Eine interne Befragung zeigt das Ausmaß sexueller Übergriffe an Münchner Musikhochschule

12.05.2018, 18:0412.05.2018, 19:55

Zwei Professoren der Musikhochschule München sollen systematisch ihre Machtposition ausgenutzt und ihre Studierenden über Jahre hinweg in Abhängigkeiten getrieben haben. Die Vorwürfe sind alt, eine aktuelle Recherche des "Spiegel" zeigt jetzt aber: Das Ausmaß der Fälle ist größer, als bisher gedacht. 

Die Vorwürfe im Überblick:

  • Die beiden Professoren sollen unter anderem mit Hilfe von Pornos "Lockerheit fürs komponieren" gelehrt haben.
  • In mehrerern Fällen soll "Einzelunterricht im Bett der Dozenten" stattgefunden haben.
  • Körperliche Übergriffe sollen unter dem Deckmantel der Übungen für die Bühne getarnt worden sein.

Die Beschuldigten sind bereits seit längerer Zeit bekannt und teilweise verurteilt. Eine interne Umfrage unter Studenten der Musikhochschule, die dem "Spiegel" vorliegt, zeigt aber: Die Beiden haben offenbar systematisch gehandelt.  

1. Die Beschuldigten 

Siegfrid M. wurde schon einmal wegen sexueller Nötigung zu neun Monaten Haft verurteilt – das Urteil ist allerdings nicht rechtskräftig. Seit November 2017 muss er sich erneut vor dem Landgericht München verantworten. Diesmal wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung einer Bewerberin und der sexuellen Nötigung einer Sängerin der Musikhochschule. Der Prozess soll am  16. Mai fortgesetzt werden.

Kommt es zu einer Verurteilung, muss der Angeklagte, der alle Vorwürfe von sich weist, wahrscheinlich ins Gefängnis. Auch für seine aktuelle Position als Leiter des Mozarteums in Salzburg hätte eine Verurteilung Folgen.

Der zweite Beschuldigte Hans-Jürgen von B. wurde im Juli 2016 von der Staatsanwaltschaft München I angeklagt, bis heute hat das Landgericht noch nicht entschieden, ob das Verfahren gegen ihn eröffnet wird. Die Staatsanwälte werfen ihm sexuelle Nötigung in mehreren und Vergewaltigung in mindestens einem Fall vor. Auch von B. bestreitet die Vorwürfe. 

2. Die internen Unterlagen

Der "Spiegel" zitiert nun aus einer internen Erhebung der Musikhochschule, in der laut dem Magazin rund 800 Hochschulangehörige befragt wurden. Demnach:

  • Sollen 115 Studenten während ihrer Zeit an der Münchner Musikhochschule "anzügliche Bemerkungen" gehört haben.
  • Sollen 56 Studenten "anzügliche Gesten" wahrgenommen haben.
  • Sollen 34 Studenten gemeldet haben, "angegrapscht oder absichtlich berührt" worden zu sein.
  • Sollen 9 Studenten berichtet haben, dass ihnen Genitalien gezeigt worden seien.
  • Sollen 8 Studenten ausgesagt haben, dass sie zu sexuellen Handlungen gezwungen worden seien.
  • Sollen 7 Studenten Nachteile angedroht bekommen haben.
  • Soll eine Vergewaltigung stattgefunden haben. 

3. Das System 

Ein Verteidiger von M. hatte die Zustände an der Musikhochschule bereits im ersten Prozess als "Sodom und Gomorrah" bezeichnet. Die "Spiegel"-Autoren führen in ihrem Bericht aus, welche Systematik sie hinter den beiden Fällen vermuten:

Die Autoren schreiben:

"In einer Musikhochschule ist die Abhängigkeit der Studenten von ihren Lehrern besonders groß. Der Professor entscheidet maßgeblich mit, ob es mit der künstlerischen Karriere etwas wird oder nicht. Man besucht gemeinsam Konzerte, unternimmt Reisen. Im Unterricht kommen Student und Professor einander oft sehr nahe, beim gemeinsamen Üben am Instrument, beim Trainieren der richtigen Körperhaltung und Atmung. Sich dabei anzufassen ist normal. Der Schritt, die Nähe und die Abhängigkeit zu missbrauchen, ist nicht groß. Noch dazu, da der Unterricht oft in kleinem Kreis stattfindet: nur Lehrer und Schüler, meist bei geschlossener Tür."
"Spiegel" 

(hd)

Politik

Alle Storys anzeigen

#Pimmelgate: Hausdurchsuchung wegen eines Tweets

Der SPD-Politiker und Hamburger Innen- und Sportsenator Andy Grote setzte am 30. Mai einen Tweet ab, in dem er feierwütige Menschen im Hamburger Schanzenviertel kritisierte. Ein User schrieb als Antwort: "Du bist so 1 Pimmel". Mittwochfrüh um sechs Uhr morgens stürmten sechs Polizisten eine Privatwohnung, in der der Tweet-Verfasser Marlon P. gemeldet war, um Beweismaterial zu sichern.

"In der #Schanze feiert die Ignoranz!", beschwerte sich Grote im Mai. Er reagierte damit auf die Meldung, dass …

Artikel lesen
Link zum Artikel