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Nationalstaat war früher – Warum plötzlich alle von einem Zivilisationsstaat sprechen

Der Nationalstaat war der Triumph des aufgeklärten Bürgertums im 19. Jahrhundert. Im 21. Jahrhundert macht nun ein neues Schlagwort die Runde: Zivilisationsstaat.

Philipp Löpfe / watson.ch

Der französische Präsident Emmanuel Macron hat kürzlich seine Vision eines geeinten Europas vorgestellt. In Deutschland waren die Reaktionen darauf zwiespältig. In einem Punkt jedoch stimmte die neue CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer Macron kritiklos zu: Die europäische Zivilisation und die europäische Lebensweise (sie sprach in der "Welt" von "European Way of Life") müssten auf jeden Fall geschützt werden, erklärte die Frau, die gute Chancen hat, Nachfolgerin von Angela Merkel zu werden.

Eine bestimmte Zivilisation zu schützen steht derzeit in Politkreisen hoch im Kurs. "In so verschiedenen Staaten wie China, Indien, Russland, der Türkei und selbst in den Vereinigten Staaten ist diese Idee auf dem Vormarsch", stellte jüngst "Financial-Times"-Kolumnist Gideon Rachman fest.

In China betont Präsident Xi Jinping immer häufiger die Bedeutung der einzigartigen Geschichte und Zivilisation seines Landes. Jayant Sinha, ein Minister in der Modi-Regierung, bedauert derweil, dass sich Indien in der postkolonialen Zeit von westlichen Vorstellungen wie dem Sozialismus habe leiten lassen, anstatt sich auf sein eigenes zivilisatorisches Erbe zu verlassen. Präsident Donald Trump hat 2017 in seiner Warschauer-Rede seinen Zuhörern versichert, dass "unsere Zivilisation triumphieren" werde.

Eine besondere Stellung hat die Zivilisations-Idee in Russland erhalten. Das Konzept einer eurasischen Zivilisation ersetzt die Heilslehre des Kommunismus und rechtfertigt die Großmachts-Ambitionen von Putin und Co.

Wladislaw Surkow, ein bedeutender Vordenker und Berater des Präsidenten, schrieb kürzlich: Russland müsse seine Identität als Zivilisation finden, die "westliche und östliche Werte vereinigt". Eine Zivilisation, die "charismatisch, talentiert, schön und einsam" sei.

Zivilisationsstaat, das tönt doch eigentlich gut. Besser auf jeden Fall als Nationalstaat, der deutlich hörbare Untertöne von Militarismus, Rassismus und Intoleranz hat. Doch Vorsicht: Charles Clover weist in seinem Buch "Black Wind, White Snow" auf die dunklen Seiten des Zivilisationsstaates hin. Alain de Benoist, Philosoph und Vordenker der neuen Faschisten postuliert, dass "der Nationalstaat ausgelaugt" sei und "die Zukunft größeren Räumen" gehöre.

Carl Schmitt, Hitlers Kronjurist und Rechtsphilosoph, hatte laut Clover einst die Idee vertreten, wonach "das Recht eines Landes einzigartig sei für jede Zivilisation". Generell sind ehemalige Vordenker des Faschismus wie der deutsche Philosoph Martin Heidegger oder der italienische Schriftsteller Julius Evola bei der neuen faschistischen Rechten sehr beliebt. Auch Steve Bannon, Trumps ehemaliger Chefstratege, zählt zu deren Bewunderern.

Der Harvard-Politologe Samuel Huntington warnte schon in den Neunzigerjahren vor einem kommenden Krieg der Zivilisationen. Nicht mehr Kapitalismus gegen Kommunismus, sondern der Kampf zwischen Christen, Muslims, Hindus etc. werde das Schicksal der Menschheit im 21. Jahrhundert bestimmen. So gesehen ist der Nationalstaat das weit kleinere Übel. Anstatt auf ein mystisches Konzept von Zivilisation setzt er auf Rechtsstaat und Demokratie.

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