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United States President Donald J. Trump holds a Cabinet Meeting at the White House in Washington, DC on October 21, 2019. Photo Credit: Yuri Gripas/CNP/AdMedia 246474 2019-10-21 District of Columbia Washington PUBLICATIONxINxGERxAUTxONLY Copyright: xAdMediax STAR246474034

War es das bald für Donald Trump? Bild: imago images / Starface

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Trump: Seine Chancen im Impeachment-Verfahren haben sich gerade drastisch verschlechtert

Die Aussagen des US-Diplomaten William Taylor sind tödlich für den Präsidenten. Sie machen unmissverständlich klar: Es gab einen Deal.

Philipp Löpfe / watson.ch

Das Donald Trump-Lager gibt sich große Mühe, die Ukraine-Affäre als eine weitere Schmutzkampagne der Demokraten und der Medien darzustellen, die zum Ziel hat, einen rechtmäßig gewählten Präsidenten aus dem Amt zu mobben. Ja, sie sprechen sogar von einem Staatsstreich.

Dass es um etwas ganz anderes geht, machte gestern William Taylor in seiner Erklärung vor dem Intelligence Committee des Abgeordnetenhauses klar:

"Sollte es der Ukraine gelingen, sich vom russischen Einfluss zu befreien, dann kann Europa als Ganzes eine freie und demokratische Gesellschaft sein, die in Frieden lebt. Sollte hingegen Russland die Ukraine dominieren, dann wird Russland wieder ein Imperium, das die Menschen unterdrückt und seine Nachbarn und den Rest der Welt bedroht."

A top U.S. diplomat, William Taylor, departs the Capitol after testifying in the Democrats' impeachment investigation of President Donald Trump, in Washington, Tuesday, Oct. 22, 2019. (AP Photo/J. Scott Applewhite)

William B. Taylor. Bild: AP

Wer ist William B. Taylor? Er hat als Offizier der 101st Airborne Division in Vietnam gedient, 50 Jahre lang unter verschiedenen Präsidenten im diplomatischen Dienst gearbeitet und erfreut sich eines makellosen Rufes. "Man kann sich keinen glaubwürdigeren, allgemein respektierteren, anständigeren Beamten vorstellen", sagt etwa Stephen Sestanovich, der ehemalige US-Botschafter in der Sowjetunion und langjähriger Freund von Taylor in der "New York Times".

Umso verheerender sind die Aussagen, die Taylor nun vor dem Committee gemacht hat, denn wie ein anderer seiner Bekannten erklärt: "Wenn Bill Taylor sagt, es sei passiert, dann ist es passiert."

Taylor ist von Außenminister Mike Pompeo nach Kiew delegiert worden, um die von der Giuliani-Clique aus dem Amt gemobbte Botschafterin Marie Yovanovitch zu ersetzen. Weil ihm das Wohl der Ukraine sehr am Herzen liegt, sagte Taylor nach langem Zögern zu.

Taylor ahnte Trumps Machenschaften

Bald konnte er im Kriegsgebiet im Donbass mit eigenen Augen sehen, wie sehr die ukrainischen Truppen auf die amerikanische Militärhilfe angewiesen waren. Allmählich erkannte er auch, wie perfide Trump und seine inoffizielle Schattenregierung demnach den neu gewählten Präsidenten Wolodymyr Selenskyj unter Druck setzten und ihn zwingen wollten, öffentlich eine Untersuchung gegen Hunter Biden und einen mysteriösen Server anzukündigen.

Mit den Aussagen von Taylor – die er mit minutiösen Notizen untermauern kann – wird glasklar, dass das ominöse Telefongespräch vom 25. Juli zwischen Trump und Selenskyj kein Ausreißer war, sondern Teil eines ausgeklügelten Plans. Der US-Präsident persönlich hat dabei die Fäden in der Hand gehalten.

Wie sah Trumps Plan aus?

Und das ging so: Eingeweiht in den Plan waren auch Vize-Präsident Mike Pence und Außenminister Mike Pompeo. Pence hat Selenskyj gar persönlich in Warschau getroffen. Federführend war Trumps persönlicher Anwalt Rudy Giuliani.

Ein Stufe weiter unten finden wir die "drei Amigos". So wurden der Energieminister Rick Perry, EU-Botschafter Gordon Sonderland und Kurt Volker, ein mit Sonderaufträgen beauftragter US-Diplomat, genannt. Sie mussten die Ausführung überwachen. Die Drecksarbeit ganz unten besorgten Mafia-Typen wie Lev Parnas und Igor Fruman.

Laut "Washington Post" hat Taylor diese Schattenregierung wie folgt beschrieben:

"Im August und September dieses Jahres machte ich mir zunehmend Sorgen, dass unsere Beziehung zur Ukraine systematisch von irregulären und informellen Kanälen unterhöhlt wurde, und zwar indem dringend benötigte Sicherheitsunterstützung zurückgehalten wurde, um damit innenpolitische Ziele zu verfolgen."

BOOM!!! Es gab ein Quidproquo, eine Hand wusch die andere. Klappe zu, Affe tot!

Trump und seine Handlager werden alles unternehmen, um Taylor in den Schmutz zu ziehen. Es wird ihnen schwer fallen. Taylor ist wie erwähnt ein Diplomat ohne Fehl und Tadel. Er hat der Army gedient – und er ist von Außenminister Pompeo persönlich nach Kiew beordert worden.

Die Maschen von Trump und seinen Mitarbeitern

Weil Taylor so unangreifbar ist, greifen Trump und Co. zu anderen schmutzigen Tricks. Sie bezeichnen das Impeachment-Verfahren als verfassungswidrig, eine völlig absurde Behauptung. Oder sie versuchen einmal mehr abzulenken. So hat Trump gestern in einem Tweet von "lynching" gesprochen, ein in den USA sehr emotional besetzter Begriff, da bekanntlich auf diese Weise einst zehntausende von Schwarzen willkürlich ermordet wurden.

Das Problem der Trump-Lagers besteht aber darin, dass sie nur abstruse Prozess-Klagen vorbringen können, jedoch materiell nichts in der Hand haben. Das bringt die Republikaner zunehmend unter Druck, vor allem die Senatoren. Sie sind es, die schließlich entscheiden müssen, ob Trump aus dem Amt verjagt werden wird oder nicht.

Diese Entscheidung wird zunehmen schwieriger. Selbst Senator Lindsey Graham, einer der übelsten Trump-Speichellecker, hat noch vor kurzem erklärt: "Wenn man mir beweisen kann, dass Trump neben dem Telefongespräch tatsächlich in ein Quidproquo verwickelt war, dann wäre das sehr beunruhigend."

"Da ist Ihr Quidproquo-Beweis, Lindsey Graham", titelt die "Washington Post" heute in ihrem redaktionellen Kommentar.

Trumps Twitter-Tiraden: So begann @realdonaldtrump

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