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Ist die #10YearChallenge gefährlich? Die Fakten zum Internet-Phänomen

Ob Instagram, Facebook oder Twitter: Die #10YearChallenge sorgt dafür, dass User persönliche Informationen preisgeben. Eine Einschätzung.

Daniel Schurter / watson.ch

Um was geht's?

Das "Wired"-Magazin sorgte diese Woche mit einem kritischen Beitrag zur #10YearChallenge für Aufregung.

Im Stil von "Das wird man ja noch fragen dürfen" spekuliert die Autorin – mit sarkastischem Unterton –, dass es sich keineswegs um ein harmloses Internet-Phänomen handle. Vielmehr könnte einer der schlimmsten Datenkraken der Gegenwart dahinter stecken. Zucks bösartiges Ziel: Die Knechtung der Welt, mithilfe von automatischer Gesichtserkennung.

Die Reaktionen waren absehbar ...

Ist das eine echte Bedrohung bzw. ein realistisches Szenario?

Nein.

Facebook ist nicht auf solche User-Bilder angewiesen. Das hatte Kate O'Neill auch gleich selber eingeräumt, ging aber im ganzen Lärm etwas unter.

Worum geht es der Autorin wirklich?

Nun kommen wir zum Kern des Pudels.

Als sich ihre Tweets zum Thema viral verbreiteten, schob die "Wired"-Journalistin in einem weiteren Tweet einen Amazon-Link nach – und versuchte so, ihr eigenes Buch zu promoten.

Selbst-Marketing, also. Aber ausgerechnet bei Amazon? Keine gute Idee, wie wir gleich sehen ...

Ist automatische Gesichtserkennung harmlos?

Nein, im Gegenteil. Statt zu spekulieren und die Leute mit falschen Verdächtigungen aufzuschrecken, sollten Journalisten die echten Chancen und Risiken aufzeigen.

Zunächst einmal ist festzuhalten, dass automatische Gesichtserkennung nicht per se schlecht ist und darum nicht durch substanzlose Behauptungen verteufelt werden sollte.

Sinnvolle Einsatzgebiete mit gesamtgesellschaftlichem Nutzen sind zum Beispiel das Verhindern von Online-Identitätsdiebstahl und der Kampf gegen Kinderpornografie. Und die Gesichtserkennung erleichtert uns – sicher eingesetzt – bereits das Reisen, wie die Versuche am Flughafen Zürich mit dem Scannen von biometrischen Pässen zeigen.

Damit zu den Gefahren – und die hängen von der Institution ab, die die Technik auf "ihren" Servern einsetzen.

Alle großen Tech-Konzerne setzen auf Gesichtserkennung, um ihren Kunden das (digitale) Leben zu erleichtern und sie mit praktischen Features bei der Stange zu halten.

Das Killerkriterium: Was haben die Unternehmen mit den biometrischen Daten vor und wie können sie gewährleisten, dass sie nicht in kriminelle falsche Hände gelangen? Und daran denken: 100-prozentige Sicherheit gibt's nicht.

Wie wir wissen, steht der Weltgrößte Online-Händler Amazon in der Kritik, weil er seine umstrittene Gesichtserkennungs-Technologie "Rekognition" an die US-Regierung verkaufen will. Zur Bekämpfung illegaler Einwanderung.

Auch Facebook forscht schon seit Jahren an digitaler Gesichtserkennung und verfügt über riesige Datenmengen, um seine Algorithmen zu trainieren. Hunderte Millionen, ja Milliarden User laden freiwillig ihre (zum Teil) höchst persönlichen Fotos und Videos hoch, wo sie mit Zeitstempel versehen (für immer?) gespeichert werden.

