Interview
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Warum schmeißen wir so viel Essen in den Abfall? Bild: Getty Images/unsplash/watson montage

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Warum verschwenden wir so viel Essen? – "Weil wir es uns leisten können", sagt ein Experte

Wir alle verurteilen die Verschwendung von Lebensmitteln. Aber warum schmeißen wir so viel Essen in den Abfall? Antworten gibt Claudio Beretta, Experte für Lebensmittelverschwendung am Institut für Umweltingenieurwissenschaften an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich.

Philipp Löpfe / watson.ch

watson: Was essen Sie am liebsten?

Claudio Beretta:
Jetzt gerade hätte ich große Lust auf eine frische Aprikosentorte.

Sind Sie Vegetarier oder Veganer?

Ich esse vorwiegend pflanzliche Produkte. Wenn ich jedoch weiß, dass ein Stück Fleisch von einem Tier stammt, das ein artgerechtes Leben geführt hat und mit Bio-Futter ernährt wurde, dann mache ich selten auch Ausnahmen.

Fällt Ihnen der Verzicht auf tierische Produkte schwer?

Was Fleisch betrifft, überhaupt nicht. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der wenig Fleisch gegessen wurde; und zudem mag ich es nicht besonders gerne. Was ich hingegen gelegentlich vermisse, sind Milchprodukte, besonders ein gutes Stück Käse.

Vegetarisch oder vegan zu essen, ist mit einem großen Aufwand verbunden. Kochen Sie selbst?

Mein Aufwand hält sich in Grenzen. Ich lebe in einer WG, da kochen wir meist gemeinsam.

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Claudio Beretta (34) forscht an der ETH Zürich über Foodwaste. Er wird am 3. September als Referent beim 7. Swiss Green Economy Symposium in Winterthur auftreten. Bild: privat

Wie sind Sie auf das Thema Foodwaste gestoßen?

Ich wollte unbedingt eine Masterarbeit machen, die einen Bezug zur Praxis hat. Foodwaste war vor rund acht Jahren zwar ein Thema, aber es gab kaum vernünftige Fakten dazu. Daher hat mich das Thema gereizt.

Heute spricht man davon, dass fast die Hälfte aller Nahrungsmittel weggeschmissen wird. Stimmt das?

Wenn man die unessbaren Teile wie Knochen und Bananenschalen ausklammert, ist es rund ein Drittel.

Wie lässt sich das messen?

Es gibt zwei Möglichkeiten: Ein Kollege an der Universität Basel hat die Menge der Kalorien, die in der Schweiz erzeugt und importiert werden und diejenigen, die verbraucht werden, erfasst und die Differenz ermittelt. Ich habe mich bei Bauern, Metzgern, Restaurants umgeschaut und gewogen oder geschätzt, was konkret im Abfall landet und diese Daten dann hochgerechnet.

Wie ist die Situation in Deutschland?

In Deutschland landen jährlich fast 13 Millionen Tonnen Lebensmittel im Abfall.

Mehr als die Hälfte stammt aus Haushalten. Rund 40 Prozent davon Haushalten wären laut den Forschern vermeidbar. Verbraucherinnen und Verbraucher könnten 37,3 Kilogramm einsparen, wenn sie weniger einkaufen, etwa Obst, Gemüse und Brot richtig lagern und Reste nicht bedenkenlos wegwerfen.

Sind die Ergebnisse vergleichbar?

Ja, sie liegen erstaunlich nahe beieinander.

Foodwaste ist heute in aller Munde, weil die Klimaerwärmung definitiv im Mainstream angekommen ist. Aber welchen Einfluss hat Foodwaste auf das Klima?

Einen sehr großen. Rund ein Drittel der CO2-Erzeugung entfällt auf die Nahrungsmittelproduktion. Das ist ähnlich viel wie der Verkehr.

Spielt es dabei eine Rolle, ob wir uns vegetarisch ernähren oder Fleisch essen?

Ja, der Unterschied ist gewaltig. Was CO2 betrifft, entsprechen 100 Gramm Fleisch etwa fünf Kilo Kartoffeln. Ein etwas verschwenderischer Vegetarier fährt bezüglich Umwelt also meist immer noch besser als ein sparsamer Fleischesser.

Warum verschwenden wir so viele Lebensmittel?

Der Hauptgrund ist wohl, dass wir es uns leisten können. Durchschnittlich geben wir bloß rund sieben Prozent unseres Einkommens für Lebensmittel aus. Deshalb gehen wir viel weniger sorgfältig damit um als unsere Vorfahren.

Spielt es eine Rolle, dass der Anteil der Single-Wohnungen vor allem in den Städten massiv angestiegen ist?

Auf jeden Fall. Der wichtigste Anteil des Foodwaste entfällt auf die privaten Haushalte. Bei Einpersonenhaushalten ist es gemäß englischer Studien schwieriger, Foodwaste zu vermeiden. Dazu kommt, dass wir in Sachen Ernährung sehr unregelmäßig geworden sind. Einmal essen wir zu Hause, dann wieder im Restaurant oder unterwegs. Das macht es schwierig, Reste sinnvoll zu verwerten.

Spielt es eine Rolle, dass immer weniger Menschen selbst kochen können?

Ja. Wer selbst stundenlang Salat geputzt und Gemüse geschält hat, der wird weniger geneigt sein, die Reste gedankenlos in den Abfall zu werfen. Er weiß, welcher Aufwand dahinter steckt.

Was können wir tun, um diese Verschwendung zu vermindern?

Wir können alle etwas tun, zum Beispiel nur so viel einkaufen, wie wir essen, Produkte übersichtlich lagern und Reste kreativ verwerten. Zudem können wir direkt auf dem Markt oder beim Bauern einkaufen und mehr saisonal und lokal essen. Kurze Wege vermeiden Foodwaste. Ich persönlich führe Workshops durch, wo beispielsweise Profis den Teilnehmern beibringen, wie sie selbst die Karotten-Schalen verwerten können. Oder wir klären Schüler über den Wert und die Bedeutung von Nahrung auf.

Bringt das etwas, wenn man Grundschüler belehrt?

Es geht nicht um belehren, sondern darum, Aufmerksamkeit und Wertschätzung zu wecken. Die Resonanz ist erstaunlich gut.

Reicht Aufklärung oder braucht es Verbote?

Grundsätzlich befürworte ich es, wenn freiwillige Anreize gesetzt werden. Angesichts der sich verschlimmernden Klimaerwärmung kommen wir jedoch auch um Verbote nicht herum.

Woran denken Sie konkret?

In Frankreich müssen Einzelhändler nicht verkaufte Lebensmittel an gemeinnützige Organisationen abgeben. Damit stellt sich für den Laden nicht mehr die Frage, ob es sich lohnt oder ob die Konkurrenten besser fahren, weil es einfach alle machen.

Ist es realistisch, dass wir die Lebensmittelverschwendung reduzieren? Die Mehrheit von uns verspürt noch kaum einen Leidensdruck.

Foodwaste ist ein idealer Einstieg, um über maßvollen Konsum nachzudenken. Essen muss jeder Mensch, und wenn wir erkennen, wie unsinnig wir Lebensmittel verschwenden, dann wird uns vielleicht bewusst, dass es es auch in anderen Lebensbereichen mehr ums gesunde Maß geht als um möglichst große Mengen. Wenn wir merken, wie es uns glücklicher macht, wenn wir uns bewusst etwas gönnen, anstatt immer mehr zu konsumieren, dann werden wir die Klimakrise überwinden.

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