Interview
Deutschland, Marktheidenfeld, 29.03.2019, Schwerlastkontrolle der Polizei Unterfranken / Wuerzburg fuer die Region Mainfranken Bild: Polizei Logo, Uniform, blau. Neue Polizeiuniform bei einer LKE Kontrolle. Polizistin. *** Germany Marktheidenfeld 29 03 2019 Heavy load control of the police Lower Franconia Wuerzburg for the region Main Franconia Picture Police Logo Uniform blue New police uniform at a LKE control Policewoman Copyright: HMBxMedia/OliverxMueller

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Interview

Kriminalität in Deutschland: "Es ist keine Frage der Nationalität oder Herkunft"

Nico Dannenberger

Spricht man in Deutschland derzeit über Kriminalität und Sicherheit, dann ist man meist schnell beim Thema Migration. Welcher Zusammenhang besteht aus wissenschaftlicher Sicht?
Christian Walburg:
Einen einfachen und direkten Zusammenhang zwischen Migration und Kriminalität gibt es nicht. Vielmehr braucht es eine differenzierte Betrachtung unterschiedlicher Phänomene. Denn Migration findet ja zu unterschiedlichen Zeiten und unter den unterschiedlichsten Voraussetzungen statt und auch Kriminalität gibt es in den verschiedensten Varianten. Eine pauschale Aussage zur Kriminalitätsbeteiligung von Migranten zu treffen, ist daher nicht sinnvoll und aus wissenschaftlicher Sicht auch nicht möglich.

Der Kriminologe und Jurist Dr. Christian Walburg lehrt am Lehrstuhl für Strafrecht und Kriminologie der Georg-August-Universität Göttingen.

Zuletzt hat der Zuzug von Geflüchteten den Blick auf den Zusammenhang zwischen Migration und Kriminalität stark beeinflusst und den Diskurs zu diesem Thema geprägt. Migrationsbewegungen sind aber auch in Deutschland nichts Neues und haben schon immer Auswirkungen auf die Gesellschaft gehabt. Zu möglichen Zusammenhängen zwischen Zuwanderung und Kriminalität wird in Deutschland seit gut vier Jahrzehnten geforscht, beispielsweise mit Blick auf die sogenannten Gastarbeiter und deren Nachkommen oder die Spätaussiedler. Über den Flüchtlingszuzug seit 2015 und Zusammenhänge mit Kriminalität wissen wir aus Studien bislang insgesamt noch recht wenig. Manche Tendenzen kann man aus der Polizeilichen Kriminalitätsstatistik (PKS) ablesen, aber diese hat nur eine begrenzte Aussagekraft und ist stark interpretationsbedürftig. So erfasst die PKS beispielsweise nur das sogenannte Hellfeld der angezeigten Delikte, und das auf der Ebene des polizeilichen Tatverdachts.

Gibt es trotzdem Dinge, die man aus den vorliegenden Zahlen ableiten kann?
Wenn man sich die Daten aus der PKS anschaut, dann erkennt man, dass der Anteil der Tatverdächtigen, die dort als 'Zuwanderer' erfasst sind, proportional höher ist als in der restlichen Bevölkerung. Präzise relative Häufigkeitszahlen zu nennen ist aber schwierig, denn dazu müsste man beispielsweise genauer wissen, wie groß die entsprechende Personengruppe in der Gesamtbevölkerung ist. Insbesondere zu Menschen mit ungesichertem Aufenthalt sind die Bevölkerungszahlen aber immer schon ungenauer. Anders, als man nach allgemeinem Sprachverständnis vielleicht annehmen könnte, meinen die Polizeibehörden mit dem Begriff 'Zuwanderer' übrigens nicht alle Migranten. Vielmehr werden seit 2016 ausländische Tatverdächtige mit bestimmten Aufenthaltsanlässen als 'Zuwanderer' zusammengefasst: Asylbewerber, Geduldete, Menschen mit illegalem Aufenthalt und seit dem Berichtsjahr 2017 auch anerkannte Flüchtlinge.

Was man dabei, auch nach ersten Studien, erkennen kann, ist, dass anerkannte Flüchtlinge bislang selten als Tatverdächtige erfasst werden.

Personen, die sich noch im Asylverfahren befinden oder deren Antrag abgelehnt worden ist, scheinen häufiger mit Straftaten aufzufallen. Frühere Studien aus den Niederlanden zum Flüchtlingszuzug in den 1990er Jahren hatten bereits ein ähnliches Bild ergeben.

Woran könnte das liegen?
Ganz sicher weiß man es bislang noch nicht. Allerdings ist eine plausible Begründung, dass bei all jenen, die eine Perspektive in der Gesellschaft und insbesondere auf dem Arbeitsmarkt haben, auch das Kriminalitätsrisiko sinkt. Eine Bleibeperspektive scheint also ein relevanter Faktor zu sein. Aber insgesamt ist es immer ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren: Kurz gesagt von Erfahrungen, die die Menschen aus den Herkunftsländern mitbringen und der Lebenssituation, in der sie sich im Aufnahmeland befinden.

