Reportage
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und die Werbung von watson und Werbepartnern zu personalisieren. Weitere Infos: Datenschutzerklärung.
Riace, the mayor of Riace Domenico Lucano greets the crowd from his home where he is restricted to house arrest during the event Riace does not stop . In 5000 they participated in the demonstration in support of the mayor Domenico Lucano, called Mimmo, under house arrest on charges of facilitating illegal immigration and administrative offenses. 06/10/2018, Riace, Italy PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: xRobertaxBasilex/xIPAx/xKontrolabx

Bürgermeister Domenico "Mimmo" Lucano steht nach seiner Verhaftung unter Hausarrest. Bild: Roberta Basile / IPA/imago

Reportage

Ein italienisches Dorf half Flüchtlingen und wurde dafür bestraft – ein Erlebnisbericht

Sarah Serafini / watson.ch

Das kalabrische Dorf Riace galt als Vorbild für eine erfolgreiche Migrationspolitik – bis Italiens Innenminister Matteo Salvini genug hatte und den Bürgermeister verhaften ließ. Erinnerungen an einen Besuch im August.

Ganz Italien schaut derzeit nach Riace, einem 2000-Seelen-Dorf inmitten der hügeligen Landschaft von Kalabrien. 20 Jahre lang nahm deren Bürgermeister Domenico Lucano Flüchtlinge auf, gab ihnen Häuser, eine Arbeit, Italienischkurse. Riace half damit nicht nur den Migranten, sondern auch sich selbst. Denn wie so viele Dörfer in Süditalien litt es an der Abwanderung ihrer Bewohner in den Norden. Mit der Ansiedlung der Flüchtlinge fand Bürgermeister Lucano neue Besitzer der verlassenen Häuser, Bepflanzer der zuvor stillgelegten Äcker und neues Leben auf dem verwaisten Dorfplatz.

Jetzt setzte die italienische Regierung der Idylle ein Ende. Anfang Oktober wurde Lucano verhaftet. Dem italienischen Innenminister Matteo Salvini war der Bürgermeister schon lange ein Dorn im Auge. Nun beschuldigt er ihn, die Abfallentsorgung in Riace ohne vorherige Ausschreibung an Migranten vergeben, Scheinehen zwischen Bewohnern seines Dorfes und Flüchtlingen arrangiert und Beihilfe zur illegalen Einwanderung geleistet zu haben. Auf Anweisung von Salvinis ausländerfeindlichen Lega ordnete die Regierung an, die aufgenommenen Flüchtlinge von Riace in Sammellager zu bringen.

In den Medien wurde es "das Wunder von Riace", "das Dorf der Hoffnung" oder "Riace, das Vorzeigedorf" genannt. Nun ist der Traum geplatzt. Erst vor Kurzem noch schienen der Zusammenhalt des Dorfes und der eiserne Wille des Bürgermeisters jeglicher Erschütterung trotzen zu können.

Bei einem Besuch in Riace Mitte August war dies deutlich spürbar. Seit einigen Tagen befand sich Bürgermeister Lucano in einem Hungerstreik. Er protestierte dagegen, dass ihm die Provinz Reggio Calabria die Unterstützungsgelder für sein Flüchtlingsprojekt ohne Erklärung gestrichen hatte. Seit zwei Jahren setze ihn die Regierung unter Druck. Seit Salvini im März den Posten des Innenministers übernommen hatte, habe sich für ihn die Situation noch mehr zugespitzt. Das erklärte er einem italienischen Journalisten, der mit Mikrofon, Kamera und Entourage um den Bürgermeister stand.

Etwas abseits des Geschehens saßen jene, um die es im Kern der Sache eigentlich ging: Somalier, Eritreer, Kurden, Palästinenser, Syrer, Afghanen, Malier, Tunesier, Senegalesen. Mit ernsten Gesichtern beobachteten sie "Mimmo", wie sie ihren Helden nannten. Noch gab er sich kämpferisch, doch welche Zukunft blühte ihm? Und was bedeutete das für das Schicksal der Flüchtlinge?

Unterstützer von Bürgermeister Domenico Lucano protestieren gegen dessen Verhaftung:

Riace, some moments of the event Riace does not stop . In 5000 they participated in the demonstration in support of the mayor Domenico Lucano, called Mimmo, under house arrest on charges of facilitating illegal immigration and administrative offenses. 06/10/2018, Riace, Italy PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: xRobertaxBasilex/xIPAx/xKontrolabx

Bild: imago stock&people

Aus der Taverna "Donna Rosa" drang aufgeregtes Kindergeschrei. Ein dunkelhäutiger Junge schoss die Treppen herunter auf die Straßen, ein anderer stürzte hinter ihm her. Ursprünglich war das Restaurant eines jener Projekte, die aus Lucanos Engagement für die Flüchtlinge hervorging. Migranten bewirteten hier Gäste mit typischen Gerichten ihrer Herkunftsländern. Im Innern des Gebäudes wurden dieser Tage aber keine kurdischen oder eritreischen Speisen gekocht, sondern Flyer geschrieben, mit Medien telefoniert oder Veranstaltungen geplant.

