Afrika
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Rund 110 Kilometer südöstlich von Simbabwes Hauptstadt Harare lebt eine ganz besondere Elefantenkuh. Bild: frobi

Die absonderliche Geschichte eines afrikanischen Transbüffels

Eine verwaiste Elefantenkuh wird als Baby von einer Büffelherde aufgenommen, um sich dann zu deren paarungsfeindlicher Herrscherin aufzuschwingen.

Anna Rothenfluh / watson.ch

Im simbabwischen Imire-Reservat lebt eine Elefantenkuh mit dem Namen Nzou. Das Wort stammt aus der Bantusprache Shona und heißt einfach nur Elefant. Damit Nzou nicht ganz vergisst, was sie ist. Denn seit sie mit zwei Jahren verwaiste, lebt sie in einer Büffelherde.

Heute ist Nzou 48 Jahre alt – und hat schon 16 Büffelbullen erledigt. Sie hat sie auf ihre Stoßzähne genommen, um sie dann schwungvoll auf die Erde zu werfen und sich so lange draufzustellen, bis sie sich nicht mehr rührten.

Nanu? Erst wird Nzou von lieben Büffeln aufgenommen und großgezogen und dann sowas?

Ja.

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Sagt Hallo zu Nzou. Bild: frobi

Aber nicht, weil sie eine dumme Kuh ist, sondern weil sie eine Elefantenkuh ist. Und als solche ist sie von Natur aus eine Matriarchin. Sie will die Herde anführen, so wie sich das für ihre Spezies gehört.

Männliche Elefanten trennen sich im Alter von etwa zwölf Jahren freiwillig von ihrer Herde. Das Familienleben langweilt sie, sie wollen lieber mit ihren Altersgenossen herumtollen und dem aggressiven, durch einen heftigen Testosteron-Schub ausgelösten Gehabe der älteren, voll in der Musth stehenden Elefantenbullen nacheifern. Pubertät eben.

Und gut für die Weibchen, die nun ihre ganze Kraft für ihren Nachwuchs benötigen, den sie 22 Monate lang in ihren grauen, runzligen Bäuchen tragen.

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Nzou hätte im Grunde auch ein Nyala werden können. Die waren ihr aber zu eitel und zu zerbrechlich. Bild: frobi

Nun ist es aber so, dass Nzou in einer Büffelherde lebt. Und der Lifestyle dieser Tiere ist etwas anders. Zwar wird eine Büffelherde auch von dominierenden Weibchen angeführt, doch wird sie immer mal wieder von einzelnen Männchen oder ganzen Junggesellengruppen beehrt. Und dann sind da noch die die Herde flankierenden Maßnahmen Bullen – die schwierigsten von allen.

Denn diese Büffeljungs fechten andauernd Dominanzkämpfe aus – da ist von morgens bis abends Kopframmen angesagt. Wer gewinnt, bekommt das Paarungsvorrecht.

Nur nützt dieses dem Sieger herzlich wenig, weil nicht sein erfolgreiches Gezanke darüber entscheidet, sondern allein die Übermutter Nzou. Und sie sagt zu jedem Bullen nein. Sie kennt keine Ausnahme. Niemand begattet ihre Büffelkühe. Ihre kleinen Schützlinge. Und wer es versucht, dem ergeht es schlecht.

R.I.P., 16 Büffelbullen.

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Drei Giraffen merken, dass hier etwas ganz und gar nicht mit rechten Dingen zugeht. Bild: frobi

Da dies auf die Dauer zu einem ordentlichen Ausfall von Nachwuchs führen würde, sorgen die Wildpark-Ranger in Imire nun dafür, dass sich die Büffel des Nachts in einem Stall, fernab der lustfeindlichen Matriarchin, ihren Reproduktionsfreuden hingeben können.

Wenn die Büffelkühe dann geboren haben, bleiben sie und ihre Kälblein noch eine Weile von der Elefantenkuh getrennt, bis man sie allesamt wieder in die Herde zurückschmuggelt in der bangen Hoffnung, Nzou bemerke den Betrug nicht.

Die Elefantenkuh scheint durch ihr Leben als Transbüffel geradezu zur Paarungsfeindin mutiert zu sein. Gemeinhin feiern nämlich Elefantenherden den Akt geradezu ausschweifend: Während die begattete Kuh Grunzlaute im niedrigen Frequenzbereich abgibt, trompeten die anderen fröhlich dazu und lassen zur Feier des Tages auch ein bisschen Kot und Urin ab. Das Ganze nennt sich dann "Paarungspandemonium".

Definition von "pandemonium" im Cambridge Dictionary

"A situation in which there is a lot of noise and confusion because people are excited, angry, or frightened." (Eine Situation, in der es viel Lärm und Verwirrung gibt, weil die Menschen aufgeregt, wütend oder verängstigt sind.)

Vielleicht passt Nzou nicht, dass die männlichen Büffel die Fortpflanzung mit ihren albernen Kämpfen regeln. Vielleicht ist sie dafür allzu sehr Elefantendame. Denn diese suchen ihre Sexualpartner selbst aus.

Nzou lässt auch keine elefantösen Rufe im Infraschallbereich mehr ertönen, um Männchen anzulocken. Das wissen die Ranger, weil im Reservat auch zwei Elefantenbullen leben. Und hätten diese solch süße Töne vernommen, wären sie im Nullkommanichts und jegliche Hindernisse niedertrampelnd angerannt gekommen.

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Die Kandidaten stünden bereit und träufeln sich extra hübschen Staub auf die Stirn. Nzou aber bleibt davon unbeeindruckt. Bild: frobi

Doch Nzou schweigt. Und ignoriert mit bewundernswert kompromissloser Gleichgültigkeit auch das verzweifelte Musth-Grollen ihrer beiden männlichen Artgenossen.

Es scheint, als wäre ihr in den 46 Jahren mit den für sie nicht paarungskompatiblen Büffeln das biologische Rüstzeug für das Liebesspiel abhanden gekommen.

Vielleicht ist Nzou aber auch einfach zu alt für das ganze Liebes-Getändel – "Nimm mich, ich habe die dicksten Eier! Nein, mich, ich habe die längsten *wackelwackel*!" – und hat sich irgendwann gesagt: "Ach, haut doch alle ab."

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Elefantenbullen in der Musth haben einen deutlich erhöhten Testosteron-Spiegel und urinieren sagenhafte 400 Liter pro Tag. Da kann man Nzou schon verstehen, dass das jetzt für sie gar nicht mal so attraktiv ist. Bild: frobi

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