Zittau - Fridays for Future: Sch

Jung an der Basis – aber nicht im Bundestag: Schüler und Studenten im April 2019 bei einer Klimademo im sächsischen Zittau. Die Demo hatte die örtliche Linksjugend angemeldet. Bild: www.imago-images.de / bLausitzNews.de/Erik-Holm Langhof

Analyse

"Die Partei sollte uns ernster nehmen": Warum die Linken so wenig junge Bundestagskandidaten haben


Kurz vor dem digitalen Parteitag der Linken am Freitag und Samstag hat Katja Kipping noch einmal einen rausgehauen. Die Vorsitzende der Linkspartei, seit 2012 gemeinsam mit Bernd Riexinger im Amt, steht diesmal nicht mehr zur Wahl. Kurz vor dem Ende ihrer Amtszeit hat die 43-Jährige nun ein fünfseitiges Papier veröffentlicht. Darin rechnet sie nicht nur mit der früheren Linken-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht ab, mit der Kipping schon seit Jahren über die Ausrichtung der Partei streitet. Kipping hebt auf den fünf Seiten auch hervor, welche positiven Entwicklungen es unter ihr als Parteichefin gegeben habe.

Als eine dieser positiven Entwicklungen beschreibt Kipping, dass die Partei unter ihr und Riexinger jünger geworden sei. In dem Schreiben, über das das "Redaktionsnetzwerk Deutschland" berichtet, heißt es dazu: Der Anteil der Mitglieder im Alter bis 30 sei bei den Linken heute "höher als bei allen anderen im Bundestag vertretenen Parteien". Kippings Zahlen bestätigt auch die Linksjugend, die der Partei nahestehende Jugendorganisation: rund 22.000 Mitglieder der Linken sind im Alter bis 35. Das ist mehr als ein Drittel aller 60.350 Menschen, die der Linkspartei nach deren Angaben Ende 2020 angehört haben.

Dennoch gibt es einen Haken: Im Bundestag spiegelt sich dieser hohe Anteil junger Menschen bei den Linken nicht wider. Im Parlament, das die deutschen Bürger alle vier Jahre wählen, hat die Partei ein Jugendproblem.

Die Zahlen zum Jugendproblem

Junge Erwachsene sind grundsätzlich im Parlament unterrepräsentiert. 8,5 Prozent der Abgeordneten waren im Herbst 2017, als der jetzige Bundestag sich konstituiert hat, zwischen 18 und 35 Jahre alt. Ihr Anteil in der Gesamtbevölkerung ist laut Statistischem Bundesamt aber mehr als doppelt so hoch – Ende 2019 waren es 20,2 Prozent. Doch in der Linksfraktion sind Menschen bis 35 noch weniger stark repräsentiert.

Bei den Linken ist das Jugendproblem also noch größer als in anderen Fraktionen.

Fünf von 69 Linken-Abgeordneten waren zu Beginn der Legislaturperiode 35 Jahre alt oder jünger, das ist ein Anteil von 7,2 Prozent, noch einmal weniger als im gesamten Bundestag. Das Durchschnittsalter in der Linken-Fraktion lag bei 50 Jahren, nur bei SPD (50,5) und AfD (50,8) war es noch höher. Bei den FDP-Abgeordneten lag das Durchschnittsalter dagegen nur bei 45,5 Jahren.

Und es sieht nicht so aus, als würde es nach der kommenden Bundestagswahl besser. "Vier bis sechs Kandidaturen" von Menschen bis 35 erwartet Maximilian Schulz, einer von acht Bundessprechern der Linksjugend. Das ist ein gewaltiger Unterschied zu anderen Parteien. Wie eine Umfrage von watson im Januar ergeben hat, rechnet die Jugendorganisation von CDU und CSU mit über 30 Kandidatinnen und Kandidaten bis 35, bei der SPD sollen es knapp 80 und bei den Grünen über 70 sein. Die Jungen Liberalen, Jugendorganisation der FDP, nennen noch keine Zahlen, äußern sich aber sehr zufrieden.

Einer der jungen Linken, die gute Chancen auf ein Mandat haben, ist Michel Brandt, 30 Jahre alt und momentan der jüngste Bundestagsabgeordnete der Partei. Als Kandidat mit realistischen Chancen gilt bisher außerdem der 29-jährige Augsburger Frederik Hintermayr, der sich um einen aussichtsreichen Platz auf der Landesliste der Linken in Bayern bewirbt. Aber Hoffnungen auf eine insgesamt jüngere Linken-Fraktion im nächsten Bundestag hat der Linksjugend-Bundessprecher Schulz nicht. Im Gespräch mit watson sagt Schulz: "Uns würde der Einzug von mehr als zwei U35-Genossinnen oder -Genossen überraschen."

Das wären drei junge Abgeordnete weniger als nach der Bundestagswahl 2017.

Gründe für das Linken-Jugendproblem

Linksjugend-Bundessprecher Schulz hatte schon im Januar gegenüber watson seinen Frust über die niedrige Zahl junger Bundestagskandidaten geäußert. Er erklärte damals: "Bei der Aufstellung der Listen ist die Linke somit leider fast so konservativ wie die CDU, wenn junge Aktive mit einem 'Alter vor Schönheit!' abgespeist werden."