Biometrische Daten

Die automatische (digitale) Gesichtserkennung funktioniert mit dem Abgleich von biometrischen Daten, in diesem Fall der Geometrie der Gesichtszüge. Andere biometrische Daten sind die Fingerabdrücke oder die Regenbogenhaut der Augen (Iris) sowie der Augenhintergrund (Retina). Die Daten können zur Identifikation sowie zur Verifikation (Identitäts-Überprüfung) von Menschen verwendet werden. 
Mehr Infos: datenschutz.org

Als Apple 2013 erstmals einen Fingerabdruck-Scanner in ein iPhone (5S) einbaute, äußerten sich viele Kommentatoren skeptisch. Und vier Jahre später gab es erneut einen lauten Aufschrei, als mit dem iPhone X die automatische Gesichtserkennung (Face ID genannt) auf Apple-Geräten Einzug hielt. Um die Kritiker zu beruhigen, erklärte der Hersteller: Es werden keine wiederverwendbaren biometrischen Daten übers Internet geschickt. Sie verlassen gar nicht das Gerät.

Fazit nach über 5 Jahren: Bislang ist es keinem Hacker gelungen, wertvolle biometrische Daten aus einem iPhone oder anderen Apple-Gerät zu extrahieren. Dürfen sich die User deshalb in Sicherheit wiegen? Sicher nicht.

Und Facebook? Hier veröffentlichen die User zweidimensionale Abbildungen ihrer Gesichtszüge freiwillig als Posts. Der Plattform-Betreiber scannt die hochgeladenen Fotos und versucht, die abgebildeten Personen zu erkennen. Wer das nicht will, kann die Gesichtserkennung deaktivieren – und darauf hoffen, dass Facebook hält, was es verspricht.

Sicher ist: Die digitale Gesichtserkennung ist nicht mehr aufzuhalten. Das zeigen auch neuartige Anwendungen, wie zum Beispiel das Kickstarter-Projekt OrCam MyMe. Da heftet man sich einen Plastik-Clip mit Mini-Kamera ans Hemd und erfährt dank Gesichtserkennung, ob man einen Bekannten vor sich hat. So sollen sich peinliche Situationen vermeiden lassen, bei denen man die Namen nicht mehr weiß ...

Beruhigend: Laut Bericht bei Tech Crunch werden die biometrischen Daten auf dem kleinen Gerät verarbeitet, nicht ins Internet übertragen und umgehend gelöscht.

Was wir daraus lernen sollten

Angesichts der #10YearChallenge gilt es die Verhaltensregeln in Erinnerung zu rufen, die das Risiko vermindern, zum Opfer krimineller Machenschaften zu werden. Zudem sollte man mächtige Datenkraken nicht unnötig füttern:

Wir sollten keine falschen Ängste entwickeln, die auf Unwissen über moderne Technik gründet, sondern uns bewusst sein, was Gesichtserkennung kann, und was nicht:

"Wir können uns in wenigen Sekunden ein Bild eines anderen Menschen machen, indem wir ihm ins Gesicht schauen und mit ihm sprechen. Selbst mit den intelligentesten Algorithmen wird das bei einer Maschine noch sehr lange nicht möglich sein."

Stephan Sigrist, Biochemiker quelle: t-online.de

Das vorläufig letzte Wort hat die amerikanische Journalistin, die die ganze (künstliche) Aufregung rund um die automatische Gesichtserkennung auslöste ...

"Wir sollten von den Unternehmen verlangen, dass sie unsere Daten auf jeden Fall mit dem nötigen Respekt behandeln. Aber wir müssen auch unsere eigenen Daten mit Respekt behandeln."

Kate O'Neill, "Wired"

Was lohnt sich an der #10YearChallenge?

Falls du noch nicht weiß, was es mit der #10YearChallenge (auch #10YearsChallenge) auf sich hat: Social-Media-User veröffentlichen unter dem Hashtag Beiträge, in denen sie alte und aktuelle Fotos nebeneinander stellen. Damit wollen sie zeigen, wie sich die abgebildete Personen und Dinge innert zehn Jahren verändert haben. Oder auch nicht.

Das Phänomen sorgt bei Instagram, Facebook und Twitter für Furore. Befeuert wird es durch Prominente, die als Vorbild dienen und zum Mitmachen animieren.

Das Beste (aus Datenschutz-Sicht) sind die Spaßvögel ...

Bild

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