Reportage
Former Iowa Democratic Party political director Travis Brock, right, leads a caucus training meeting at the local headquarters for Democratic presidential candidate South Bend, Ind., Mayor Pete Buttigieg, Thursday, Jan. 9, 2020, in Ottumwa, Iowa. Since September, the 37-year-old Buttigieg has been drawing a significant share of first-time caucusgoers into his ranks, including about a third of the 50 caucus leaders who turned out for the training session. (AP Photo/Charlie Neibergall)

Ein Mitarbeiter von Pete Buttigieg leitet ein Caucus-Training in Ottumwa. Bild: ap

Reportage

Wer wird Trumps Herausforderer? In Iowa steht die erste Entscheidung an

Am Montag beginnt im Bundesstaat Iowa der Auswahlprozess der Demokraten für die US-Präsidentschaftswahl. Der watson-Korrespondent war auf dem Campaign Trail unterwegs. In Teil 1 seiner Reportage: die Auftritte von Elizabeth Warren, Pete Buttigieg und Joe Biden.

johann aeschlimann

Für politische Beobachter ist Iowa im Wahljahr ein Garten Eden. Nirgendwo tummeln sich so viele Kandidaten auf so kleinem Raum in so kurzer Zeit wie hier und im ebenfalls kleinen New Hampshire an der Ostküste (Vorwahl am 11. Februar). Das liegt am Kalender und am System. Iowa ist Schauplatz des ersten Vorentscheids bei den Präsidentschaftswahlen überhaupt, und gewählt wird nicht an der Urne, sondern in einer Art lokaler Landsgemeinde.

In jedem der 1681 precincts (Bezirke) treffen sich die Anhänger der Partei (man kann sich vor Ort registrieren) zur Versammlung und machen im offenen Verfahren aus, wer die Delegiertenstimmen für die Parteikonvente erhalten soll. Das ist buchstäblich zu verstehen: Der Anhang jedes Kandidaten stellt sich an getrennten Orten im Raum auf, dann wird zweimal 30 Minuten hin und her geredet, geschachert und gekuhhandelt. Wer die Meinung ändert, marschiert in eine andere Ecke: Direktest-Demokratie, ohne geheime Stimmabgabe, wer sich äußert, muss sich exponieren.

Das geht, weil a) ein Grundkonsens besteht, man ist Demokrat oder Republikaner, und b) alle anständig sind. Man befindet sich immerhin im Heartland der amerikanischen Demokratie.

Bild

An diesen Orten in Iowa hat watson-Mitarbeiter Johann Aeschlimann die Auftritte der Kandidaten verfolgt. Bild: watson/retofehr

Das Ganze nennt sich caucus und wird von Außenstehenden gelegentlich mit gerümpfter Nase betrachtet, von den Einheimischen aber vehement verteidigt. Mehr Mitsprache ist nirgends in Amerika, und kein Volk wird intensiver hofiert als das Stimmvolk in Iowa. Später läuft die Kommunikation vor allem über das teure Fernsehen und Direct Mail. Iowa aber ist ein politischer Tante-Emma-Laden. Wer Erfolg haben will, macht sich frühzeitig in Iowa bekannt. Deshalb die Bustouren, die Town-Hall-Meetings, die Wahlversammlungen.

Auf nach Iowa also, den Wahlkämpfern nach. Auf schnurgeraden Landstraßen durch die verschneiten Felder des Mittelwestens. Heartland-Kernland, aber nicht wie die Idylle es sich vorstellt. Die Farmen sind hier nicht so dekoriert wie in Neuengland, die Zäune selten weiß getüncht wie in Kentucky, die kleinen Städtchen weniger pittoresk als viel mehr verwittert. Zwischen die älteren zweistöckigen Holzhäuser mit der Terrasse vor dem Eingang sind die gesichtslosen neuen Vorfabrikate gestreut, welche Amerika von Küste zu Küste überziehen.

