Donald Trump
Bild

Virologe Hendrik Streeck glaubt, dass wir mit Corona leben lernen müssen. bild: screenshot ard

Virologe Streeck: "Finde es müßig, über Todeszahlen zu reden"

dirk Krampitz

Die zweite Welle ist da und Deutschland streitet über die Maßnahmen gegen Corona. Besonders umstritten: Das Beherbergungsverbot und die bundesweit unterschiedlichen Regelungen. Die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten haben mit der Kanzlerin noch einmal darüber beraten. Außerdem: Der Präsidentschaftswahlkampf in den USA geht in die Schlussphase. Bei Sandra Maischberger diskutieren diesmal:

Bild

Manuela Schwesig (SPD) verteidigt ihren strengen Kurs. bild: screenshot ard

Als Erstes ist Manuela Schwesig (SPD), Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, zugeschaltet. Ihr Bundesland fährt schon seit Beginn der Krise den strengsten Kurs, was touristische Einreisen angeht. Und den verteidigt die Ministerpräsidentin auch weiterhin. "Es ist nicht fünf vor zwölf, sondern zwölf, um das Schiff noch zu drehen", sagte Michael Meyer-Hermann, Leiter der Abteilung System Immunologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, der Runde der Landeschefs. Deutschland stehe an der Schwelle zu exponentiellem Wachstum der Corona-Fallzahlen.

Ebenfalls gesagt habe Meyer-Herrmann, dass es empfehlenswert sei "Reisen raus wie rein in ein Risikogebiet massiv einzuschränken", so Schwesig. "Es geht nicht um Verbote, es geht darum Reisen sicherer zu machen." Gleichzeitig schiebt sie den Länder-Chefs mit Risikogebieten die Verantwortung zu:

"Den Leuten wurde nicht gesagt, was auf sie zukommt, wenn sie Risikogebiet werden. Es gibt nicht den Mut in den Risikogebieten, Entscheidungen zu treffen."

Manuela Schwesig

Insgesamt glaubt sie aber, dass die getroffenen Regeln gut sind, das Problem seien die Verstöße: "Es sind die paar, die sich nicht so richtig dran halten, die allen anderen das Leben erschweren." Aber sie sagt auch: "Zum Mitmachen gehört eben auch, dass die Regeln möglichst klar und verständlich sind."

Kommt der zweite Lockdown?

Bild

Die Kommentatoren Cerstin Gammelin, Susanne Gaschke und Vince Ebert (von links). bild: screenshot ard

Der Comedian und Physiker Vince Ebert ist angesichts der "Kriegsrhetorik und Alternativlosigkeit" in den Aussagen der Politiker zu Corona generell besorgt. Deutschland sei eine "Nullrisiko-Gesellschaft" geworden in den vergangenen Jahren. Aber nun müsse sie sich fragen:

"Welches Risiko sind wir bereit zu akzeptieren. Und ihm diese Frage laviert sich die Politik herum."

Vince Ebert

Wobei er sich auch rigorose Maßnahmen in naher Zukunft vorstellen kann: "Zutrauen würde ich es ihnen, dass sie einen zweiten Lockdown fahren, aber das wird nicht so friedlich ablaufen", glaubt er. Er meine damit keinen Bürgerkrieg, schiebt er eilig hinterher, verweist aber auf die prekäre Situation etwa seiner Künstlerkollegen.

Cerstin Gammelin, stellvertretende Leiterin des Hauptstadtbüros der "Süddeutschen Zeitung", findet, dass Markus Söder auffallend oft einen möglichen zweiten Lockdown als Drohszenario benutze. Ihre Meinung dazu: "Angst ist kein guter politischer Ratgeber."

"Welt"-Autorin Susanne Gaschke findet: "Auf das Nullrisiko kommen wir nicht", aber "wir kriegen ein Demokratie-Problem", wenn solche Beschlüsse nicht langsam wieder durch Parlamente getroffen werden würden. Außerdem müssten die Einschränkungen immer der Situation angepasst sein: "Unsere Grundrechte können wir nicht auf Vorrat ständig beschränken."

