Bild

Abgehängt? Vor allem in ländlichen Raum in Ostdeutschland teilen viele Menschen das Gefühl, ihre Interessen würden nicht berücksichtigt. Bild: iStockphoto / lowkick (Symbolbild)

"Nicht mal die Lokalpolitik vertritt unsere Interessen": Ostdeutsche berichten über ihren Alltag

Vor der Wahl in Sachsen-Anhalt am Sonntag wird in der Politik und in Talkshows viel über Ostdeutschland diskutiert – und zwar meist von Westdeutschen. Und das, obwohl schon lange gefordert wird, dass der Blick Ostdeutscher eine größere Rolle in der Bundespolitik spielen soll. Viele Ostdeutsche haben auch heute, über 30 Jahre nach der Wiedervereinigung, den Eindruck, dass ihre Probleme ignoriert und ihre Städte und Landkreise vernachlässigt werden.

Watson lässt Menschen aus Ostdeutschland erzählen, wie ihre Lebensrealität wirklich aussieht und ob sie denken, dass ihre Interessen von der Politik berücksichtigt werden.

"Dass so viele Westdeutsche in Führungspositionen sind, war früher halt beabsichtigt"

Paul J., 30, ist Student aus der Lausitz.

"Die Mobilität ist, je weiter du nach Osten und aufs Land kommst, echt schlecht. Aber das ist überall so, im Osten wie im Westen. Das Internet ist auch schlecht, aber das ist auch überall so: Prinzipiell wird und wurde der 'Osten' stark gefördert und das war nach der Wiedervereinigung auch notwendig.

Dass so viele Westdeutsche in Führungspositionen sind, war früher halt beabsichtigt, aber man brauchte ja auch zum Beispiel Verwaltungserfahrung. Dass es heute noch so ist, ist dann nicht mehr unbedingt zeitgemäß und es gibt sicher die einen oder anderen, die sich Posten zuschieben, aber ich glaub' nicht, dass dahinter ein Plan steckt.

"Da hilft kein Rumheulen, man würde mit Absicht vernachlässigt werden, da hilft nur Machen."

Im Großen und Ganzen betrachtet, sind nach 1990 zwei Länder zusammengewachsen und das braucht Zeit. Am Anfang war der Westen dominant, da mehr Wissen, mehr Geld und so weiter da waren. Nun muss sich der Osten langsam emanzipieren, beziehungsweise eher die ostdeutschen Bundesländer und die Bevölkerung. Da hilft aber kein Rumheulen, man würde mit Absicht klein gehalten werden oder vernachlässigt werden. Da hilft nur Machen.

Dass so viele westdeutsche Politiker noch an der Macht im Osten sind, stimmt ja auch nicht. Auf Bundesebene ist das noch anders, aber das wird sich auch ändern. Man muss aber auch realistisch bleiben und sich das Bevölkerungsverhältnis zwischen Ost und West anschauen. Im Westen leben mehr Menschen, also ist es in einer repräsentativen Demokratie halt auch wahrscheinlicher, dass mehr Menschen aus dem Gebiet an der Macht sind."

Bild

Plakate vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Bild: Getty Images Europe / Sean Gallup (Symbolbild)

"Nicht mal die Lokalpolitik vertritt eigentlich unsere Interessen"

Anne S., 37, arbeitet als Oberbauinspekteurin und wohnt in Stolberg im Erzgebirge.

"Ich finde, es kommt sowohl im Osten als auch im Westen darauf an, wo du wohnst. Sobald du in einem Ort wohnst, der etwas größer als ein Dorf ist, ist die Infrastruktur eigentlich okay. Aber auf dem Dorf fährt der Bus wiederum nur zwei- bis dreimal am Tag. Ich habe einen Arbeitsweg von 22 Kilometern – mit dem Auto brauche ich 18 Minuten, mit den Öffis würde ich zweieinhalb Stunden pro Strecke brauchen.

"Für meinen Arbeitsweg brauche ich mit dem Auto 18 Minuten, mit den Öffis würde ich zweieinhalb Stunden pro Strecke brauchen."

Nicht mal die Lokalpolitik vertritt eigentlich unsere Interessen. Die Gehälter hier sind gering, die Lebenskosten dabei trotzdem sehr hoch. Mir ist aber fast egal, ob ein Politiker aus West- oder Ostdeutschland ist: Hauptsache, er hat schon im echten Leben gearbeitet und kennt die Schwierigkeiten, statt direkt vom Studium aus in ein politisches Amt zu kommen. Viele meiner Freunde allerdings sagen, sie gehen gar nicht mehr wählen oder, wenn, dann wählen sie die AfD, weil die Politiker ihnen nicht zuhören."