Montag, 20. Januar

Democratic 2020 U.S. presidential candidate and U.S. Senator Elizabeth Warren (D-MA) takes the stage at a campaign town hall meeting in Grimes, Iowa, U.S., January 20, 2020.   REUTERS/Brian Snyder

Elizabeth Warren in Grimes. Bild: reuters

Der Ort: Dallas Center High School, moderne Schulanlage im Grünen. Grimes: rund 10.000 Einwohner, 30 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Des Moines. Mittleres Haushaltseinkommen 89.000 Dollar. Mittlerer Hauspreis 258.000 Dollar. Wahl 2016: knapp für Donald Trump (51 Prozent), in der demokratischen Vorwahl für Hillary Clinton. Wahl 2012: Obama 56 Prozent. Lokalgröße: Brett Moffitt, 2018 Champion in der NASCAR-Truck-Series.

Elizabeth Warren: 70 Jahre alt. Lehrerin, dann Juristin. Professorin für Konkursrecht an renommierten Universitäten. Konsumentenschützerin, nach der Bankenkrise 2008 politischer Kampf für den Schutz von privaten Kreditnehmern und stärkere Bankenregulierung. Leiterin von Obamas Amt für Finanzkonsumentenschutz (Consumer Financial Protection Bureau). Seit 2013 Senatorin für den Bundesstaat Massachusetts. Geschieden, verheiratet in zweiter Ehe. Zwei Kinder.

"Yoohoo!" Frau Warren betritt den Raum, energische Schritte von hinten Richtung Mikrophon. "Hello Grimes!" Schwarze Hose, blaue Jacke, fit getrimmt. "Yoohoo", der linke Arm schnellt nach oben. "Ich spreche über mich." Sie spricht von der Armut daheim in Oklahoma und Texas. Der Vater Hausmeister. Drei Brüder, zwei davon Republikaner. Sie das einzige Mädchen, spät dazu gestoßen – sie gegen die Boys. Heirat mit 19. Dann Billig-College, Lehrerin. "Yoohoo – sind Lehrer hier?" Dann Umzug nach New Jersey, als Schwangere aus dem Schuldienst entlassen, wie es damals so war. Der Ehemann Nummer eins weg ("Schlecht, wenn man die Ehemänner nummerieren muss"), aber Nummer zwei ist jetzt hier, da hinten, wir sind uns treu. Abenduni, Plackerei, juristischer Abschluss, Universitätskarriere, Professuren, zuletzt in Harvard.

"Für wen arbeitet unsere Regierung? Großartig für die mit dem Geld, aber nicht für alle anderen, das ist Korruption, das muss man so sagen."

Elizabeth Warren

Der Fokus auf der Biographie ist gut berechnet. Warren will zeigen, wie hart sie ihren Platz in der Gesellschaft erkämpfen musste. Präsident Trump verhöhnt sie als "Pocahontas", weil sie sich als teilweise indianischer Herkunft bezeichnet hat, was ihr den Zugang zu den Eliteuniversitäten erleichtert habe (ein DNA-Test zeigte, dass Warrens Indianerblut allenfalls ein Tröpflein ist, aber sie macht geltend, die indianischen Vorfahren gehörten zur Familiensaga).

Und sie kann ihre politischen Pläne mit biographischen Erfahrungen unterlegen: öffentliches Gesundheitssystem mit Krankenkasse für alle, Erlass aller Schulden aus den horrend teuren Universitätsstudien, Programme gegen die Klimaerwärmung, für das Bildungswesen – alles finanziert durch höhere Steuern auf großen Einkommen und hohen Vermögen. Aber was ist "groß" und "hoch"? Die Rechte schreit Sozialismus und die gemäßigten Demokraten runzeln die Stirn: unfinanzierbar, Belastung der Mittelklasse, nicht wählbar. Warren aber sagt: Die Mittelklasse soll verschont werden, Ehrenwort. Sie hat die Unterstützung der "New York Times" erhalten – als gangbare Alternative zu Bernie Sanders, dem roten Gottseibeiuns.

