Interview
ARCHIV - 20.05.2015, Baden-W

Bild: dpa / Marijan Murat

Interview

"Verkürztes Bildungsverständnis durch Pisa": Lehrerverbandschef erklärt Ergebnisse

Oliver Marquart
Oliver Marquart

Bei der PISA-Studie 2018 schnitt Deutschland schlechter ab, als die vorigen Male. Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, erklärt, wie dramatisch die Lage wirklich ist und vor welchen Herausforderungen das deutsche Bildungssystem steht.

Sie waren lange Deutschlehrer. Wie dramatisch ist es, dass deutsche SchülerInnen gerade bei der Lesekompetenz so schlecht abschneiden?

Heinz-Peter Meidinger: Die Lesefähigkeit ist natürlich die zentrale Kompetenz, um überhaupt Wissen und Bildung zu erwerben. Der Rückschlag in diesem Bereich muss uns mit Sorge erfüllen. Gerade was die Gruppe der Risikoschüler angeht, die selbst einfache Texte nicht verstehen können, besteht Handlungsbedarf. Wir waren hier mal deutlich unter 20 Prozent, jetzt ist der Anteil wieder angestiegen. Diese Gruppe wird große Schwierigkeiten im Leben haben. Ihre politischen und gesellschaftlichen Teilhabemöglichkeiten werden deutlich eingeschränkt.

Viele Jugendliche haben offenbar Schwierigkeiten, Meinung und Fakten in Texten auseinanderzuhalten. Ist das eine zusätzliche Herausforderung?

Medienerziehung ist generell eine wichtige Aufgabe der Schule. Angesichts der Informationsflut und Internetblasen müssen wir gerade da Jugendlichen Orientierung und Anleitung in dieser Welt geben. Sie müssen die Fallstricke kennen. Allerdings geht es bei den Risikogruppen nicht darum, Meinung von Fakten zu unterscheiden. Da fehlt die grundsätzliche Fähigkeit, Texte zu verstehen.

Spielen die neuen Medien bei diesem Problem auch eine Rolle?

Die Digitalisierung wird oft verkürzt auf das Problem technische Ausstattung von Schulen. Dabei gibt es noch ganz andere Herausforderungen: An vielen Schulen gibt es Probleme mit Cybermobbing, teilweise werden Straftatbestände in Whatsapp-Gruppen erfüllt. Es geht also nicht nur darum, die Schulen und Schüler technisch fit zu machen, sondern auch um einen verantwortungsvollen Umgang damit. Gerade bei jüngeren Schülern. Da muss es einfach auch Regeln geben, wann Handys benutzt werden. Das fängt zu Hause an: Kinder schlafen immer später ein, weil sie noch bis Abends in Whatsapp-Gruppen aktiv sind. Hier müssen zuerst die Eltern ein gutes Vorbild sein.

Bild

Heinz-Peter Meidinger. Bild: deutscher lehrerverband

Sie meinen, Schulen können nicht alle gesellschaftlichen Probleme auffangen oder gar lösen?

Die Erwartung an Schulen ist oft, Reparaturbetrieb für alles zu sein. Als es in Bayern das Volksbegehren zum Artenschutz gab, wurde etwa gleich ein neues Fach gefordert. Das kann Schule nicht leisten. Auf der anderen Seite kann ich aber nicht sagen: Als Lehrer habe ich kein Interesse an Erziehungsproblemen, das wäre auch falsch. Das Kerngeschäft der Schulen bleibt Wissen, Bildung und ein kritisches Bewusstsein zu fördern. Aber es gehört eben auch noch mehr dazu, Werte- und Persönlichkeitserziehung zum Beispiel.

Sie waren schon als Lehrer aktiv, bevor die erste PISA-Studie 2001 durchgeführt wurde. Was sagen Sie – ist die Lage wirklich so kritisch, wie das oft dargestellt wird?

Ich kann mich noch gut an den ersten PISA-Schock erinnern. Man muss aufpassen, dass man nicht der Meinung verfällt, endgültige Aussagen über Bildung beginnen erst mit PISA. Es gab auch schon vor 2001 Anzeichen, dass das deutsche Bildungssystem nicht so toll ist, wie viele gedacht hatten. Davor hat man sich gerne als Bildungsweltmeister gefühlt. Die Gebiete, die bei PISA überprüft wurden, Mathematik und Leseverständnis, sind aber nicht der alleinige Gradmesser von Bildungsqualität. Durch PISA entsteht manchmal ein etwas verkürztes Bildungsverständnis. Musische Bildung, Sport und politische Bildung sind ebenfalls sehr wichtig, obwohl dies bei PISA keine Rolle spielt.

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