"Die Leute, die viel leisten, sollten nicht so stark geschröpft werden"

Rico Z., 32, ist Qualitätsmanager im Pharmabereich und aus Pirna.

"Es gibt natürlich die typischen Probleme, dass man abseits der Stadt kein Internet hat und die Mobilität schlecht ist. Aber da gibt es gar nicht so einen großen Unterschied zwischen Ost und West. Ich denke, dass die bürgerliche Mitte in Ostdeutschland konservativer ist und sehr leistungsorientiert denkt. Die Leute, die viel leisten, sollten daher nicht so stark geschröpft werden. Bezüglich der AfD: Eine Pauschalisierung tut niemandem gut, wenn man die Wähler gleich alle als Nazis bezeichnet. Vielleicht sind es nur enttäuschte CDU-Wähler oder Leute, die sich im Wahlprogramm wiederfinden, die deswegen aber keine Nazis sind.

"Politisch mag man die Probleme der Ostdeutschen nicht wahrhaben, weil sie einfach nicht existieren sollen, obwohl sie relativ leicht lösbar wären."

Ich glaube auch, mehr oder bessere Kommunikation vonseiten der Bundespolitik ist wichtig, damit man die Ostdeutschen auch abholt. Die Menschen hier wollen politische Themen vielleicht etwas sensibler erklärt bekommen und nicht so von herab. Politisch mag man die Probleme der Ostdeutschen nicht wahrhaben, weil sie einfach nicht existieren sollen, obwohl sie relativ leicht lösbar wären. Solange die Projekte konkret genug sind, bezahlbar, machbar und logisch, hätten die Menschen nichts dagegen, mehr zu zahlen."

"Ostdeutsche Erfahrungen und Wertevorstellungen spielen sehr oft keine Rolle"

Uwe J., 61, wohnt in Seidewinkel im Osten Sachsens. Er nimmt zunächst Bezug auf die Aussage des CDU-Bundestagsabgeordneten und Ostbeauftragten Marco Wanderwitz, der kürzlich gesagt hat, Ostdeutsche würden auch deshalb vermehrt Rechtspopulisten wählen, weil sie in der DDR-Diktatur aufgewachsen seien.

"Der Herr Wanderwitz nimmt aus seiner Sicht schon richtig die andere Sozialisierung wahr. Er sieht aber die Seine als die einzig mögliche, richtige an. Dies wird aber durch die Ostdeutschen auch als Wertung ihrer eigenen Sozialisierung wahrgenommen.

"Irgendwann folgt Resignation und Abwendung und für manche dann auch dubiose Parteien."

Wenn nun aber schon jahrelang über einen und nicht mit einem geredet wird, einem immer wieder das eigene Leben und Erleben 'erklärt' wird und als echt wahrgenommene Wertschätzung für die meisten nicht dabei ist, was wird da erwartet?

Ostdeutsche Erfahrungen und Wertevorstellungen spielen sehr oft keine Rolle bei der Bewertung und Bewältigung des Gesamtdeutschen. Dann folgt irgendwann Resignation und Abwendung und für manche dann auch dubiose Parteien."

1
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
1Kommentar anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Alter Mann 06.06.2021 13:10
    Highlight Highlight Ich denke alle Wahlkreise in den neuen Bundesländern sollten darauf bestehen, dass nur Personen die dort ihren gewöhnlichen Aufenthalt haben in Wahllisten eingetragen werden dürfen. Sollten Parteien dies nicht beachten so sollten die Wähler diese Partei komplett boykottieren und deren Wahlkampf mit friedlichen Demos torpedieren.

Exklusiv

Wagenknecht im watson-Interview vor dem Linken-Parteitag: "Wir können uns als linke Partei nicht eins zu eins hinter die Ideen von Fridays for Future stellen"

Die Linken-Politikerin im Gespräch über ihre Beziehung zu Fridays for Future und Black Lives Matter, darüber, warum sie sich ausgerechnet am Gendern abarbeitet – und die Frage, warum sie sich über manche antirassistische Proteste nicht freuen kann.

Mit Sahra Wagenknecht und der Linken ist es kompliziert, seit Jahren schon. Wagenknecht, bis November 2019 Chefin der Linksfraktion im Bundestag, ist eines der wenigen Gesichter der Partei, die auch halbwegs politisch interessierte Menschen auf der Straße erkennen würden. Laut ZDF-"Politbarometer" aus dem Mai 2021 ist sie wieder einmal unter den Top 10 der deutschen Spitzenpolitiker – und hat bessere Sympathiewerte als die grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock. Wagenknecht kann Reden …

Artikel lesen
Link zum Artikel