Unvergessen
Steven Gerrard (Liverpool FC), MAY 25, 2005 - Football : Liverpool players celebrate their Victory after winning the UEFA Champions League final match 2004-2005 season between Liverpool and AC Milan on May 25, 2005 at the Ataturk Olympic Stadium in Istanbul, Turkey. PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxPOLxRUSxSWExFRAxNEDxESPxONLY (200506151456198)

An der Spitze Europas: Liverpool-Captain Steven Gerrard stemmt den Henkelpott in die Höhe. Bild: imago images / AFLOSPORT

Unvergessen

Liverpool schafft gegen Milan die unglaublichste Final-Wende der CL-Geschichte

Philipp Reich / watson.ch

In der Serie "Unvergessen" blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein großes Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende sportliche Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei. Heute: 25. Mai 2005. Liverpool liegt im Champions-League-Finale gegen die AC Milan zur Pause mit 0:3 zurück. Doch die "Reds" kommen innerhalb von sechs Minuten zum Ausgleich, siegen schließlich im Elfmeterschießen und versetzen eine ganze Stadt in den Ausnahmezustand.

In den 70er- und 80er-Jahren ist der FC Liverpool das Maß aller Dinge. Nicht nur in England, auch in Europa: Elf Meistertitel und vier Europapokale holen die "Reds" in den 18 Jahren zwischen 1973 und 1990. Ausgerechnet auf dem Höhepunkt der Dominanz folgt der große Dämpfer: Als 1985 vor dem Final des Europapokals der Landesmeister gegen Juventus Turin im Brüsseler Heysel-Stadion die eigenen Fans den Block der Juve-Anhänger nach beiderseitigen Provokationen stürmen und in der sich ausbreitenden Massenpanik 39 Menschen den Tod finden, wird Liverpool für sieben Jahre von internationalen Wettbewerben ausgeschlossen.

Und die "Reds" müssen eine weitere Tragödie verkraften. Im FA-Cup-Halbfinal 1988/89 gegen Nottingham Forest sterben im Sheffielder Hillsborough-Stadion 96 Menschen, weil Tausende Fans in den bereits vollen Sektor drängen. Davon erholt sich der Club lange nicht.

BRU70 - 19850529 - BRUSSELS, BELGIUM: () File picture taken 29 May 1985 in Brussels of the riots at the Heysel - Heizel football stadium during the European Cup final between English Liverpool and Italy s Juventus of Turin. The city of Brussels marks the anniversary of the Heysel stadium disaster 29 May 2005 by commemorating the deaths of 39 people, most of them Italian football supporters, for the first time in 20 years. PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY x2988177x

Heysel... Bild: imago/Belga

15.04.1989. Sheffield, England. Fans are lifted out of the crush, but not before 96 fans are left dead at what is known as The Hillsborough Disaster. Liverpool v Notts Forest, FA Cup Semi-Final, xACTIONxPLUSxsportsximagesx PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxSWExNORxDENxFINxONLY ActionPlus8902

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... und Hillsborough: Zwei Katastrophen brennen sich ins kollektive Liverpool-Gedächtnis. Bild: imago/Action Plus

Nach Gründung der Premier League verliert Liverpool trotz hochkarätigen Stars wie Paul Ince, Steve McManaman, Robbie Fowler, Michael Owen und Jamie Redknapp immer mehr an Boden. Nur noch ein Titel (League Cup 1995) landet an der Anfield Road, den Rest machen die Rivalen Manchester United, Arsenal und Chelsea allzu oft unter sich aus.

Etwas zu feiern gibt es erst 2001 wieder, als Liverpool in Dortmund mit einem 5:4-Sieg gegen Deportivo Alavés den Uerfa-Cup gewinnt. Aber wen interessiert schon der "Cup der Verlierer" (Franz Beckenbauer)? Deutlich größer ist die Euphorie vier Jahre später. Dank Siegen in der K.o.-Runde gegen Leverkusen, Juventus Turin und Chelsea stehen die "Reds" erstmals seit Heysel wieder in einem Champions-League-Finale.

Im neuen und ausverkauften Istanbuler Atatürk-Stadion ist die große AC Milan der Gegner. Der Champions-League-Sieger von 2003 ist mit seinen Superstars Paolo Maldini, Andrea Pirlo, Clarence Seedorf, Kaká, Hernan Crespo und Andrij Schewtschenko der haushohe Favorit, Liverpool – mit Sami Hyypiä, Xabi Alonso, Steven Gerrad und Milan Baros – werden höchstens Außenseiterchancen zugerechnet.