Democratic presidential candidate Sen. Elizabeth Warren, D-Mass., speaks during a campaign event, Monday, Jan. 20, 2020, in Grimes, Iowa. (AP Photo/Patrick Semansky)

Warren in Grimes: Überspannt, aufgedreht, bei allem und jedem auf dem letzten Zacken. Bild: ap

Elizabeth Warren spricht eindringlich, jedes Wort eine Mahnung, jeder Satz eine Andeutung von Großem und Wichtigem. Die Botschaft lautet: Ich komme von unten, ich bin eine von Euch, "yoohoo". Aber die Stimme ist ein bisschen kleiner als die Botschaft, es krächzt. Umso mehr fuchteln die Arme, die Frau scheint vor Energie zu bersten, es zappelt vor dem Mikrophon, zuweilen kann sie sich nicht halten und muss ein paar Schritte tun. Elizabeth Warren agiert wie die Schauspielerin Kate McKinnon, die sie in der Satireshow "Saturday Night Live" imitiert. Überspannt, aufgedreht, bei allem und jedem auf dem letzten Zacken. Realität und Parodie sind nicht zu unterscheiden.

"Ich habe immer die Geldthemen unterrichtet, hatte immer die arbeitenden Familien im Sinn", sagt Warren. Dann geht es rund. "Für wen arbeitet unsere Regierung? Großartig für die mit dem Geld, aber nicht für alle anderen, das ist Korruption, das muss man so sagen. Das Geld von Wall Street beeinflusst jeden Entscheid in Washington." Jetzt kommt der Kern: "Wenn wir das ändern wollen, können wir nicht nur an den Rändern herumfummeln, da brauchen wir einen großen Plan – a big structural plan. Ich habe den größten Antikorruptionsplan seit Watergate. Are you ready?"

"Wenn business as usual alles ist, was wir anzubieten haben, verlieren wir die Wahl."

Elizabeth Warren

Die 300 Leute im Auditorium lassen Applaus regnen, satt. Die Menge ist gut gemischt, etwas mehr Alte als Junge, mehrere Kinder mit Vätern. Elizabeth Warren wird gut aufgenommen. Aber die Zustimmung der Menge hinkt hinter dem zelebrierten Enthusiasmus zurück.

Frage/Antwort-Segment zum Schluss, ausgeloste Fragen. Was tut Präsidentin Warren für die Landwirtschaft? "Keine dummen Handelskriege", kommt die Antwort. Und nahezu beiläufig die Unterstützung für Trumps neue Zusätze zum nordamerikanischen Freihandelsabkommen, die Rivale Sanders ablehnt. Eine Lehrerin – "yoohoo eine Lehrerin" – will wissen, was Warren für das Schulwesen tun will? Die Antwort ist die Reichtumssteuer: Die ersten 50 Millionen vom Vermögen werden nicht angerührt, aber danach schlägt der Fiskus zwei Prozent auf jeden Dollar, das gibt Milliarden. Für die Schulen. Auch fürs Klima. Und für das universelle staatliche Gesundheitswesen, Medicare for all. "Wir brauchen große Ideen", sagt Warren. "Wenn business as usual alles ist, was wir anzubieten haben, verlieren wir die Wahl."

Zum Schluss die Schlange für die Selfies. Ein großer Mann, graumeliert, spricht erregt auf Warren ein. Es geht um das Erziehungswesen, Warrens Plan für Gratisuniversitäten und den Erlass bestehender College-Schulden. "We are screwed", sagt der Mann, wir sind erledigt. Er habe seine College-Kosten selbst bezahlt, vom Mund abgespart, zwei Jobs gearbeitet, während sein Kollege es schlittern ließ und nun von Warrens Schuldenerlass profitiere. "Erhalte ich mein Geld zurück?", fragt der Mann, und Warren antwortet: "Natürlich nicht." Screwed, in der Tat.

