Interview
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Die Schauspieler der deutschen Serie "4 Blocks": Die Serie handelt im kriminellen Milieu Berlins. Bild: 017 Turner Broadcasting System Europe Limited & Wiedemann & Berg Television GmbH & Co./dpa/gettyimages/montage

Interview

Clans sind "eine Parallelgesellschaft mitten unter uns"

Serien wie "4 Blocks" und "Dogs of Berlin" boomen, die Presse berichtet täglich über gefährliche Clans. Was Menschen so an kriminellen Familienbanden fasziniert, erklärt eine Kriminal-Expertin im Interview.

Tim Kummert

Die Clanserie "Dogs of Berlin" ist auf Netflix ein Riesenerfolg, "4 Blocks" wird mit Fernsehpreisen überhäuft. In Berlin haben zwei Blogger eine "Clan-Map" veröffentlicht – ein Touri-Stadtplan mit den Hotspots der Clans. Kriminelle Familienbanden sind "eine Parallelgesellschaft mitten unter uns", sagt Daniela Klimke. Sie ist Professorin für Kriminologie an der Polizeiakademie Niedersachsen und lehrt junge Polizisten im Umgang mit Clankriminalität.

Im Interview erklärt Klimke, was die Flüchtlingskrise mit dem Clanhype zu tun hat, warum diese Subkultur für viele Menschen so faszinierend ist und warum die Mythenbildung sie noch gefährlicher macht.

t-online.de: Fast täglich kann man in den Medien über das Wirken der Clans im Ruhrgebiet, Bremen oder Berlin lesen. Woher kommt das?
Daniela Klimke: Seit einiger Zeit sind Clans für viele Menschen faszinierend. Dahinter stecken zwei Aspekte: Zum einen sind Verbrechen, vor allem spektakuläre Großtaten, für Menschen immer schon spannend gewesen. Hinzu kommt: Aus Clans heraus werden ja nicht nur häufig Straftaten verübt, sondern ihre innere Struktur und ihr Wertekodex machen sie besonders interessant. Und natürlich befeuern Serien wie "Dogs of Berlin" oder "4 Blocks", deren Thema das Leben in Clans ist, den Hype zusätzlich. Wichtig ist aber zu wissen, dass zwar ein Teil der Clanmitglieder kriminell ist, jedoch der Großteil ein ganz normales rechtschaffenes Leben führt, das ihnen aber aufgrund eines Sippenverdachts gegen ihren Nachnamen schwer gemacht wird.

Verbrecher schaffen es oft in die Medien, aber selbst Mörder erregen in der Regel nur kurzfristig Aufmerksamkeit. Warum hält das Interesse an Clans seit einigen Jahren konstant an?
Dahinter steht die menschliche Faszination für eine Subkultur: Dort gibt es einen Kodex, die Einhaltung der Ehre entscheidet über Leben und Tod, es werden Blutsbünde geschmiedet. In dieser Welt, die nichts mit unserem Rechtsverständnis zu tun hat, herrscht, wer Gewalt und Macht hat. Das ist ja nicht nur die Inszenierung krimineller Clanmitglieder, sondern Realität. Wenn wir als Leser oder Zuschauer davon hören, weckt das in uns gleichzeitig Abscheu und eine schaudernde Faszination für ein Leben, das dem unseren diametral gegenübersteht. Und man staunt über das Kartell des Schweigens, das in allen Clans herrscht. Es ist eine Parallelwelt, in die man wenig Einblick hat, die aber mitten unter uns ist: Nur wenig dringt nach außen, wir sehen oft nur die Auswirkungen.

Diese Auswirkungen, die dann ans Licht kommen, sind aber enorm: Morde auf offener Straße beispielsweise sind ja große Verbrechen.
Das sind in der Tat aufsehenerregende Straftaten, die aus Clans begangen werden. Nicht nur die Morde, auch der Raub der Goldmünze aus dem Bode-Museum in Berlin war ja kein kleiner Diebstahl.