"Müßig, darüber zu reden": Streeck löst Empörung aus

Bild

Virologe Hendrik Streeck rechnet mit einem weiteren Anstieg der Infiziertenzahlen. bild: screenshot ard

Ein wissenschaftliches Fundament soll der Virologe Hendrik Streeck in die Diskussion bringen. Er meint: "Die Situation ist durchgehend ernst. Das Virus ist Teil unseres Lebens, wir müssen damit leben lernen. Ich glaube, dass die Bürger sich meistens gut an die Regeln halten – trotzdem werden wir weiter einen Anstieg sehen." Die Gründe dafür seien "multifaktoriell". Unter anderem auch das Wetter, das könne man auch daran sehen, dass in ganz Europa die Infektionszahlen hochgehen.

Mit einem Satz sorgt Streeck für Aufhorchen: "Ich finde es müßig, über Todeszahlen zu reden." Mit dieser Aussage löst er im Netz Entsetzen und auch Wut aus.

Doch was meint er damit? "Schäden sind nicht nur Corona-Tote, sondern auch verschobene Operationen, Schäden entstehen auch durch zerstörte Existenzen." Man solle nicht nur auf die Infizierten-Zahlen schauen. Im Frühjahr habe es möglicherweise sogar bis zu 60.000 Infektionen pro Tag gegeben, sie seien nur nicht alle bei Tests festgestellt worden. Viel wichtiger sei doch die Zahl der stationären Fälle und in welcher Konstitution sich der Patient befinde. "Ich habe keine Sorge, wenn 150 Raver infiziert sind. Wir sollten uns viel mehr auf die Risikopatienten konzentrieren." Streeck plädiert dafür, die stationäre Belegung und intensivmedizinische Belegung zu erfassen und auszuwerten.

Streeck über Lauterbach: "Falsch" und "polemisch"

In der vergangenen Woche hatte Streeck eine Infiziertenzahl von 20.000, die seiner Meinung nach auch noch nicht problematisch sei, in die Diskussion gebracht. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hatte dieser Aussage bei Maischberger daraufhin vehement widersprochen und Streeck vorgeworfen, dass er bei dieser Zahl 200 Todesopfer am Tag in Kauf nehme. Daran sei "ganz viel falsch" und "polemisch" sagt Streeck. Lauterbach gehe von einer Sterblichkeit von 1 Prozent aus, aber Streecks eigene Heinsberg-Studie habe eine Sterblichkeit von 0,37 Prozent ergeben.

"Es ist nicht das Killervirus, wie wir am Anfang gefürchtet haben, aber es ist ein sehr ernstzunehmendes Virus."

Hendrik Streeck

Und auch wenn alle Leute ihre Hoffnung auf die Impfung setzen, die es nun vielleicht schon ab Anfang des Jahres geben soll, sieht Streeck die Aussichten eher skeptisch. "Ich glaube nicht dran, dass wir im Januar eine Superwaffe haben." Das Medikament, wenn es denn eins gebe, werde wohl eher "ein Kompromiss" werden.

Trump-Nichte rechnet mit Onkel ab

Bild

Trump-Nichte Mary L. Trump verrät, warum ihr Onkel empathielos ist. bild: screenshot ard

Keine Kompromisse hat Donald Trump bei seiner Corona-Behandlung gemacht. Er habe bei seiner erstaunlich schnellen Genesung "experimentelle Medizin" genutzt, sagt seine Trump-Nichte Mary L. Trump. Die ausgebildete Psychologin ist aus Massachusetts zugeschaltet und gerade mit dem Abrechnungsbuch "Zu viel und nie genug. Wie meine Familie den gefährlichsten Mann der Welt erschuf" in den Bestsellerlisten. Krankheit verdrängen, das sei in ihrer Familie eine Tradition. Der Großvater "war nie einen einzigen Tag krank", für ihn war Krankheit "die eigene Schuld" oder auch "ein Charakterfehler".