"Auch Underdogs sind bisweilen giftig und gute Wachhunde."

Steven Gerrard vor dem Spiel.

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Die Aufstellungen. bild: wikipedia

Captain Gerrard hat damit kein Problem: "In der Königsklasse haben wir unsere wahren Werte gezeigt. Deshalb steigen wir zwar mit Respekt, aber ohne Furcht in den Final gegen Milan", sagte er und fügte an: "Wir waren diese Saison stets die Underdogs und werden auch in Istanbul der Außenseiter sein. Aber auch Underdogs sind bisweilen giftig und gute Wachhunde."

Doch zu Beginn der Partie schlafen die Wachhunde noch. Bereits nach 52 Sekunden klingelt es im Kasten von Liverpool-Keeper Jerzy Dudek. Nach einem Freistoß von Regisseur Pirlo ist es Milan-Captain Maldini, der zur 1:0-Führung trifft. Die Engländer wirken ob des frühen Rückstands völlig verunsichert, bekommen gegen die überragend aufspielenden Italiener kein Bein vors andere. Crespo erhöht nach zwei herrlich vorgeführten Kontern bis zur Pause auf 3:0. Der Mist scheint bereits nach 45 Minuten geführt, die Mehrheit der 69.500 Zuschauer ist total konsterniert.

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Traf zum 1:0: Paolo Maldini (l.), hier im Duell mit Djibril Cissé. bild: imago sportfotodienst

"Wenn wir ein frühes Tor schießen, ist vielleicht noch etwas drin", sagt Liverpool-Trainer in der Kabine seinen geknickten Mannen. So richtig dran glauben tut aber auch er wohl nicht mehr. Als die "Reds" auf den Platz zurückkehren, läuft es ihnen aber kalt den Rücken runter. Tausende englische Fans stimmen aus voller Kehle die Club-Hymne "You'll never walk alone" an.

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"Walk on, with hope in your heart!" bild: imago sportfotodienst

Die Wende, die niemand mehr für möglich gehalten hat

Dann, neun Minuten nach Wiederanpfiff, geschieht das Unfassbare. In "sechs Minuten des Wahnsinns", wie Milan-Trainer Carlo Ancelotti nach dem Spiel sagen wird. Zunächst trifft Gerrard per Kopf zum 1:3 und plötzlich zeigt Liverpool endlich seine englischen Tugenden, kämpft verbissen um jeden Ball. Nur zwei Minuten später erzielt der Tscheche Vladimir Smicer das 2:3.

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Didi Hamann (r., wurde eingewechselt) und seine Teamkollegen kratzen, beißen, fighten gegen Kaká und Co. bild: imago sportfotodienst

Die Liverpool-Fankurve steht Kopf und peitscht die Mannschaft weiter nach vorn. Vier weitere Minuten später pfeift Schiedsrichter Manuel Mejuto González Elfmeter für Liverpool. Xabi Alonso läuft an, scheitert aber an Dida. Mit dem Nachschuss trifft er dann doch noch zum 3:3-Ausgleich. Nach den verrücktesten sechs Minuten der Klubgeschichte brechen auf den Rängen alle Dämme. Kollektiver Freudentaumel.

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Milan Baros (l.) und Steven Gerradr (r.) suchen den Torschützen. bild: imago sportfotodienst

Milan taumelt, doch Liverpool verpasst die endgültige Entscheidung. Auch weil man aus Angst vor einem Konter einen Gang zurückschaltet. Es geht in die Verlängerung. Dort wird Jerzy Dudek ein erstes Mal zum großen Helden: In der 117. Minute rettet der polnische Keeper seine Mannschaft mit einer Glanzparade ins Elfmeterschießen.

"Ich werde nie begreifen, wie er diesen Ball halten konnte."

Woran hat's gelegen, Andreij Schewtschenko?

Völlig allein kommt Milan-Stürmer Schewtschenko nach einem Abpraller einen Meter vor dem Tor zum Abschluss, doch irgendwie schafft es Dudek, die Kugel noch über die Latte zu lenken. "Ich werde nie begreifen, wie er diesen Ball halten konnte", wird der Ukrainer später sagen.

