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Soccer Football - Women's World Cup - Round of 16 - England v Cameroon - Stade du Hainaut, Valenciennes, France - June 23, 2019  England's Ellen White reacts during a VAR review    REUTERS/Bernadett Szabo

Schon wieder? Der Video-Assistent war für einige Spielerinnen nicht auszuhalten. Bild: BERNADETT SZABO /reuters

Frauen-WM zeigt: Videobeweis umstritten wie nie – Probleme liegen viel tiefer

Viele Unterbrechungen in jedem Spiel, lange Wartezeiten und lauter genervte Spielerinnen und Fans: Der Videoschiedsrichter macht auch in der "Sommerpause" der Bundesliga mit dem weiter, was er am besten kann: Uns zur Weißglut treiben. Das WM-Spiel zwischen England gegen Kamerun war der bisherige Tiefpunkt.

Die traurige Bilanz des Spiels: Ein Streik, weinende Fußballerinnen und 17 Minuten Nachspielzeit. Die Kamerunerinnen hatten sich nach dem 0:2 für kurze Zeit geweigert, das Spiel fortzusetzen. Sie fühlten sich benachteiligt, weil beim Treffer von Ellen White (45.+4 Minute) von der chinesischen Schiedsrichterin Lian Qin zunächst auf Abseits entschieden worden war. Der deutsche Bundesliga-Schiedsrichter Bastian Dankert griff als Video-Assistent (VAR) allerdings zurecht ein, White stand klar nicht im Abseits.

Soccer Football - Women's World Cup - Round of 16 - England v Cameroon - Stade du Hainaut, Valenciennes, France - June 23, 2019  Cameroon's Gaelle Enganamouit, Raissa Feudjio and team mates remonstrate with referee Qin Liang after England's second goal was awarded following a VAR review   REUTERS/Phil Noble

Schiedsrichterin Lian Qin musste beim Spiel zwischen England und Kamerun ziemlich viel diskutieren... Bild: PHIL NOBLE/reuters

Die Stimmung kippte erneut, als der Anschlusstreffer durch Ajara Nchout (48.) nach Videobeweis zurückgenommen wurde. Die vermeintliche Torschützin brach daraufhin in Tränen aus und schien dem Zusammenbruch nahe, auf dem Platz wie an der Seitenlinie arteten die Proteste aus. Die Entscheidung erinnerte an Fälle aus der vergangenen Bundesliga-Saison der Männer, da Nchout nur minimal im Abseits stand. Selbst die auf dem Monitor eingezeichneten Hilfslinien ließen höchstens wenige Zentimeter erahnen.

Aber auch sonst sorgte der VAR in allen WM-Achtelfinals am Wochenende für Aufregung:

Diese 3 Probleme müssen sich ändern

Kommunikation ist schlecht

"Emotionskiller" – so bezeichnete die ehemalige Bundestrainerin Silvia Neid die langen Unterbrechungen durch den VAR bei dieser WM. "So dauert jedes Spiel 105 statt 90 Minuten."

Das Problem liegt jedoch nicht nur an der Häufigkeit der VAR-Eingriffe, sondern vor allem an der schlechten Kommunikation. So diskutierten die Schiedsrichtergespanne immer sehr sehr lange über verschiedene Szenen. In dieser Zeit wurden Spielerinnen und Fans bei dieser WM oft nervös, da sie nicht wussten, worüber denn diskutiert wurde.

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Nach dem Jubel über das 1:0 musste Alexandra Popp noch ein wenig wegen des VAR bangen... Bild: imago images / HMB-Media

So auch beim Führungstor des deutschen Teams im Achtelfinale gegen Nigeria: Beim Kopfball-Tor von Alexandra Popp zur Führung stand Svenja Huth vor der nigerianischen Torhüterin im Abseits. Popp erfuhr erst im ZDF-Interview nach der Partie den Grund für die Überprüfung:

"Als es dann den Videobeweis gab, war ich total irritiert. Ich wusste nicht, wieso, weshalb, warum. Das ist im Spiel ein großes Fragezeichen, weil man nicht weiß, was denn jetzt warum geprüft wird."

Regel-WirrVAR

Der sonst nicht gerade für seine Selbstkritik bekannte Weltverband Fifa hatte schon nach der Vorrunde als Zwischenfazit eingeräumt, dass nicht alles rund gelaufen sei. "Ich muss zugeben, dass ein paar Fehler gemacht worden sind", hatte Schiedsrichter-Boss Pierluigi Collina gesagt: "Das ist zwar verständlich, aber es sollte nicht passieren. Ich bedauere das."

