Interview
 Thomas faehrt in einem BVG Bus mit Mundschutzmaske in Berlin am 19. Maerz 2020. Die Folgen des Coronavirus COVID-19 lassen sich auch in der Stadt vermehrt spueren nachdem der Senat die Schliessung von Kultur und Sportveranstaltung, versammlungen von mehr als 50 Personen und den Respekt von Distanzen in den offen gebliebenen Betrieben und Gaststaetten. Oeffentliches Leber weiter in Berlin wegen Coronavirus eingeschraenkt *** Thomas rides in a BVG bus with a face mask in Berlin on 19 March 2020 The consequences of the coronavirus COVID 19 can be increasingly felt in the city after the Senate has restricted the closure of cultural and sports events, gatherings of more than 50 people and the respect of distances in the remaining open businesses and restaurants Public liver further in Berlin because of coronavirus

Immer weniger Menschen sind bereit, im Bus ihre Maske zu tragen. Bild: www.imago-images.de / Emmanuele Contini

Interview

Berlin prescht vor: Jetzt kann die BVG Masken-Verstöße selbst ahnden

In deutschen Bussen und Bahnen gilt offiziell eine Maskenpflicht. Doch kontrolliert wird das nur selten – dafür bräuchte es die Polizei. Den Verkehrsbetrieben selbst sind in diesem Punkt die Hände gebunden. Bislang. Denn in Berlin ist die BVG auf eine Idee gekommen, wie sie die Maskenpflicht zur Haussache machen kann. Und die könnte auch für andere Verkehrsbetriebe in Deutschland interessant sein.

Mit welchem Trick die BVG nun selbst die Maskenpflicht kontrollieren darf und wie teuer das für die Fahrgäste wird? Wir sprachen darüber mit Petra Nelken, Sprecherin der Berliner Verkehrsbetriebe.

"Die Bereitschaft, Maske zu tragen, hat sehr nachgelassen, als den Menschen klar wurde, dass es gar keine Kontrolle durch die BVG selbst gibt."

watson: Sie mussten bis zum Senat gehen, um die Maskenpflicht selbst kontrollieren zu dürfen. Warum?

Petra Nelken: Im Land Berlin gibt es zwar eine Verordnung, dass man seinen Mund-Nase-Schutz in Bus und Bahn tragen muss. Formalrechtlich durchsetzen konnte das aber bislang nur die Staatsmacht. Nur Polizisten konnten Gäste also auf die fehlenden Masken ansprechen und 50 Euro verlangen, wir als Unternehmen durften das aber nicht. Für Fahrgäste war das natürlich komisch, besonders, wenn sich nicht alle daran hielten. Es kamen immer mal wieder Menschen auf uns zu und fragten: Warum macht ihr denn da nichts?

Da haben wir überlegt: Wir müssen das ändern. Wir schreiben die Maskenpflicht in unsere Nutzungsbedingungen rein, so, wie andere Verhaltensregeln ja auch, zum Beispiel, dass man nicht rauchen darf. Damit haben wir eine Handhabe und festgelegt, dass die Maskenpflicht bis auf Weiteres in unseren Verkehrsmitteln gilt.

Wie hoch wird das Bußgeld sein?

50 Euro. Wobei ich vermute, dass es oft bei einer Verwarnung bleibt. In den meisten Fällen werden die Menschen vermutlich sagen: "Ach Mist, stimmt ja", die Maske aufziehen und dann ist auch gut. Wenn sie zu Hause vergessen wurde, haben unsere Mitarbeiter auch welche dabei, die sie dem Fahrgast geben können. Aber das Wichtige ist: Wenn die BVG-Mitarbeiter es jetzt mit einem Überzeugungstäter zu tun haben, der wirklich keine Maske tragen will, können sie eben sagen: "Das ist ein Vertragsbruch und kostet 50 Euro." Beim Kauf einer Fahrkarte geht jeder Gast einen Vertrag mit uns ein und hat sich dementsprechend an die Nutzungsbedingungen zu halten. Zeigt sich der Gast uneinsichtig, wird die Polizei dazugeholt. Dann sind es allerdings nicht mehr nur unsere 50 Euro, sondern unter Umständen kommen noch 50 Euro Strafe wegen einer Ordnungswidrigkeit vom Land Berlin hinzu.

Wieso kam es gerade jetzt zu dieser Änderung?