Am Abend zeigt C-SPAN die Aufzeichnung der Veranstaltung. Auf dem Bildschirm kommt Elizabeth Warren weniger schrill herüber. Nicht überdreht, sondern nur energisch. Die Kamera liebt sie mehr als das Auge.

Dienstag, 21. Januar

Democratic presidential candidate, former South Bend, Ind., Mayor Pete Buttigieg, right, arrives at a town hall meeting at the Lake Cooper Foundation in Keokuk, Iowa, Tuesday, Jan. 21, 2020. (AP Photo/Gene J. Puskar)

Pete Buttigieg bei der Ankunft in Keokuk. Bild: ap

Der Ort: Lake Cooper Foundation, altes Versammlungslokal an einer etwas zerfledderten Main Street. Keokuk: Kleinstadt am Mississippi, 10.000 Einwohner. Damm mit Schleuse und Wasserkraftwerk. Mittleres Haushaltseinkommen 37.000 Dollar. Mittlerer Hauspreis 69.000 Dollar. Wahl 2016: Deutlich für Trump (69 Prozent), Wahl 2012 für Obama (56,7 Prozent). Lokalgrößen: Howard Hughes (Vater des gleichnamigen Flugpioniers); Hollywood-Journalistin Elsa Maxwell.

Peter "Pete" Buttigieg: 38 Jahre alt. Absolvent der Eliteuniversitäten Harvard und Oxford, Berater bei McKinsey, 2009 bis 2017 Nachrichtenoffizier der US Navy (Leutnant), 2014 sieben Monate im Afghanistan-Einsatz. 2012 bis 2020 Bürgermeister von South Bend/Indiana (100.000 Einwohner, Sitz der Notre Dame Universität). Der jüngste Kandidat, einziger der Generation unter 40. National unerfahren.

"Heute in einem Jahr ist der erste Tag, an dem Trump nicht mehr Präsident ist."

Pete Buttigieg

Es ist kalt, man darf früher hinein. Sue Olson, als precinct captain die lokale Einpeitscherin für den Kandidaten, bearbeitet eine unentschlossene Dame. Sie soll sich per Unterschrift verpflichten, am Caucus teilzunehmen. Die Dame weicht aus: "Ich werde nicht hier sein." Sue war früher Lehrerin, jetzt irgendein Business, sie arbeitete in Finnland, dann in Chicago, wo sie schlechte Erfahrungen gemacht hat: "Der Rektor fragte mich, ob ich den Schülern beibringen könne, wie sie sich bei einem bewaffneten Überfall ducken müssen – geht's noch?" Im Raum steht ein uniformierter Polizist. "Sicher, wir haben Schießereien hier", sagt Sue. "Wenn Sie mich fragen, das sind welche, die kommen aus Chicago. Wir haben das beste Sozialsystem im Mittleren Westen, die kommen, um zu kassieren." Es sind nicht nur Trumpisten, die die Dinge so sehen.

Aus dem Lautsprecher die gleiche Musik wie bei Elizabeth Warren. Sixties und Seventies. Ronan, der Kampagnenhelfer, tritt auf, er ist aus Manhattan gekommen. "Wir bringen neue Leute in den Prozess", ruft er ins Publikum. "Es gibt jeden Tag Caucus-Seminare, gleich im Anschluss machen wir eins. Lust?" Es drängt sich niemand vor. Wer arbeitet, hat am Dienstagvormittag etwas anderes zu tun, es sind vielleicht hundert Personen anwesend. Kim, meine junge Nachbarin, ist Mittelschullehrerin und hat gerade frei. Sie will wissen, was der Kandidat über die unteren Schuljahre denkt.

