministerpräsident.

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SPD-Politiker Stephan Weil (r.) mit Markus Lanz (l.). ZDF/Screenshot

"Kindeswohl hat keinen interessiert"

"Was ist eigentlich mit den Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen?", fragt Lanz in die Runde. Doch der Mediziner sieht diese Gruppierung als nicht so groß an. Er erzählt, dass seine Patienten zu Beginn dem Impfstoff von Biontech sehr skeptisch gegenüberstanden und geäußert hätten, sie wollten "nicht unfruchtbar" werden, während jetzt kaum jemand etwas anderes als Biontech wolle. "Ich glaube nicht, dass Impfgegner ein großes Thema sind", sagt Kröner und schätzt diese Gruppe auf rund zehn Prozent in Deutschland. Er selbst sagt, Reiseimpfungen seien deutlich gravierender, gerade wenn es in den asiatischen Raum geht. Verglichen dazu sei die Corona-Impfung wie ein "leichter Schnupfen". Er spricht sich zudem auch dafür aus, Kinder so schnell wie möglich auch zu impfen. So seien gerade aus Großbritannien auch viele Fälle von "Long-Covid" – Corona-Spätfolgen – bei Kindern bekannt. Worüber er sich jedoch wundert: Obwohl die Zulassungen der Stoffe für Kinder bald kommen, habe der Staat noch keine Impfstoffe bestellt.

"Das Kindeswohl hat keinen interessiert", kritisiert der Mediziner zudem, dass auch 14 Monate nach Beginn der Pandemie immer noch keine wichtigen Luftfilter-Systeme in Schulen eingebaut wurden. Er nennt ein Beispiel aus einer Schule, die er kennt, wo die Eltern einen solchen Filter gekauft haben, dieser aber nicht eingebaut werden konnte, weil nicht geklärt werden konnte, wer den Strom dafür bezahlen wird: "Mit solchen Dingen schlagen wir uns rum!" Doch Kröner hat noch ein Thema, auf das er an diesem Abend aufmerksam machen will: Die täglich weggeschmissenen Impfdosen, die dringend gebraucht werden.

"Das hat Menschenleben gekostet"

Laut Hersteller ist in einer Impfdosis genügend Stoff für sechs Spritzen. Wer sich jedoch geschickt anstellt, kriegt auch sieben Spritzen raus – nur haftet dafür der Hersteller nicht. Und weil das rechtlich schwierig ist, würden täglich Impfdosen entsorgt werden, die eigentlich verimpft werden könnten. Der Arzt zeigt eine Spritze, die "derzeit gehandelt wird wie das Klopapier", weil man mit ihr die siebte Dosis leichter aufziehen kann.

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Der Arzt zeigt die Spritze, mit der auch sieben Impfdosen aus einer Ladung herausgezogen werden können. ZDF/Screenshot

Er hat sich die Mühe gemacht, grob zu überschlagen, wie viel Impfstoff allein in Bayern in den Anfangsmonaten seit Start der Impfungen in der Mülltonne gelandet ist – und kommt auf eine Summe zwischen 300.000 und 350.000 Dosen: "Das hat Menschenleben gekostet!" Er selbst würde mit seiner Praxis dafür haften und die siebte Spritze stets aufziehen. Als der Bayerische Rundfunk das in einem Fernsehbeitrag zeigen wollte, wurde es dem Arzt verboten, dies im Fernsehen zu tun. Theveßen erklärt, dass die Chance der siebten Dose in den USA schon früh erkannt wurde und deshalb von staatlicher Seite die Erlaubnis erteilt wurde, dies auch zu tun. Tatsächlich wird auch in Niedersachsen so gehandelt, erklärt der Arzt und lobt damit Weil. Dieser will die Lorbeeren dafür gar nicht selbst ernten, sondern gibt zu, dass das entschieden wurde, ohne auf seinem Schreibtisch gelandet zu sein.

"Ein echter deutscher Kanzler wirft keinen Impfstoff weg", sagt Kröner und spielt auf Olaf Scholz (SPD) an. Während sein Konkurrent Armin Laschet (CDU) sich in seinem Bundesland auch dafür ausspricht, nicht auf diese weitere Dosis zu verzichten, habe Scholz eine solche Aussage bisher nicht getroffen. Am Ende macht der Mediziner noch einmal ganz deutlich, worum es in dieser Debatte geht:

"Es sterben Menschen. Das ist für mich ein absoluter Skandal!"

Dr. Christian Kröner

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