Maximilian Schulz, einer von acht Bundessprecherinnen und -Sprechern der Linksjugend. null / Nino Mujic ARTS

Im Gespräch mit watson vor dem Bundesparteitag sagt Schulz: "Was wir kritisieren: Da, wo junge Menschen kandidieren, haben sie einen schweren Stand." Es gehe den Nachwuchspolitikern "nicht um Karrierismus", meint Schulz weiter. Aber wenn junge Parteimitglieder gut und aktiv seien, dann müssten sie eben auch die Möglichkeit haben, Erfahrung zu sammeln. Es gebe relativ große Unterschiede zwischen den Landesverbänden – und in manchen sei es "besonders schwierig, in Verantwortungspositionen zu kommen". Schulz ergänzt: "Ich glaube, die Partei sollte uns ernster nehmen."

Was dagegen getan werden könnte

ARCHIV - 20.08.2020, Berlin: Gregor Gysi, außenpolitischer Sprecher der Partei Die Linke, steht vor einem Interviewtermin mit der Deutschen Presse-Agentur dpa im Jakob-Kaiser-Haus des Deutschen Bundestages. (zu dpa «Gysi will wieder in den Bundestag») Foto: Christoph Soeder/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Linken-Außenpolitiker Gregor Gysi. Bild: dpa / Christoph Soeder

Dass mehr junge Kandidatinnen und Kandidaten für den Bundestag der Partei gut tun würden, hat offenbar nicht nur die Linksjugend erkannt. Gregor Gysi, ehemaliger Chef der Linken-Vorgängerpartei PDS und langjähriger Vorsitzender der Linken-Bundestagsfraktion, sieht das Problem vor allem bei den regionalen Parteiverbänden. Gegenüber watson erklärt Gysi:

"Die Kreis- und Landesvorstände müssen aktiv dafür werben und sorgen, dass neben älteren und mittelalten auch junge Kandidatinnen und Kandidaten aussichtsreich aufgestellt werden."

Gysi ergänzt:

"Früher ist das besser geschehen als gegenwärtig. Das muss sich wieder ändern."

Auch Gysis Nachfolger Dietmar Bartsch, einer der beiden aktuellen Fraktionschefs im Bundestag, sieht das Problem – zumindest grundsätzlich. Gegenüber watson erklärt Bartsch, er freue sich sehr darüber, dass die Partei eine "zunehmend jünger werdende Mitgliederschaft" und die Linksfraktion mit Michel Brandt einen der jüngsten Abgeordneten hätten. Bartsch erklärt aber auch:

"Sicherlich ist es für junge Menschen nicht leicht, sich bei den Listenaufstellungen durchzusetzen. Ich glaube, als Politik und als Linke müssen wir generell mehr Erneuerung wagen."

Die andere Vorsitzende der Fraktion Amira Mohamed Ali äußert sich gegenüber watson positiver zur Repräsentation junger Menschen auf den Wahllisten der Partei. Die Linke sei eine Partei, "in der junge Menschen einen selbstverständlichen Platz haben – auch in Funktionen". Mohamed Ali ergänzt, sie ermutige junge Bewerberinnen und Bewerber, anzutreten. Und sie meint:

"Entscheidend ist, dass die Linke bei der Bundestagswahl mit überzeugenden und engagierten Kandidatinnen und Kandidaten antritt, die die gesamte Partei in ihrer Vielfalt repräsentieren, dazu gehört selbstverständlich auch die Jugend. Ich bin sicher, dass dies bei der Aufstellung der Landeslisten zur Bundestagswahl auch diesmal berücksichtigt werden wird."

Kritik klingt anders.

Die ehemalige Fraktionschefin Sahra Wagenknecht ließ eine Anfrage von watson zum Thema unbeantwortet.

 Deutschland, Berlin, Bundestag, Fraktion die LINKE., Amira Mohamed Ali und Dietmar Bartsch, 28.01.2020 *** Germany, Berlin, Bundestag, Parliamentary Group of the Left , Amira Mohamed Ali and Dietmar Bartsch, 28 01 2020

Amira Mohamed Ali und Dietmar Bartsch, beide Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag, im Januar 2020. Bild: www.imago-images.de / Christian Thiel

Aus Sicht von Linksjugend-Bundessprecher Maximilian Schulz sieht es bei den Linken für Kandidatinnen und Kandidaten bis 35 vor allem im Vergleich zu den Grünen schlechter aus. Die Grünen – für die zur kommenden Bundestagswahl voraussichtlich deutlich mehr junge Erwachsene antreten – haben laut Schulz "deutlich mehr Jugendbüros". Die Jugendorganisation "Grüne Jugend" sei "sehr gut organisiert", ihre Vertreter "sehr gut eingebunden in die Prozesse, sehr aktiv und öffentlichkeitswirksam". Kurz gesagt: Es gebe dort eine "gute Nachwuchsförderung, ohne dass es "Karrierismuscharakter" habe. "Das ist das, was ich mir bei uns auch wünschen würde", meint Schulz.

Er ergänzt aber: Bei den Grünen hätten es junge Kandidatinnen und Kandidaten auch deshalb leichter, weil die Partei allgemein mit einem deutlich besseren Wahlergebnis als 2017 rechnen kann. Anders gesagt: Weil es für die Grünen 2021 wohl deutlich mehr Parlamentssitze geben wird, bekommen die Jungen auch mehr davon ab. 2017 landete die Partei am Ende bei 8,9 Prozent der Zweitstimmen. In den Umfragen für die kommende Wahl liegt sie zwischen 17 und 20 Prozent.

Die Linksfraktion droht dagegen zu schrumpfen: 9,2 Prozent wählten 2017 die Linken, in aktuellen Umfragen schwankt die Partei zwischen 7 und 9.

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