Die zwei Kinder, die sich aus der Taverne heraus unter lautem Gelächter durch die Straßen jagten, rannten nun auf Lucano zu, der auf einer niedrigen Mauer saß und noch immer mit dem Journalisten sprach. Der eine Junge streckte dem Bürgermeister frech seine Handfläche entgegen und ließ sich von ihm ein High-Five geben. Ganz zum Ärgernis seiner Mutter, die ihn in barschem Ton anherrschte und von Lucano wegzog.

Etwas weiter vorne im schmalen Gässchen saßen vier ältere Dorfbewohner im Schatten der Häuser um einen weißen Plastiktisch und spielten Karten. Beim Anblick der Gestalten hätte man denken können, dass dies ein ganz normaler Ort, mit ganz normalen Leuten, irgendwo in Süditalien war.

Obwohl Riace in den vergangenen Jahren zu einem Flüchtlingsdorf wurde, das rund 800 Menschen ein neues Zuhause gab, änderte dies nicht die Gewohnheiten der Bewohner. Die Männer schmetterten beim Ablegen die Karten so laut auf den Tisch, dass jedes Mal ein dumpfer Knall erklang. Dazu tranken sie Wein und schwiegen sich an.

Wenig guten Mutes war der Barista im Café am Dorfplatz. Seit Monaten erhalte er das Geld für die Riace-Euros nicht mehr, sagte er und öffnete seine Kasse. Darin lag ein Stapel bunter Scheine. Diese spezielle Währung war ebenfalls eine Erfindung von Lucano. Zwar erhielten die Flüchtlinge in Riace von der Regierung einen gewissen Geldbetrag. Doch weil sich die Zahlung regelmäßig um Monate verzögerte, führte der Bürgermeister ein eigenes Währungssystem ein. Mit den Riace-Euros konnten die Migranten in lokalen Geschäften das Nötigste einkaufen. Sobald die Regierung das Geld überwies, konnten die Ladenbesitzer die künstliche Währung in Euros umtauschen.

Doch weil Salvini die Zahlungen blockierte, zwang das nicht nur Lucano in einen Hungerstreik, sondern brachte auch den örtlichen Barista in Not. "Wir alle stehen hinter Mimmo. Aber so wie es jetzt ist, kann es nicht mehr weiter gehen", sagte er. Als dann jedoch ein Mädchen in die Bar kam und ihm wortlos einen Riace-Euro-Schein entgegenstreckte, zögerte er nicht und reichte eine Packung Chips über die Theke.

Zwar bröckelten die schützenden Mauern rund um die kleine Welt von Riace schon damals. Doch Mitte August bestand bei der Bevölkerung noch Hoffnung, dass sich irgendwie alles zum Guten wenden könnte. Zuletzt bewahrheitete sich dies allerdings nicht. Mit der Verhaftung Lucanos und der Umsiedlung der Migranten zerfiel das Modell Riace, das mancherorts Vorbild einer Migrationspolitik der Zukunft war. Was nun mit den aufs Neue leer stehenden Häusern, der Taverna oder der wieder eröffneten Schule passiert, ist unklar.

An dem "Lifeline"-Kapitän soll ein Exempel statuiert werden

abspielen

Video: watson

Der Tag – was heute noch wichtig ist:

Millionen sahen Hartz-IV-Empfänger bei "Armes Deutschland" – jetzt rechnet er mit RTL 2 ab

Link zum Artikel

"In BVB-Bayern-Wendebettwäsche geschlafen"– die lustigsten Reaktionen zum Hummels-Wechsel

Link zum Artikel

Mit diesen 4 Tipps umgehst du die langsamste Kasse im Supermarkt

Link zum Artikel

Heidi Klum postet Oben-Ohne-Video – das sagt Lena Meyer-Landrut dazu

Link zum Artikel

Sommer bei H&M: Das sind die ekligsten Dinge, die mir als Verkäuferin passiert sind

Link zum Artikel

Das deutsche Badewasser ist hervorragend – nur nicht an diesen 6 Orten

Link zum Artikel

Mats Hummels für 38 Mio. zurück zum BVB: Warum ich als Fan sauer wäre

Link zum Artikel

9 Frauen aus den Anfängen des Rock'n'Roll, die die Musikwelt auf den Kopf stellten

Link zum Artikel

Ich wollte Eltern überzeugen, dass Impfen schlecht ist – und scheiterte glücklicherweise

