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Der nordhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet. bild: imago images / teamwork

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Fall Tönnies: Reagiert Laschet zu zögerlich? Das sagt ein Epidemiologe

Während in weiten Teilen Deutschlands die Menschen wieder in Gruppen auf die Straße gehen, in Cafés und Restaurants die Sonne genießen oder gar in den Sommerurlaub fahren, steigen in Rheda-Wiedenbrück die Corona-Fälle weiter an: In einer Schlachterei des Unternehmens Tönnies sind die Infektionszahlen unter den Mitarbeitern mittlerweile auf über 1330 gestiegen.

Einige der Mitarbeiter sind mittlerweile in Quarantäne – längst aber nicht alle. Wer bisher negativ getestet worden ist, scheint die Wohnung noch normal verlassen zu dürfen. Das legt zumindest ein Bericht des WDR nahe. Auch einen lokalen Lockdown schließt NRWs Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) bisher aus. Laut der "Tagesschau" räumt er zwar ein "enormes Pandemierisiko ein", aber:

"(...) solange wir alles tun, dass es gelingt, dass es nicht überspringt auf die Bevölkerung, können wir andere, bessere, zielgerichtetere Maßnahmen ergreifen".

6139 Tönnies-Mitarbeiter, unter ihnen viele Gastarbeiter aus Osteuropa, wurden bereits auf das Corona-Virus getestet. Die Infektionsketten sind trotz der großen Anzahl von Fällen noch gut nachvollziehbar, die Lage scheint bisher unter Kontrolle.

Dennoch lässt sich die Verunsicherung über den neuen Corona-Hotspot in NRW nicht leugnen – schließlich ist es nicht das erste Mal, dass das Bundesland zu Viren-Brandherd wird: Wir alle erinnern uns noch an die Karnevals-Feierer von Heinsberg. Hat Laschet nicht von der ersten pandemischen Welle gelernt und sollte nun konsequent einen lokalen Lockdown verfügen? Oder ist seine abwartende Haltung nun genau richtig, um die Corona-gebeutelte Wirtschaft nicht noch weiter zu drosseln?

Wann wird ein lokaler Lockdown notwendig?

Seit Wochen werden die zentralen Corona-Beschränkungen in den Bundesländern nach und nach gelockert. Im Mai hatten sich Bund und Länder aber darauf geeinigt, künftig auf lokale Ausbrüche mit örtlichen Lockdowns zu reagieren – also nur noch in einzelnen Kommunen schärfere Beschränkungen einzuführen, wenn dort die Infektionszahlen nach oben schnellen.

Für diese lokalen Lockdowns sind Landkreise, Städte und Gemeinden zuständig. Sie können ganze Kommunen oder Regionen betreffen – oder nur einzelne Gebiete oder Gebäude.

In Göttingen, wo sich in einem einzelnen Wohnkomplex über 100 Menschen mit dem Coronavirus infiziert haben, hat die Stadt das Haus per Allgemeinverfügung unter strenge Quarantäne gestellt. Das heißt, die Menschen dürfen das Gebäude vorläufig bis Donnerstag, 25. Juni, nicht mehr verlassen. Die Stadt kümmert sich nach eigenen Angaben um die wichtigsten Bedürfnisse der Menschen, versorgt sie mit Lebensmitteln, Medikamenten und stellt die hausärztliche Betreuung sicher, ein Infomobil ist vor Ort. Die Hausverwaltung muss Flure, Treppenhäuser und Fahrstühle täglich reinigen, die Bewohner müssen im Gebäude Mund-Nasen-Schutz tragen. Die Quarantäne-Maßnahmen sorgen für erhebliche Unruhe: Am Wochenende versuchten etwa 200 Bewohner auszubrechen und griffen dabei die Polizei an.

Im Kreis Gütersloh, wo die meisten der vom Tönnies-Ausbruch betroffenen Menschen leben, müssen die Bewohner von 246 unterschiedlichen Gebäuden in strenger Quarantäne bleiben. Dort werden sie laut Güterslohs Bürgermeister Henning Schulz mit Lebensmitteln versorgt. Schulen und Kitas stehen im Kreis nur noch Kindern aus Familien offen, die ein Recht auf Notbetreuung haben.

Jetzt noch keinen Lockdown zu verhängen, ist gerechtfertigt

Auch wenn so manch einer nun verunsichert sein und Laschets abwartende Haltung als zu zögerlich bewerten mag – aus epidemiologischer Sicht ist sie durchaus sinnvoll, meint Timo Ulrichs. Er ist Epidemiologe an der Akkon-Hochschule in Berlin. Gegenüber watson sagt er, dass es sich beim Fall Tönnies "um einen zwar großen, aber immer noch lokalen Ausbruch" handele. Umgebungsuntersuchungen, viele Testungen – wie sie gerade auch durchgeführt werden – und Quarantänemaßnahmen seien zur Eindämmung sinnvoll.