Pete Buttigieg betritt den Raum ohne größere Fanfare und stellt sich in die Mitte. Nicht gerade der klassische amerikanische Militärveteran. Keine berstenden Oberschenkel, kein Bürstenschnitt, mit großer Wahrscheinlichkeit kein Sixpack unter dem weißen Hemd. "Mayor Pete" sieht eher aus wie ein Bankangestellter, der für einmal das Jacket weglegt. "Saturday Night Live" karikiert ihn als unerfahrenen großen Buben. Seit er in den Umfragen steigt, stellen seine Gegner ihn als Wolf im Schafspelz dar. Er habe als McKinsey-Berater an Sanierungsmassnahmen mitgewirkt, die Hunderten den Job kosteten. Er nehme Geld von reichen Spendern. Er sei der Kandidat der Großkonzerne und der Wall Street.

Bild

Den Arm vorgestreckt: Achtung, jetzt wird es genau. bild: johann aeschlimann

Buttigieg macht die Vorstellung kurz, vor allem muss er kein Gespür für die sozialen Minderheiten in die Biographie einarbeiten. Er ist ja schwul. Man weiß es, seit er 2015 einen Mann heiratete und trotzdem wiedergewählt wurde. Davon spricht Buttigieg nicht. Er kommt ohne Umschweife zur Sache: "Heute in einem Jahr ist der erste Tag, an dem Trump nicht mehr Präsident ist", sagt er. "Was dann?" Der Neue muss große Fragen anpacken: Das Klima ("nationaler Plan"), die grassierende Waffengewalt, "eine Wirtschaft, in der der Dow Jones steigt, aber nicht für Bürger wie uns". Deshalb "mehr Steuergerechtigkeit", die staatliche Alterskrankenkasse Medicare "für alle, die es wollen". Das ist weniger als das Obligatorium der Linken, aber mehr als heute. "Wir müssen einen Präsidenten wählen, der führt."

Und einen, der gegen Trump gewinnen kann. Buttigieg preist sich als Mittelwestler an, "einen Steinwurf von den Maisfeldern entfernt". Einer, der Trump seine Handelskriege als "Betrug an den Farmern" um die Ohren schlagen kann. Ein Kriegsveteranen, der "nachfragt, was genau es mit jenem Knochensporn am Fuß auf sich hat, der ihn am Militärdienst hinderte". Pete Buttigieg spricht fehlerfrei, kontrolliert. Ein politisches Präzisionsgerät, bis in die Bewegungen hinein. Den Arm vorgestreckt: Achtung, jetzt wird es genau. Die Arme ausgebreitet: Aufgepasst, der Punkt ist wichtig. Den Kopf schräg nach unten, den rechten Arm nach oben: die demütige Siegerpose.

"Die Lösungen sollen nicht alle von Washington kommen, aber die Gelder müssen es."

Pete Buttigieg

Fragen? Ein Mann sagt, der staatlich vorgeschriebene Gewässerschutz koste eine arme Gemeinde wie Keokuk Millionen, die sie nicht bezahlen könne. Bürgermeister Pete kennt das Problem genau und hat die Lösung: ein Infrastrukturprogramm des Bundes. Dasselbe bei den teuren Ambulanzdiensten, welche die Gemeinden überfordern: "Die Lösungen sollen nicht alle von Washington kommen, aber die Gelder müssen es."

Nachbarin Kim stellt ihre Frage nach der Finanzierung der Grund- und Mittelschule. "Ich bin auch mit einem Mittelschullehrer verheiratet", antwortet Buttigieg. "Wenn wir es mit dem College richten wollen, müssen wir es auch mit den ersten zwölf Schuljahren richtig machen. Es braucht die Unterstützung der Bundesregierung." Kim ist beeindruckt.

Auf der Fahrt zurück nach Des Moines stehen handgeschriebene Plakate auf den fahlen weißen Feldern: "Hillary in Prison". Und: "Trump".

