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"Was nützt mir Mathe, wenn ich keine Zukunft mehr habe" – watson beim Klima-Streik

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Bei dem Lärm auf der Berliner Luisenstraße muss sich die 71-jährige Lydia ganz schön anstrengen, dass man sie überhaupt versteht: "Meine Enkelin ist zehn Jahre alt", ruft sie durch den Lärm der Demo. Lydia ist mit ihrer Freundin Sylvia, 76, angereist, und ist wegen ihrer Enkelin hier:

"Ich lebe vielleicht noch zehn Jahre, aber sie noch 70!"

Genau, an diesem Freitag geht es um die Zukunft: Bei den weltweit stattfindenden #FridaysForFuture-Demonstrationen gehen an diesem Freitag an knapp 1700 Orten in mehr als 100 Ländern Zehntausende Jugendliche auf die Straßen. Die Berliner Damen Lydia und Sylvia sind unter den jungen Demonstrantinnen und Demonstranten eher eine Ausnahmeerscheinung.

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Der Schulstreik der Jugend hat auch die Omas erreicht.

Spätestens an diesem Freitag ist klar: Die Bewegung, die Greta Thunberg mit ihren wöchentlichen Freitagsdemonstrationen vor dem schwedischen Parlament begonnen hatte, hat die breite Masse der Gesellschaft erreicht. Von Christian Lindner und Peter Altmaier wurden sie in die Ecke der Schulschwänzer gesteckt, dabei geht es den #FridaysForFuture-Demonstrantinnen und Demonstranten doch eigentlich um etwas anderes.

"Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut", schallt es am Freitagvormittag über die windig-kalten Berliner Straßen. In der Menge ist auch die Berliner Abiturientin Lilly, sie verpasst gerade den Mathe-Unterricht:

"Wir sind hier, weil wir es nicht länger ertragen können, dass nichts gemacht wird. Wir wollen auch noch unseren Kindern eine gute Zukunft geben."

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Das ist Lilly: "Euch gehen die Ausreden aus, uns die Zeit". watson

Und weiter: "Was nützt mir Mathe, wenn ich keine gute Zukunft mehr haben kann?" Lilly und ihre Freunde sind laut, die Forderungen forsch. Auf den Straßen herrscht keine blanke Wut, sondern die Sorge um die fehlende Rücksichtnahme für einen krankenden Planeten und in einer gespaltenen Gesellschaft. Stattdessen herrscht auf der Demo Optimismus, mit einer Spur Ausgelassenheit.

Zeigen ihre Forderungen bei der Politik Wirkung?

Zumindest Christian Lindner, der sich in der Vorwochen mit markigen Worten gegen die Jugendbewegung gestellt hatte, versucht in einem Gastbeitrag bei Zeit.de den Kompromiss: Dort heißt es, dass die Schülerinnen und Schüler zwar ein berechtigtes Anliegen hätten – er sagt aber auch: "Während der Schulzeit zu demonstrieren, macht das Engagement allerdings nicht wertvoller."

Lindner fordert einen Klimatag, an dem die Schülerinnen und Schüler dann "alle Facetten des Themas beleuchten – von der Physik über den Politikunterricht bis hin zu Erdkunde." Die #FridaysForFuture-Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben ihren Klimatag hingegen schon gefunden: eben diesen 15. März, an dem sie und ihre internationalen Mitschülerinnen und Mitschüler für den Klimaschutz demonstrieren. Und das gegen alle Widerstände – auch die ihrer Lehrerinnen und Lehrer.

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Tancredi und seine Schulkameraden waren verbotenerweise auf der Demo... watson

Gegenüber watson berichtet der 17-jährige Tancredi im Invalidenpark, wo sich die Gruppe am Mittag versammelt hat: "Unsere Schule hat es verboten, hierher zu kommen."

Die Teilnahme an den Demonstrationen ist für die Schülerinnen und Schüler nicht ohne Risiko: Wer in der Schule unentschuldigt fehlt, dem drohen Fehlstunden – die dann wiederum bei der Benotung eine Rolle spielen. Gerade für die Jahrgänge unter den Teilnehmern, die bald vor dem Schulabschluss stehen, ist das Mitmachen bei #FridaysForFuture eine Gefahr fürs Schulzeugnis.

Doch das ist vielen hier egal, die Wut ist groß, die Schilder bunt – in Berlin mischt sich auf den Plakaten Zukunftsangst mit Spott: "Die Dinos dachten bestimmt auch, sie haben noch Zeit!", "Wenn nicht jetzt, wann dann?" – und "The Earth Is Getting Hotter Than Scarlett Johansson."

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Die Zeit drängt: Schon jetzt hat sich die Erde nach Befunden des Weltklimarats IPCC um etwa ein Grad erwärmt, in Deutschland sogar noch etwas stärker. Die Jahre 2015 bis 2018 waren nach Analysen der Weltwetterorganisation die vier wärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen im 19. Jahrhundert. Geht es weiter wie bisher, ist Ende dieses Jahrhunderts die Welt wohl gut drei Grad wärmer.

Um den Trend zu stoppen, muss der Ausstoß von Treibhausgasen etwa aus der Verbrennung von Kohle und Öl oder auch der Tierhaltung stark reduziert werden.

watson im Gespräch mit der Demo-Organisatorin Luisa Neubauer:

Nächste Woche wollen sie wieder streiken – bis zu den Europawahlen Ende Mai. Am Mittag kündigt die #FridaysForFuture-Sprecherin Luisa Neubauer in Berlin an:

"Wir fangen gerade erst an!"

Und hier gibt's noch mehr Bilder aus dem vergangenen halben Jahr:

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