Wir mussten langsam eine Lösung finden. Die Bereitschaft, Maske zu tragen, hat sehr nachgelassen, als den Menschen klar wurde, dass es gar keine Kontrolle durch die BVG selbst gibt. Die Kollegen sagen, dass die Disziplin im Berufsverkehr noch am größten ist, aber über den Tag und vor allem in den Abend- und Nachtstunden werden die Leute nachlässig. Das Leben normalisiert sich, Kinos und Clubs machen wieder auf – da wird immer öfter die Maske weggelassen.

"Es gibt natürlich einen kleinen Anteil an Menschen, die lieber Aluhütchen als Masken tragen und bei dem Thema durchaus sehr aggressiv werden."

Ich kann auch verstehen, dass die Polizei sagt: Wir haben noch zwei, drei andere Probleme in der Stadt und können nicht ständig in die Tram schauen, wer die Maske trägt. Auf der anderen Seite haben sich auch unsere Kollegen beschwert, weil ihnen die Hände gebunden sind, wenn sie einen Verstoß sehen. Uns war aber wichtig, den Leuten nochmal mit Nachdruck zu zeigen: Wir wollen weiterhin, dass du deine Maske trägst.

Das heißt, wenn ich in den Bus einsteige, wird der Fahrer jetzt auch meine Maske kontrollieren?

Nein. Die Fahrer haben damit nichts zu tun, deren Aufgabe ist es, die Fahrgäste sicher ans Ziel zu bringen. Wie würde das sonst aussehen? Wenn der Busfahrer einem maskenlosen Menschen sagt, er nähme ihn nicht mit, ginge die Diskussion los und der zweite Gast dahinter kommt deshalb zu spät zu seinem Arzttermin. Da würden sich innerhalb von zwanzig Minuten zehn Busse hintereinander reihen. Es wäre unfair, das auf die Busfahrer abzuwälzen.

In Frankreich ist gerade ein Busfahrer ins Koma geprügelt worden, weil er einen Gast ohne Maske nicht mitnehmen wollte. Spielt auch Angst vor solchen Übergriffen eine Rolle?

Ja, natürlich. Genau vor so etwas müssen die Fahrer geschützt werden. Was ich aus den Kollegenkreisen höre, ist schon, dass die meisten Fahrgäste einsichtig sind oder nur ein bisschen diskutieren, um keinen Ärger zu bekommen. Aber es gibt natürlich einen kleinen Anteil an Menschen, die lieber Aluhütchen als Masken tragen und bei dem Thema durchaus sehr aggressiv werden. Diese Wut sollen die Fahrer nicht austragen müssen.

Wer kontrolliert also dann in Zukunft die Maskenpflicht für die BVG?

Nur die Sicherheitsleute von der BVG, die auch sonst ihre Touren an Haltestellen, Bussen und Bahnen machen. Die sind geschult und wissen, wie man mit Aggressionen umgeht, haben auch einen schnellen Kontakt zur Polizei. Im Grunde ist es mit den Masken wie mit dem Schwarzfahren: Dem Gast sollte klar sein, dass er jetzt kontrolliert werden kann und dann auch zahlen muss.

"Es kamen immer mal wieder Menschen auf uns zu und sagten: Warum macht ihr denn da nichts?"

Trotzdem ist es wirklich nicht unser Plan, mit den Bußgeldern reich zu werden. Wir wollen den Leuten nur nochmal in Erinnerung rufen: Verdammt nochmal, setzt doch einfach den Mund-Nase-Schutz auf. Ich kenne die Diskussion selbst aus meinem Bekanntenkreis: "Die Maske nervt, die braucht man gar nicht." Aber es ist eine Geste der Höflichkeit. Bitte erinnert euch daran.

0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

watson-Story

Verzweifelte Tönnies-Mitarbeiter: "Viele weinen am Telefon"

Für die meisten Gütersloher scheint das Leben nach dem gewaltigen Corona-Ausbruch bei Tönnies in ihrem Landkreis endlich wieder normal, die Kontaktbeschränkungen wurden aufgehoben. Das gilt aber nicht für die Arbeiter des Schlachtbetriebs selbst. Sie und ihre Angehörigen müssen noch bis zum 17. Juli in Quarantäne bleiben.

Für die Betroffenen ein Schlag ins Gesicht. Zwei Wochen mehr in Isolation auf engstem Raum, zusammen mit allen Familienmitgliedern und dem verzweifelten Gefühl: Denkt …

Artikel lesen
Link zum Artikel