Dienstag, 21. Januar

Democratic presidential candidate former Vice President Joe Biden poses for a photograph with an attendee during a campaign event at Iowa Central Community College, Tuesday, Jan. 21, 2020, in Fort Dodge, Iowa. (AP Photo/Matt Rourke)

Joe Biden posiert mit einem Anhänger in Fort Dodge. Bild: ap

Der Ort: Community College Student Research Center, Vorhalle in moderner, sehr gut ausgestatteter Bibliotheksanlage für die lokale staatliche Hochschule. Fort Dodge: 25.000 Einwohner. Wirtschaft: Gipsplatten, Futtermittel, Veterinärmedikamente, Transportwesen. Mittleres Haushaltseinkommen 41.000 Dollar. Mittlerer Hauspreis 88.000 Dollar. Wahl 2016: Trump 57,7 Prozent, demokratische Vorwahl Clinton 54,2 Prozent. Wahl 2012: Obama 52,2 Prozent. Lokalgröße: Bill Tilghman, Wildwest-Marshal und Revolverheld.

Joseph "Joe" Biden: 77 Jahre. US-Senator für den Bundesstaat Delaware während 36 Jahren. 2009 bis 2017 US-Vizepräsident unter Barack Obama. Nach 1988 und 2008 zum dritten Mal Kandidat für die Vorwahl der Demokratischen Partei. Geboren in der Industriestadt Scranton/Pennsylvania. Jurastudium, dann Berufspolitiker. Gilt als frontrunner der Demokraten mit großem Rückhalt in der nichtweißen Wählerschaft, vor allem bei den schwarzen Frauen. Wegen der Verwicklung seines Sohns Hunter in die Ukraine-Affäre im Visier der Rechten.

"Vier Jahre Trump können wir aushalten, aber nach acht Jahren haben wir eine fundamentale Veränderung in allem, was wir sind."

Joe Biden

Präsident Trump verspottet ihn als Sleepy Joe – der Schlafsepp. In den TV-Debatten sieht er alt aus. Wächsern, unbeholfen. Ein alter Mann, der gelegentlich den Faden verliert und Mühe zu bekunden scheint, zwei Stunden stehend durchzuhalten. Ein Mann der unbeholfenen Gesten (der Klassiker: Er leckte seiner Frau während ihren Einführungsworten bei einem Kampagnenauftritt die Hand) und nicht ganz verständlichen Witze.

Was sich in der Bibliothekshalle vorfindet, entspricht dem Etikett. Das Publikum, das in den Stühlen hockt, ist alt, lethargisch, wie die Teilnehmer an einer Butterfahrt vor der Verteilung der Bhaltistüten. Man ist in einem College, aber es sind kaum Studenten da. Kein Anheizer, sondern eine anonyme Stimme: The program will begin shortly. Bald soll's losgehen. Ein dicklicher Jüngling lädt zum pledge of allegiance ein, dem Fahneneid, den Amerikaner in der Schule vorsagen müssen. Es murmelt. One nation, under god. Der junge Mann fleht: Bitte, bitte, unterschreibt, dass ihr zum Caucus geht. Die Menge hockt und schweigt. Low energy würde Trump sagen.

Dann kommt Biden. Er schreitet ohne Eile in die Runde, blauer Anzug, weißes Hemd, jeder Zoll ein Grandseigneur. Joe Biden zeigt unglaublich weiße Zähne und sagt: "Folks!" Leute, nun hört mal zu, ganz im Ernst. Wo Frau Warren "yoohoo" ruft, sagt Herr Biden "folks". "Folks, eine Sache ist entscheidend hier, zur Wahl steht der Charakter unseres Landes." Entweder weiter mit der schieren Machtpolitik, dann kommt es unweigerlich zu Machtmissbrauch. Oder Amerika als Land, das "durch die Macht seines Beispiels führt". Das sehen viele so. "Deshalb, folks, müssen wir die Menschen zusammenführen. Vier Jahre Trump können wir aushalten, aber nach acht Jahren haben wir eine fundamentale Veränderung in allem, was wir sind." Das Publikum sitzt da und schweigt. In einer Ecke machen eine Handvoll Junge ein Gekreisch. Die Kameras.