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Djimi Traoré versucht Andreij Schewtschenko aufzuhalten. bild: imago sportfotodienst

Ein Hampelmann als Held

Also Elfmeterschießen, nicht gerade die englische Spezialdisziplin. Doch Liverpool hat ja noch seinen polnischen Keeper Dudek. Wie ein Hampelmann hüpft dieser vor den Versuchen der Milan-Schützen auf der Linie herum. Die Maßnahme wirkt: Serginho schießt übers Tor, Pirlo scheitert an Dudek, während die Liverpool-Einwechselspieler Didi Hamann und Djibril Cissé treffen.

Milan bleibt dank John Arne Riises Fehlschuss und den Treffern von Jon Dahl Tomasson und Kaká im Spiel, Schewtschenko, der vierte Schütze der Italiener, muss aber treffen. Wieder tänzelt Dudek auf der Linie und hält auch den schwach getretenen Elfer des Ukrainers. Die Sensation ist geschafft.

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Jerzy Dudek wurde zum Helden. bild: imago sportfotodienst

"Okay, ich habe eine Frau und zwei wunderbare Kinder, da kann ich schlecht behaupten, dass sei die schönste Nacht meines Lebens."

Rafael Benitez.

Captain Gerrard darf wenig später den Henkelpott in die Höhe stemmen, es ist der fünfte in Liverpools Geschichte, der erste nach einer mehr als 20-jährigen Durststrecke. "Das ist ein wahnsinniger Moment. Diesen Abend werde ich niemals vergessen", sagt der damals 24-jährige Superstar. Das findet auch Trainer Benitez: "Das ist die schönste Nacht meines Lebens", verkündet der Spanier, um sich dann sofort zu korrigieren. "Okay, ich habe eine Frau und zwei wunderbare Kinder, da kann ich schlecht behaupten, dass sei die schönste Nacht meines Lebens."

Held Dudek gibt sich nach dem Schlusspfiff bescheiden, die Lorbeeren will er aber dann doch nicht teilen: "Ich war gut auf die Schützen Milans vorbereitet", gibt er zunächst noch zu, fügt dann jedoch an: "Aber ich habe mich nicht immer so entschieden, wie wir es in den Videos analysiert hatten."

Liverpools captain Seven Gerrard and coach Rafael Benitez with the trophy.CHAMPIONS LEAGUE FINAL : Liverpool v AC MILAN in ISTANBUL 25/5/2005. PUBLICATIONxNOTxINxUK

Trainer Rafa Benitez (r.) und sein Kapitän Steven Gerrard präsentieren stolz den Pokal. Bild: imago images / Colorsport

Bei der Siegesparade geht den Pubs das Bier aus

In der Heimat wird den Champions-League-Helden ein triumphaler Empfang bereitet. Mehr als eine Millionen Menschen säumen bei der Parade durch die Stadt die Straßen. In der Beatles-Stadt herrscht Ausnahmezustand: Den Pubs geht das Bier aus, jeder fünfte Einwohner nimmt sich Ferien, um die Rückkehr der Helden aus Istanbul zu feiern.

Nur der vereinseigene Fanshop bleibt trotz der Nachfrage nach Schals, Trikots und Fahnen geschlossen. Sämtliche Mitarbeiter wollen lieber feiern und treffen bei den restlichen Fans auf vollstes Verständnis.

Jerzy Dudek (Liverpool FC), MAY 25, 2005 - Football : Liverpool goalkeeper Jerzy Dudek celebrates Victory with his team mates after winning the UEFA Champions League final match 2004-2005 season between Liverpool and AC Milan on May 25, 2005 at the Ataturk Olympic Stadium in Istanbul, Turkey. PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxPOLxRUSxSWExFRAxNEDxESPxONLY (2005061514563010)

Jerzy Dudek auf Höhenflug. Bild: imago images / AFLOSPORT

Aber auch wer nicht mitfeiern kann, zeigt Farbe: Bankangestellte kombinieren das Liverpool-Trikot zum grauen Anzug, Schüler tragen das rote Shirt unter der vorgeschriebenen Schuluniform, ein Fan hat über Nacht sogar seinen VW Golf rot gestrichen und in großen Lettern "Gerrard" draufgepinselt.

"Ich hab' die Nacht mit dem Pokal in meinem Zimmer geschlafen. Ich wollte ihn nicht aus den Augen lassen."

Steven Gerrard.

Und der strahlt noch tagelang übers ganze Gesicht. "Diese Fans haben uns so sehr angefeuert, da ist es großartig, dass wir ihnen den Pokal zurückbringen", schwärmt der Captain, der gestehen muss: "Ich hab' die Nacht mit dem Pokal in meinem Zimmer geschlafen. Ich wollte ihn nicht aus den Augen lassen."

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