Diese Worte hatten unter anderem mit dem Elfmeter-Fiasko zu tun, welches sogar eine Regeländerung während des Turniers forderte: Das International Football Association Board (Ifab) hat die viel diskutierte Elfmeterregelung geändert, die besagte, dass Torhüterinnen, die bei der Ausführung eines Elfmeters zu früh die Linie verlassen, während des Elfmeterschießens für ihr Vergehen eine Gelbe Karte erhalten. Die Karte gibt es nun nicht mehr – womit ein Platzverweis einer bereits während des Spiels verwarnten Torfrau vermieden werden soll.

FILE PHOTO: Soccer Football - Women's World Cup - Group D - Scotland v Argentina - Parc des Princes, Paris, France - June 19, 2019  Referee Ri Hyang-ok signals a penalty after a VAR review as Scotland's Nicola Docherty reacts      REUTERS/Gonzalo Fuentes/File Photo

Diskussionen, wie hier beim Spiel Schottland gegen Argentinien, gab es viele. Bild: reuters/Gonzalo Fuentes

Das frühzeitige Verlassen der Linie hat im gesamten Turnierverlauf auch im Elfmeterschießen eine Wiederholung des Elfmeters zur Folge. Bereits drei Mal griff der Video-Assistent während der WM-Vorrunde nach einem gehaltenen Elfmeter ein, weil die Torhüterin bei der Ausführung des Strafstoßes mit beiden Füßen vor der Linie stand. In allen drei Fällen war die Schützin im zweiten Anlauf erfolgreich, unter anderem besiegelte ein solcher wiederholter Strafstoß von Argentinien in letzter Minute das Vorrunden-Aus der Schottinnen.

Qualitätsunterschiede bei Schiedsrichtern

Der Hauptgrund für die ganzen VAR-Eingriffe sind die Qualitätsunterschiede unter den Schiedsrichtern. Diese kamen vor allem im Spiel zwischen England und Kamerun ans Licht: Fifa-Referee Bastian Dankert hatte sich mehrfach als Video-Schiedsrichter eingeschaltet, um Fehlentscheidungen der chinesischen Schiedsrichterin Lian Qin zu verhindern. Das Problem liegt dabei aber keineswegs am Geschlecht (wie von einigen Kritikern ins Spiel gebracht), sondern an der Ausbildung.

"Wir haben sicherlich nicht die Breite an hoher Qualität, die wir gerne an einer Weltmeisterschaft hätten. Da sind einfach auch Länder vertreten, die keinen hochklassigen Frauenfußball haben", merkte die ehemalige deutsche Fußball-Weltmeisterin und ARD-Expertin Nia Künzer an.

Weltmeister-Trainerin Silvia Neid hatte da auch eine klare Meinung: "Die Schiedsrichterinnen müssen besser geschult werden für das Niveau, auf dem sie pfeifen. Der Frauenfußball hat sich rasant entwickelt, ist auf einem neuen Level angekommen. Alles ist viel schneller geworden. Leider entwickeln sich nicht alle Schiedsrichterinnen so schnell wie die Spielerinnen", kritisierte die ehemalige Bundestrainerin gegenüber der dpa.

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Silvia Neid hatte an den Schiedsrichterleistungen bei dieser WM keinen Spaß... Bild: imago images / foto2press

Dass die männlichen Schiedsrichter im VAR-Keller die weiblichen Schiedsrichterinnen auf dem Feld immer wieder korrigieren mussten, ist für Neid aber keine Frage des Geschlechts, sondern: "Kompetenz ist das A und O!" Das Problem liegt da nämlich in der Ausbildung: Für viele Schiedsrichterinnen ist das Spiel nicht nur zu schnell, sondern auch die Arbeit mit dem Video-Assistenten ganz neu.

Ein gutes Beispiel ist da Bibiana Steinhaus, neben Riem Hussein und der als Assistentin eingesetzten Katrin Rafalski eine von drei DFB-Schiedsrichterinnen bei der WM. Steinhaus pfeift seit Jahren bei den Frauen auf internationalem Top-Niveau. Zudem profitiert sie enorm von ihrer Erfahrung in der Bundesliga der Männer. Sie kennt nicht nur das höhere Tempo, sondern ist auch geübt im Zusammenspiel mit dem VAR. Ihr Niveau und ihre Erfahrung haben etwa die Unparteiischen aus Ländern wie Ruanda, Kenia, Honduras, Äthiopien oder Nordkorea, die auch in Frankreich bei der WM zum Einsatz kommen, nicht.

Beim Ärger mit dem VAR ist es leider wie schon bei den Männern in der Bundesliga und überall im Fußball: Die gute Technik hilft nur, wenn sie der Mensch richtig bedient. Auch deswegen merkte Neid an: "Das muss immer wieder trainiert werden. Anders geht es nicht."

bn (Mit Material von sid/dpa)

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