Bild

Ein fitter Siebziger, von hinten eher jünger. bild: johann aeschlimann

Joe Biden ist nicht laut, er macht keine eigenartigen Gesten, er verheddert sich nicht. Er ist konzentriert, ernsthaft, bei der Sache. Hier ist nicht der Brabbler aus den Fernsehschnipseln zu sehen, sondern ein fitter Siebziger, von hinten eher jünger. Man merkt, dass er regelmäßig Sport treibt.

Biden predigt die Kraft des vernünftigen Arguments. Er erinnert an Obamacare, das Krankenkassengesetz der Demokraten, das die Exekutivgewalt von Präsident Trump und die republikanisch dominierten Gerichte ausgeweidet haben. "Es wurde bekämpft, aber als wir den Bürgern erklärten, was Obamacare ist, konnten sie es nicht abschaffen." So könne es auch mit den weiteren Punkten auf der demokratischen Tagesordnung gehen: bessere Gesundheitsversorgung, Schulen, ein Einwanderungsgesetz, eine andere Wirtschaftspolitik. "Die Mittelklasse geht unter, diese neuen Jobs zahlen nichts, 40 Prozent machen keine elf Dollar die Stunde." Auch die Klimaerwärmung, "die wichtigste Frage von allen".

"Ich besitze auch Gewehre, aber gewisse Leute sollten keine haben."

Joe Biden

Alles im Rahmen des Vernünftigen. Keine gigantischen Steuererhöhungen, aber Fairness im Steuergesetz: Zurück zur Minimalsteuer für Konzerne, und "der Chef soll nicht weniger zahlen als die Sekretärin". Keine durchgängigen Waffenverbote: "Ich besitze auch Gewehre, aber gewisse Leute sollten keine haben." Im Fragesegment geht Biden ins Detail, spricht über Steuerabzüge und Steuersatzerhöhungen und das Übel des wirtschaftlichen Kurzfristdenkens an der Börse, das selbst den Unternehmensführern Angst mache, weil weniger Mittel für langfristige Investitionen zur Verfügung stünden: "Folks, das ist keine sozialistische Verrücktheit."

Ein Fragesteller gibt das Stichwort "militärische Kriegführung" und hier kommt Biden in Fahrt. Er warnt vor einem Krieg mit Iran, verteidigt das von der Trump-Regierung gekündigte Atomabkommen, geißelt die "America First"-Politik, die Amerika von seinen Verbündeten isoliere: "Was haben wir jetzt? China, Russland und Iran patrouillieren im Persischen Golf, unsere Alliierten sind nicht mehr mit uns." Am ersten Arbeitstag als Präsident werde er die Nato-Verbündeten anrufen und ihnen sagen: "Wir sind zurück." Und anders als zuvor. Biden erinnert daran, dass er als Vizepräsident gegen die Aufstockung der US-Truppen in Afghanistan eingetreten sei: "Das Land steckt im 14. Jahrhundert, es ist unmöglich, dort eine Nation zu schaffen, und wir sind nicht der Weltpolizist."

Dass er 2003 im Senat für den Irak-Krieg gestimmt hatte, sagte Joe Biden den Wählern in Fort Dodge nicht.

Fazit Teil 1

Hat man hier den zukünftigen Präsidenten der USA gesehen, die Präsidentin? Oder die Person, die im Herbst gegen Trump antreten wird? Vielleicht.

Aus den zahllosen Umfragen geht hervor, dass Präsident Trump weiterhin von einer Mehrheit der Bevölkerung missbilligt wird. Weder das Impeachment-Verfahren in Washington noch die Teilabkommen im Handelsstreit mit Mexiko und China haben sich groß ausgewirkt. Weiter zeigen die Umfragen, dass Joe Biden im demokratischen Feld vorne liegt, während Elizabeth Warren sinkt. Nur noch Platz drei. Aber die Umfragen sind labil, die großen Entscheidungen noch nicht gefallen. In Iowa scheinen die meisten Gesprächspartner ihre Meinung nicht endgültig gemacht zu haben.