Gibt es denn laut Statistik Unterschiede im Hinblick auf die Herkunftsländer der Geflüchteten?
Ja, es scheint Unterschiede zwischen den Herkunftsländern zu geben. Aber auch hier muss man genauer hinschauen: Sind etwa in manchen Gruppen mehr junge Männer gekommen als in anderen Zuwanderergruppen? Sind in einzelnen Gruppen vermehrt Menschen gekommen, die schon in ihrem Herkunftsland mit Kriminalität in Berührung gekommen waren oder mehr Gewalterfahrungen hatten? Sicherlich sind beispielsweise die Geflüchteten aus Syrien eher ein heterogener Querschnitt ihrer Herkunftsgesellschaft als beispielsweise Neuzuwanderer aus Algerien oder Marokko, von wo zuletzt deutlich seltener ganze Familien aufgebrochen sind, sondern eher junge Männer aus benachteiligten Verhältnissen, wovon ein Teil nach ersten Studienergebnissen bereits Vorerfahrungen etwa mit Gewalt hatte. Das beeinflusst natürlich auch das Kriminalitätspotenzial der jeweiligen Gruppe. Das deckt sich auch mit den ersten Zahlen, denn nach dem, was man erkennen kann, fallen syrische Geflüchtete bislang anteilig vergleichsweise selten zum Beispiel mit Straßenkriminalität auf – also etwa mit Diebstählen, Raub- oder Drogendelikten.

Es ist keine Frage der Nationalität oder Herkunft als solcher, sondern der spezifischen Charakteristika der jeweiligen Gruppen.

Gibt es bestimmte Delikte, die häufiger auftreten als andere?
Vielfach geht es um leichtere Diebstähle und Körperverletzungsdelikte. Auch Beförderungserschleichung, also das Fahren ohne Fahrschein, kommt häufiger vor. Bei anderen Delikten – wie beispielsweise Steuerhinterziehung – findet man kaum "Zuwanderer" als Tatverdächtige – das hängt natürlich mit der entsprechenden Lebenssituation zusammen. Schwere Delikte kommen, wie überall sonst, auch in dieser Gruppe sehr selten vor. Der Anteil ist im Vergleich zur restlichen Bevölkerung jedoch erhöht. Was wir aus der PKS ablesen können, ist, dass bei allen Delikten etwa neun Prozent der Tatverdächtigen aus der Gruppe der "Zuwanderer" kommen, bei schweren Gewaltdelikten liegt der Anteil bei etwa 14 Prozent.

Welche Gründe gibt es für den höheren Anteil?
Einer der Gründe ist der stark erhöhte Anteil junger Männer in dieser Bevölkerungsgruppe. In den Jahren 2015 und 2016 war etwa ein Drittel der Menschen, die einen Asylantrag gestellt haben, Männer zwischen 16 und 29 Jahren. In der deutschen Bevölkerung liegt der Anteil dieser Gruppe bei etwa 8 Prozent – junge Männer waren unter den Geflüchteten also deutlich überrepräsentiert.

Junge Männer begehen in allen Gesellschaften und zu allen Zeiten am ehesten Straftaten.

Das erklärt also zumindest teilweise die Unterschiede in der Häufung, auch wenn es nicht der einzige Grund ist.

Welche anderen Faktoren spielen eine Rolle?
Erfahrungen im Herkunftsland, die Umstände der Flucht selbst und die Lebensumstände in Deutschland – all dies sind relevante Faktoren. Was die Lebenssituation anbelangt, dürften zum Beispiel insbesondere bei allein Zugewanderten geringe soziale Bindungen und eine geringe soziale Kontrolle eine Rolle spielen. In der Anfangszeit konnte man zudem erkennen, dass es zunächst bei rund der Hälfte der Körperverletzungsdelikte, bei denen ein "Zuwanderer" als Tatverdächtiger erfasst wurde, um Auseinandersetzungen innerhalb von Flüchtlingsunterkünften ging – vor allem 2015 und 2016 spielte also sicherlich auch die Unterbringung der Geflüchteten eine Rolle. Aber auch frühere Gewalterfahrungen, die Einstellung zu Gewalt oder erlittene Traumatisierungen können Gewalt begünstigen. Unter bestimmten situativen Bedingungen erhöhen solche Erfahrungen die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Gewaltdelikten kommt. Es ist immer ein Zusammenspiel von verschiedenen Faktoren. Daher ist es wichtig, dass die Betroffenen rasch in stabile Verhältnisse kommen und Perspektiven erhalten.

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