Eigentlich wollen Kriminelle doch im Untergrund bleiben. Haben die Clanmitglieder wirklich ein Interesse daran, dass wir uns so für sie interessieren?
Natürlich findet die Kriminalität vorwiegend im Untergrund statt, doch sie ist gleichzeitig die Quelle ihres Ansehens. Auf legalem Terrain haben die kriminellen Clanmitglieder das nicht, in der Regel haben sie eine geringe Schulbildung und üben keinen legalen Beruf aus. Einschüchterung, Erpressung und Raub sind ihr Geschäftsmodell. Die Kunst ist, dabei immer so vorzugehen, dass sie durch die Maschen der Polizei schlüpfen, ihre Taten aber dennoch zu ihrer weiteren zweifelhaften "Ehre" und ihrem Mythos beitragen.

Was ist denn der Inhalt des "Clanmythos"?
Als in den 80er-Jahren viele Menschen aufgrund des Libanonkrieges zu uns kamen, fingen die Clanstrukturen an, sich in Deutschland zu etablieren. Damals war man davon überzeugt, dass diese Menschen wieder gehen würden, wenn der Libanonkrieg bald beendet ist. Man gab ihnen den Status der "Duldung" und ihnen wurde die Sozialhilfe gekürzt. Und sogar die Schulpflicht wurde für deren Kinder aufgehoben! Sie fühlten sich als die Unterdrückten, dieses Gefühl hat Generationen geprägt und hält bis heute an. Das ist die Keimzelle deren Denkens: Unten in der Gesellschaft zu sein, ganz am Rand – und sich aus dieser Position jetzt zu wehren: Mit Mitteln, die gegen das Gesetz stehen, denn viele glauben, dass dem Staat ja ohnehin nicht an ihnen gelegen ist.

Wenn es Clans schon lange gibt, warum kommt das Thema jetzt so stark auf? Hat der Boom der Clans auch etwas mit der Flüchtlingskrise aus dem Jahr 2015 zu tun?
Ja, Clans sind seit etwa vier Jahren besonders im Fokus. Unbewusst werden sie als Auswirkung der Flüchtlingskrise wahrgenommen: Denn seitdem sind viele Menschen in Deutschland besonders sensibel, wenn es um Ausländer geht. Und natürlich sind viele Clanmitglieder kriminell, trotzdem denken Menschen, die Berichte über Clans lesen: "Ach, die Ausländer wieder." Ein Kern Rassismus steckt natürlich auch mit drin. Der Großteil der Clanmitglieder sind aber gar nicht "Ausländer", sondern Deutsche! Die sind in den 80er- und 90er-Jahren hier geboren worden.

Welche Rolle spielt die Musik dabei?
Sie hat den Boden für das breite Interesse bereitet: Im Hip-Hop geht es seit Jahren um Schießereien, Clans und Familienbande. Die Rap-Kultur spielt ebenfalls schon lange mit dem Image von Ausgrenzung und Unterdrückung – was natürlich in die Clanszene perfekt passt. Einen großen Anteil hat auch der Musiker Bushido. Der steht gerade besonders im Fokus der Öffentlichkeit, das erinnert an die Fernsehsendung "Gute Zeiten, schlechte Zeiten": Die Frage ist immer: Wer kann mit wem gut? Gerade dreht es sich eben um Bushido und Abou-Chaker.

Versuchen die Clans von dem Trubel, der aktuell herrscht, zu profitieren?
Absolut. Dazu muss man wissen: Die Clankriminalität hat große Parallelen zu zivilen Unternehmen. Nur mit dem Unterschied, dass sie eben kriminell sind – doch in ihrer Struktur sind sie ähnlich aufgebaut: Es wird eine verlässliche Zusammenarbeit erwartet, es gibt klare Ziele der Organisation und dafür herrscht eine deutliche Machthierarchie.

Damit machen die Clans ein Alternativangebot an Menschen – das vor allem auf Migranten oft anziehend wirkt. Und das mediale Interesse zieht viele jüngere Menschen an. Es ist die Anerkennung, die von der Angst vor ihnen gespeist wird und das Gefühl: Dort schreibt jemand über mich. Damit ergibt sich eine Art Selbstverstärkung: Die Taten werden spektakulärer, dann wird mehr über sie berichtet, was wiederum dazu führt, dass sich mehr Menschen für sie interessieren. Aktuell ist das ein Teufelskreis.

(Dieser Text ist zuerst auf t-online.de erschienen)

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