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Markus Lanz 15. April 2020

Karl Lauterbach war zu Gast bei Markus Lanz. Bild: screenshot zdf

"Das wird wahrscheinlich für anderthalb Jahre gelten": Lauterbach-Prognose schockiert Lanz

Am Mittwoch wurde nun verkündet: So soll es in den kommenden Wochen in Deutschland hinsichtlich der Corona-Pandemie weitergehen. Großveranstaltungen bleiben bis einschließlich 31. August verboten, Schulen öffnen schrittweise ab dem 4. Mai wieder, Geschäfte bis 800 Quadratmeter dürfen wieder öffnen – natürlich alles unter strengen Auflagen. Einkaufszentren, Kitas und Gastronomie hingegen bleiben vorerst geschlossen. Aber ist das der richtige Weg?

Bei Markus Lanz diskutierten am Mittwochabend im ZDF die Politiker Peter Altmaier (CDU), Peter Tschentscher (SPD), Wolfgang Kubicki (FDP) und Karl Lauterbach (SPD) zusammen mit der Virologin Melanie Brinkmann über die geplanten Maßnahmen und mögliche Szenarien.

Was SPD-Gesundheitsexperte und Epidemiologe Lauterbach in der Sendung aufzeigte, machte allerdings zunächst wenig Mut.

Lauterbach bei Lanz mit düsterer Vorhersage

Während Kubicki kritisierte, dass die Menschen nach wie vor die Zukunft nicht planen könnten, quasi ohne Fahrplan zurückgelassen würden, ließ Lauterbach diese Aussage nicht gelten. Denn jeder weitere Schritt müsste wohl überlegt und bundesweit beschlossen sein – aus einem erschreckenden Grund:

"Das, was wir jetzt beschließen, wird in der ein oder anderen Form wahrscheinlich für anderthalb Jahre gelten."

Karl Lauterbach

Denn, "wir haben keinen Grund anzunehmen, dass wir in den nächsten Monaten, im nächsten Jahr, einen Impfstoff haben", sagte Lauterbach weiter.

Markus Lanz 15. April 2020

Lanz diskutiert mit Lauterbach und Brinkmann. Bild: screenshot zdf

Lauterbach-Aussagen sorgen für eine rege Debatte bei Lanz

Genau diese Aussagen sorgten auch im TV-Studio für ein überraschtes und entsetztes Aufhorchen. "Sie machen ja Angst", empörte sich Kubicki und auch Lanz wirkte von der drastischen Darstellung überrumpelt.

Dabei war es nicht das erste Mal, dass Lauterbach eine solche Schätzung abgibt. Bereits bei einem seiner letzten Besuche in der Sendung hatte er verkündet, dass die Pandemie uns noch mindestens ein bis anderthalb Jahre im Griff haben wird.

Lauterbachs Prognose hat einen einfachen Grund: die Infektionsrate. Denn die liegt derzeit bei eins, das heißt: Ein Infizierter steckt einen weiteren Menschen an.

Sobald diese Rate auch nur minimal nach oben gehe, "fliegt es uns sofort um die Ohren", erklärte Lauterbach. Deshalb sei es besonders wichtig, die Ansteckungsrate bis zu einer möglichen Impfung der Bevölkerung auf dem aktuellen Niveau zu halten oder weiter zu senken.

Auch Virologin Brinkmann schloss sich diesem Urteil an und betonte, dass die Pandemie noch nicht vorbei sei, man sie "noch besser unter Kontrolle bekommen".

Und Lauterbach erklärte noch einmal in aller Deutlichkeit: Wir müssen "wahrscheinlich das, was wir jetzt machen, für anderthalb Jahre durchhalten". Kubicki sah das anders: "Das haut Ihnen das Verfassungsgericht komplett um die Ohren", empörte er sich.

Virologin plädiert bei Lanz für konservatives Vorgehen

Nur welchen Weg empfiehlt Lauterbach? Er appellierte, die Lockerungen so konservativ wie nur möglich zu gestalten. "Wenn wir jetzt etwas länger durchhalten und sehr konservativ sind, dann können wir uns danach ein anderes Leben leisten", sagte er. Um das "Südkorea Europas" zu werden, müsse man so konservativ wie möglich vorgehen, bis alle Voraussetzungen stimmen und man so gut wie möglich vorbereitet sei. Der asiatische Staat gilt wegen seiner effektiven Verfolgung von Infektionsketten als Vorzeigeland im Kampf gegen das Virus.

Markus Lanz 15. April 2020

Virologin Melanie Brinkmann gibt sich beim Thema Impfstoff positiv. Bild: screenshot zdf

Auch Virologin Brinkmann plädierte für ein konservatives Vorgehen und bezog sich dabei auf Berechnungen eines Kollegen. Sie sagte: "Sobald bei den Lockerungsübungen eine Fehlentscheidung getroffen wird, wir wissen im Moment ja nicht, welche Auswirkungen die Lockerungen […] haben", sei man quasi wieder am Anfang.

Sobald die Fallzahlen wieder steigen, sei der nächste Lockdown notwendig. "So wie ich die Wirtschaft verstehe, ist das absolut nicht gut", gestand Brinkmann. Aber nicht nur für die Wirtschaft, auch aus psychologischer Sicht sei es für die Bürger nicht gut, wenn es immer vor- und zurückgehe.

Einen kleinen Lichtblick gab sie zum Abschluss der Sendung jedoch auch noch mit auf den Weg: "Ich bin überzeugt, wir werden einen Impfstoff haben" – vielleicht in einem Jahr.

(jei)

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