Demonstrators protest outside a campaign rally with U.S. President Donald Trump in Des Moines, Iowa, U.S., January 30, 2020.   REUTERS/Brian Snyder

Trump-Gegner protestierten am Donnerstag gegen einen Auftritt des Präsidenten in Des Moines. Bild: reuters

Pete Buttigieg? Er ist ein Generationenkandidat, der Ausdruck eines Unbehagens, dass nur Großeltern zur Wahl stehen. Er signalisiert Neuanfang, unkonventionell (schwul und gottesgläubig). Das ist eine alte Nische, und die Jugend läuft nicht in seiner Spur. Die folgen lieber Bernie Sanders.

Joe Biden? Er sah eindeutig viel besser aus, als was man von ihm liest. Solider. Und er hat die überwältigende Unterstützung der schwarzen Wählerschaft, die in den Staaten des Südens den Ausschlag gibt. Aber ist Biden verlässlich? Wie viel ist einem zuzutrauen, der für den Irak-Krieg stimmte? Und wie viel wiegt die politische Botschaft, nach den vier Trump-Jahren zu einer Art Normalität zurückzukehren? Obama predigte bipartisanship, parteiübergreifend wollte er sein, und scheiterte am eisernen Widerstand der Rechten. Schließlich ist nicht ganz klar, wie viel der eigenartigen Ukraine-Geschäfte von Sohn Hunter auf den Kandidaten Biden abfärben wird. Nicht nur Trumpisten fragen, wie jener Hunter, im Ostgeschäft ein unbeschriebenes Blatt, dazu gekommen ist, sich mit einem ukrainischen Konglomerat ins Bett zu legen.

Solcherlei belastet Elizabeth Warren nicht. Sie wird im rechtsextremen Dauer-Talk noch unbarmherziger als "Pocahontas" verspottet werden, aber der Kern des Anti-Warren-Widerstands ist politisch: Warren ist links, wenn sie ihre Programme durchsetzen kann, wird der Würgegriff der Großkonzerne und der Börse auf die amerikanische Politik gelockert. Das passt auch vielen demokratischen Parteigängern nicht. Der Widerstand gegen eine Präsidentin Warren wird alles in den Schatten stellen, was gegen einen Obama ins Feld geführt wurde. Ist sie stark genug, um durchzuhalten? Als Zuschauer der Veranstaltung in Grimes bleibt die Frage im Hinterkopf kleben. Soviel Daueraufgekratztheit ist nicht natürlich. Wie viel Glut bleibt, wenn das zur Schau gestellte Feuer zusammenfällt? Es wird eine Menge weiblichen Druckes bedürfen, um Elizabeth Warren zur Nominierung zu verhelfen.

In Teil 2 unserer Iowa-Reportage: die Auftritte von Bernie Sanders und Amy Klobuchar

1
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
1Kommentar anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Hansi Daurippel 02.02.2020 09:41
    Highlight Highlight Liebe Demokraten, nehmt den Kandidaten der Trump schlagen kann. Noch 4 Jahre mit diesem unberechenbaren, pussygrabschenden Rassisten darf man der Weltgemeinschaft nicht zumuten. Jetzt will er aus dem Abkommen zum Verbot von Landminen austreten. Also wenn da nicht langsam die Alarmglocken klingeln wann dann.

Trump wettert gegen Oscar-Gewinner "Parasite" – der eiskalte Konter folgt prompt

"Parasite" war der Abräumer bei den Oscars. Als erster ausländischer Film gewann der Streifen aus Südkorea in der Königskategorie "Bester Film". Allerdings hat der Film nicht nur Fans.

Das wurde am Donnerstagabend (Ortszeit) bei einem Auftritt von US-Präsident Donald Trump in Colorado Springs deutlich. Denn Trump machte sich über "Parasite" lustig.

"Wie schlecht waren die Academy Awards in diesem Jahr?", fragte Trump seine Anhänger bei der Wahlkampfveranstaltung. "Und der Gewinner ist ein …

Artikel lesen
Link zum Artikel