Psychologie
Concept du mensonge et de l’hypocrisie avec deux hommes qui se serrent la main en souriant, tout en tenant dans leurs dos, l’un un revolver, l’autre un couteau.

Bild: iStockphoto

Diese Studie gibt uns den Glauben an die Menschheit zurück

Die Menschheit ist gar nicht so schlecht, wie immer behauptet wird. In einer Notsituation wird dir geholfen, stellen nun Psychologen der Lancaster Universität fest.

Anna Rothenfluh / watson.ch

Im "American Psychologist" hat eine Gruppe von Wissenschaftlern eine Studie veröffentlicht, die uns den Glauben an die Menschheit zurückgibt.

Die Psychologen haben Aufnahmen von Überwachungskameras in Südafrika, den Niederlanden und Großbritannien analysiert und sind zum Schluss gekommen, dass sich Leute in Notsituationen durchaus zu Hilfe eilen.

Schau dir die Fall-Beispiele im Video an:

Ist also der sogenannte Zuschauer-Effekt (engl. "Bystander Effect") nur ein Mythos?

Unter diesem versteht man das Phänomen, dass einzelne Augenzeugen eines Unfalls oder kriminellen Übergriffs eher gehemmt sind, Hilfestellung zu leisten, wenn weitere Zuschauer anwesend sind, als wenn sie alleine sind.

Die Vorgeschichte: Ein Mord, der vielleicht hätte verhindert werden können

Angefangen hatte alles mit dem Mord an Kitty Genovese. Die 28-jährige New Yorkerin wurde am 13. März 1964 ganz in der Nähe ihrer Wohnung vergewaltigt und erstochen. Der Angriff dauerte über eine halbe Stunde. Spätere Untersuchungen ergaben, dass mindestens 38 Leute zumindest Teile des Angriffs beobachtet oder gehört hatten, aber allesamt nichts unternahmen.

Die "New York Times" titelte damals: "Thirty-Eight Who Saw Murder Didn't Call the Police". Am Ende des Artikels las man die Aussage eines Nachbarn, der sein Nichtstun damit erklärte, dass er nicht darin verwickelt werden wollte.

Die Welt war geschockt. Der Mord an der jungen Frau wurde zum Sinnbild für menschlichen Egoismus, Gefühlskälte und Apathie gegenüber eines sich in Lebensgefahr befindlichen Mitmenschen.

Als Winston Moseley festgenommen wurde, gestand er nicht nur den Mord an Genovese, sondern auch zwei weitere Morde, die beide sexuelle Übergriffe beinhaltet hatten. Anschliessende psychiatrische Untersuchungen wiesen darauf hin, dass es sich bei Moseley um einen Nekrophilen handle. Er starb am am 28. März 2016 im Alter von 81 Jahren in der Haft, nachdem er seit 1964 fast 52 Jahre lang inhaftiert war.

Etliche Studien wurden über den Vorfall verfasst, der fortan erklärt wurde mit dem Zuschauer-Effekt – je mehr Augenzeugen in einer Notsituation anwesend sind, desto weniger sind sie gewillt, einzuschreiten. Eine viel zitierte Metastudie aus dem Jahr 1981 zementierte dann anhand von 50 relevanten Untersuchungen jene "Wahrheit" für die nächsten 20 Jahre.

2007 erst kamen allmählich die Details ans Licht: Einige von Genoveses Nachbarn haben damals durchaus versucht, den Mörder Genoveses aufzuhalten – ein Mann schrie aus seinem Fenster: "Lass das Mädchen in Ruhe!", ein anderer rief die Polizei. Und ein Jahr später brachte eine neue Metaanalyse jenes pessimistische Menschenbild endgültig zu Fall:

Sie zeigte, dass den Machern der früheren Metastudie ein Kalkulationsfehler unterlief. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Opfer Hilfe von einem Beistehenden erhält, sei sogar höher, je grösser ihre Anzahl sei, lautete die Schlussfolgerung der neuen Studie.

Nicht zuschauen, sondern helfen ist die Norm

Diesen Befund bestätigt auch die vom Psychologen Richard Philpot von der renommierten Lancaster Universität kürzlich durchgeführte Analyse"Would I be helped?: Cross-national CCTV footage shows that intervention is the norm in public conflicts". Philpots Team untersuchte 219 öffentliche Konflikte, die von Überwachungskameras erfasst worden sind. Die ausgewählten Vorfälle zeichnen sich dadurch aus, dass keine Polizei oder Sanitäter anwesend waren, um dem Opfer zu helfen. Das Video-Material stammt aus Amsterdam (Niederlanden), Kapstadt (Südafrika) und Lancaster (Großbritannien).

Die Bilder zeigen zudem, dass in 9 von 10 Fällen mindestens ein Zeuge, typischerweise sogar mehrere, in die Notsituation eingreifen und damit etwas bewirken können. Und dies unabhängig davon, wo die Leute leben. Ob in Amsterdam oder dem verhältnismäßig kriminelleren Kapstadt – die Menschen helfen einander.

Die Ergebnisse der Studie beantworten also die gestellte Frage "Würde mir geholfen werden?" mit "Ja". Die Frage, die der Zuschauer-Effekt aufwirft – ob die Anwesenheit mehrerer Leute die Hilfestellung tatsächlich erschwert – ist damit nicht geklärt, geben die Forscher zu.

Mit anderen Worten: Während ein Opfer eher Hilfe von mindestens einer Person erhält, je mehr Zuschauer anwesend sind, könnte es gleichzeitig wahr sein, dass jeder Zuschauer individuell eine größere Hemmung zur Hilfestellung empfand, als wenn er allein gewesen wäre.

Im Grunde aber ist diese feine Unterscheidung zweitrangig. Denn wir wissen nun: In 90.9 Prozent der Fälle wird dem Opfer geholfen.

Die Menschheit ist also doch nicht ganz so übel wie angenommen.

Es sei für die Psychologie an der Zeit, die Richtung der Erzählung von der trägen menschlichen Hilfestellung zu ändern, schließt Philpots Forschungsteam:

"Weg von der angeblichen Abwesenheit von Hilfe, hin zu einem neuen Verständnis dessen, was Interventionen erfolgreich oder erfolglos macht."

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