"Trotzdem kann es sein, dass einzelne Neuinfizierte durch diese Maßnahmen nicht erfasst werden", gibt der Epidemiologe zu bedenken:

"Dann sollten die allgemeinen Hygienemaßnahmen (Abstandhalten und Schutzmasken) der Bevölkerung sozusagen als zweite Verteidigungslinie wirken und eine weitere Verbreitung hemmen."

Es ist also noch nicht an der Zeit für die Menschen in Rheda-Wiedenbrück, wieder aufzuatmen und sämtliche Vorsichtsmaßnahmen schleifen zu lassen. Dennoch "ist es zunächst gerechtfertigt, noch nicht generelle Lockdown-Maßnahmen zu ergreifen", sagt Ulrichs. "Die epidemiologische Entwicklung muss jedoch sehr genau beobachtet werden."

Die R-Zahl ist wieder auf über 2 gestiegen – müssen wir uns Sorgen machen?

Und das wird sie auch: Das zeigt sich beispielsweise schon in der Tatsache, dass der Ausbruch bei Tönnies einen Einfluss auf die Reproduktionszahl R in Deutschland hat. Die Zahl gibt an, wie viele Menschen ein Corona-Kranker im Schnitt ansteckt. Seit dem neuen Ausbruch in Rheda-Wiedenbrück ist die laut des Robert-Koch-Instituts wieder auf über 2 angestiegen. Das bedeutet: Ein an Sars-CoV-2 Erkrankter steckt im Schnitt zwei weitere Menschen an.

Ein Grund zur Sorge ist die hohe R-Zahl momentan allerdings noch nicht: "Auch bei niedrigen Neuinfiziertenzahlen kann der R-Wert bei solchen lokalen Ausbrüchen schnell steigen", erklärt Ulrichs. Insgesamt sei die Schwankungsbreite von R bei niedrigen Fallzahlen größer. Wir dürfen nicht vergessen: Obwohl die Zahl der Neuinfektionen unter anderem durch den Fall Tönnies wieder angestiegen ist, ist sie im restlichen Land sehr niedrig. "Sorgen müssen wir uns machen, wenn gleichzeitig die Neuinfiziertenzahlen breit steigen würden, also eine Trendwende erkennbar wäre", sagt Ulrichs. Und das ist aktuell nicht der Fall.

Die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie müssen sich ändern

Auch wenn Corona-Herde wie in Rheda-Wiedenbrück vereinzelt auftreten und die Infektionsketten gut nachvollziehbar sind: Solange es noch keine nachweislich wirksamen medizinischen Maßnahmen gegen das Virus gibt, wie ein Medikament oder einen Impfstoff, dürfen auch diese Ausbrüche nicht in Kauf genommen werden. Dafür müssen sich allerdings die Arbeitsbedingungen im Niedriglohnsektor, vor allem in der Fleischindustrie, akut ändern. Auch Ulrichs fordert striktere Hygieneregeln, besser noch ein komplettes Konzept, das auch die Unterbringung, den Transport und die Pausenzeiten der Mitarbeiter umfasst. Noch wichtiger wäre allerdings:

"(Das) Verbot von Werkverträgen und die Beendigung der nicht nur aus gesundheitlicher Sicht schlechten Arbeitsbedingungen, die an Ausbeutung grenzen."

Generell hält der Epidemiologe es für "unverständlich, warum die Fleischproduktion als 'systemrelevant' eingestuft wurde, sodass nicht ganz so strenge Hygienevorschriften angewendet werden konnten." An dieser Stelle kamen aus Sicht Ulrichs mehrere Risikofaktoren zusammen, die den Ausbruch in Rheda-Wiedenbrück begünstigt haben – von der Unterbringung der Werksarbeiter auf beengtem Wohnraum bis hin zu möglichen Verstößen der Hygienemaßnahmen.

Wie es zu dem Ausbruch kommen konnte, wird momentan intensiv ermittelt. Derweil befinden sich fünf der positiv getesteten Tönnies-Mitarbeiter auf der Intensivstation. Vor einer Rückkehr der zu großen Teilen ausländischen Mitarbeiter in ihre Heimatländer rät Laschet übrigens ab: Im Fall einer Infektion garantiere er ihnen die "bestmögliche medizinische Behandlung" in Deutschland. Gleichzeitig könnte so eine weitere Verbreitung des Virus vermieden – und die Bewohner von Rheda-Wiedenbrück vor einem weiteren Lockdown tatsächlich verschont werden.

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