Link zum Artikel

"Soll ich hier den Clown machen?": Kollegah rastet wegen Schweizer Festival aus

Link zum Artikel

Aldi schafft die Kasse ab: Discounter testet wegweisendes Konzept in China

Link zum Artikel

Diese Bilder von den Protesten in Hongkong geht gerade um die Welt

Link zum Artikel

Pascal Hens gewinnt "Let's Dance", aber was viel beachtlicher ist

Link zum Artikel

Gespräch mit einem Luxus-Escort: "Die meisten Prostituierten sind unterer Mittelstand"

Link zum Artikel

Sie demontiert sich selbst: Warum ihr Görlitz-Tweet AKK so heftig um die Ohren fliegt

Link zum Artikel

"Hunderte Mio. Menschen werden betroffen sein": Klimaforscher machen dramatische Entdeckung

Link zum Artikel

Illner geht ihren Gästen mit Personal-Fragen auf die Nerven – "unsägliche Debatte"

Link zum Artikel

"Mit Neonazis mache ich mich nicht gemein" – so begründet ein Ex-AfD-Mann seinen Ausstieg

Link zum Artikel

Vera Int-Veen verurteilt Hartz-IV-Empfänger – dann erkennt sie ihren Fehler

Link zum Artikel

Ein Schrei nach Liebe: Freiwild covern Ärzte und Hosen

Link zum Artikel

"Dachte, dass das für immer ist" – Lena Meyer-Landrut spricht unter Tränen über Trennung

Link zum Artikel

So will Edeka den Drogerien Konkurrenz machen

Link zum Artikel

Rammstein: 7 (fast) unbekannte Fakten über die Band

Link zum Artikel

"Er hat die Ente gefressen": Eisbär frisst Tier vor den Augen der Zoo-Besucher

Link zum Artikel

Rammstein-Sänger soll Mann geschlagen haben – was das mutmaßliche Opfer zu dem Fall sagt

Link zum Artikel

Wegen Cathy-Hummels-Streit: Bundesregierung will Influencer-Gesetz

Link zum Artikel

Posen vorm Reaktor – Influencer machen geschmacklose Instagram-Posts in Tschernobyl

Link zum Artikel

Fotos von Helene Fischers Privat-Konzert aufgetaucht – sie zwingen sie zu handeln

Link zum Artikel

Mein Vater hat eine bipolare Störung – so war meine Kindheit

Link zum Artikel

Rock im Park: Über 130 Menschen erleiden allergische Reaktion

Link zum Artikel

Heidi veröffentlicht Chat mit Tom: Romantisch? Ganz im Gegenteil!

Link zum Artikel

Shitstorm mal anders: Zu wenige Toiletten bei Rock im Park

Link zum Artikel

Von Anime bis True Crime – diese 14 Filme und Serien kommen ab heute auf Netflix

Link zum Artikel

Sturmböen, Hagel und Starkregen: Ab Pfingstmontag geht es bergab mit dem Wetter

Link zum Artikel

Lesbisches Paar in London blutig geschlagen – weil sie sich nicht küssen wollten

Link zum Artikel

Helene Fischer macht's schon wieder – darum sind ihre Worte nur noch Heuchelei

Link zum Artikel

Kelly Family in Berlin: Warum immer noch der Hype? Eine Annäherung in 5 Akten

Link zum Artikel

Trump setzte Kopfgeld auf unschuldige Schwarze aus – jetzt melden sie sich zu Wort

Link zum Artikel

Wie beim WM-Finale 2014! Das steckt hinter der Final-Flitzerin von Madrid

Link zum Artikel

Helene Fischer und die 1-Mio-Euro-Party: Millionär bucht Star für besonderen Abend

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

"Die Partei": Semsrott geht zu Grünen – was macht Sonneborn?

Es handelt sich um einen gewohnt witzigen Spruch, den "Die Partei"-Politiker und Satiriker Nico Semsrott da in die Welt feuerte.

Die Grünen machen also beim Ein-Mann-Realo-Flügel der Satire-Partei mit? Schon klar. In Wahrheit verhielt es sich genau anders herum. Kurz zuvor war Semsrott der Grünen-Fraktion im Europaparlament beigetreten. Auch das passierte allerdings nicht ohne Grund.

Richtig, der besonders prominente Cheffe der Partei, Martin Sonneborn, selbst fehlt auf dem Bild. Auch ein Tweet …

Artikel lesen
Link zum Artikel