"Donald wird jede Krankheit verniedlichen, kleiner machen, weil er sie mit Schwäche assoziiert."

Donald Trump

Sie ist aus Massachussetts zugeschaltet und gibt vor allem Auskunft über ihre Familie. Ihr Vater, Trumps älterer Bruder Fred, war alkoholkrank und starb mit 42 an einem Herzinfarkt. Der Rest der Familie hätten das "als moralisches Versagen behandelt" und ihm auch nicht versucht zu helfen. Warum Donald Trump so empathielos sei, fragt Maischberger. Dafür geht Trump zurück an einen Zeitpunkt noch weit vor ihrer eigenen Geburt: "Als Donald zweieinhalb Jahre alt war, wurde seine Großmutter schwer krank." Die Oma sei seine wichtigste Bezugsperson gewesen. "In der kritischen Entwicklungsphase fühlte er sich deshalb alleingelassen, niemand war für ihn da, der ihn getröstet hat. Da hat er Verteidigungsmechanismen entwickelt." Auch sei Donald Trump kein erfolgreicher Geschäftsmann. "Das ist ein Mythos, den mein Großvater verbreitet hat." Er habe sich einen tollen, zähen Kerl gewünscht. Nachdem sein ältester Sohn Fred versagt hat, habe Donald diese Rolle gespielt. "Aber er hat überhaupt keine der nötigen Fähigkeiten für einen erfolgreichen Geschäftsmann." Allein durch die guten Beziehungen des Vaters stehe Trump gut da. "Es ist einer der größten Irrtümer, dass man Donald als Erfolgsgeschichte sieht."

Trump bringt Demokratie ins Wanken

Bild

Politikwissenschaftler Stephan Bierling findet, dass Trump nicht viel erreicht hat für Amerika. bild: screenshot ard

Politisch sieht das der Politikwissenschaftler Stephan Bierling genauso. „Er hat in den vier Jahren nur für seine Wähler gearbeitet – für Gesamtamerika hat er Grunde genommen nicht viel erreicht.“ Er habe den Kampf als Lebensform "schon mit der Vatermilch aufgesogen" und die vergleichsweise geringe Arbeitslosigkeit vor Corona nur mit Steuersenkungen, die 1000 Milliarden Dollar gekostet haben, teuer erkauft. Und auch im größeren Rahmen sei er ein problematischer Präsident: "Er bringt die Demokratie ins Wanken. Er ist bereit die Kompetenzen des Präsidenten so auszuweiten, dass sich die Verfassungsväter in den Gräbern umdrehen." Aber Bierling ist überzeugt, dass Trumps demokratischer Gegenkandidat Joe Biden die Präsidentschaftswahl gewinnt. Nach den Umfragen liegt er vorn. Außerdem seien die Demokraten diesmal "hochmobilisiert". "Sie wollen Trump aus dem Weißen Haus jagen."

Ob das geklappt, werden wir am 4. November wissen.

Exklusiv

Um Schüler und Eltern zu entlasten: Lehrerpräsident fordert zusätzliches Schuljahr

Wie sollen die deutschen Schulen mit der Corona-Pandemie umgehen? Sind Schulen wirklich Infektionsherde? Und wie kann das Recht auf Bildung sichergestellt werden? Mit diesen Fragen muss sich momentan die deutsche Politik befassen. Eine allgemeine Maskenpflicht in Schulen gibt es noch nicht. Ebenso wenig eine einheitliche Regelung für den Fernunterricht oder das Halbieren von Klassen. Die Bund-Länder-Konferenz am Montag brachte kein nennenswertes Ergebnis.

Der Präsident des Deutschen …

Artikel lesen
Link zum Artikel