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Outline of a crowd of angry people,

Bild: iStockphoto/watson montage

"Man fühlt sich wie der letzte Depp" – Amazon-Packer spricht über den Streik

philipp luther

Falls ihr am Montag bei Amazon bestellt habt, könnte eure Lieferung später als eintreffen als gewohnt – denn die Belegschaft in Deutschland bestreikt den Logistikkonzern an sieben Standorten.

Watson hat mit Max Schnell telefoniert. Der 30-Jährige arbeitet seit sieben Jahren für Amazon als Packer und war seither an allen Streiks beteiligt. Fünf Stunden lang hat er am Montag vor den Standort-Toren gestanden und heute wird er es wieder tun. Er streikt dafür, dass Amazon seine Gehälter nach Tarifvertrag bezahlt. Seinen echten Namen will Schnell lieber nicht in der Presse lesen. Er habe schon einmal Ärger bekommen, weil er mit Journalisten gesprochen hat, erzählt er.

"Um fünf Uhr standen wir vor der Tür und haben versucht, unsere Kollegen vom Streik zu überzeugen", berichtet Schnell. Er klingt müde. Trotzdem sei er zufrieden mit dem Tag heute, viele Kollegen hätten sich beteiligt. Manche würden sich allerdings aus Angst um ihren Arbeitsplatz nicht am Streik beteiligen. "Vor allem die Kollegen, die noch befristete Arbeitsverträge haben, können das Risiko nicht eingehen", sagt Schnell.

"Da wird einem das Gefühl vermittelt, dass man der letzte Depp ist"

Wir fragen den Arbeiter, wie sich so ein Streik eigentlich anfühlt. "Mir macht das jedes Mal Mut", sagt er. "Man kommt mit vielen Kollegen ins Gespräch, die man normalerweise nicht trifft, weil sie in anderen Schichten oder anderen Abteilungen arbeiten."

Die Gespräche drehten sich dann um die Sorgen und Probleme, die die Belegschaft hat – und die seien meist dieselben: "Der hohe Arbeitsdruck und das Verhalten der Vorgesetzten", führt Schnell aus. Von manchen bekomme man schon mal zu hören, dass sie als ungelernte Angestellte froh sein könnten, überhaupt eine Arbeit zu haben. "Da wird einem das Gefühl vermittelt, dass man der letzte Depp ist", sagt Schnell. "Wir wünschen uns einfach mehr Respekt für unsere Arbeit."

Manche Vorgesetzten machten ihm und seine Kollegen außerdem Druck, mehr zu arbeiten. Die aus früheren Streits mit Amazon bekannten Erzählungen von Mitarbeiter-Gängelung kann auch er wiedergeben. Zum Beispiel bei der Arbeitspause. "Wir haben 35 Minuten Pause in einer Schicht. Die beginnt und endet mit einem Gong." Manche Kollegen bräuchten von ihrem Arbeitsplatz aber schon fünf Minuten, um zu ihrem Pausenraum zu kommen. So schrumpfe die Erholungszeit auf 25 Minuten zusammen, denn vor dem zweiten Gong müssten sie wieder an ihren Plätzen stehen.

Dazu komme, dass an seinem Standort erst kürzlich ein Drei-Schicht-System eingeführt worden sei. "Gerade der Wechsel von der Früh- auf die Spätschicht ist ziemlich belastend", so Schnell. Eine Schichtzulage für die zusätzliche Belastung bekämen er und seine Kollegen nicht. "Die wollen wir tariflich durchsetzen, auch deswegen streiken wir gerade."

Reicht Schnell zum Leben, was er bei Amazon verdient?

Das Geld könnte Schnell gut brauchen, er verdient "etwas mehr als 13 Euro die Stunde". Reicht ihm das zum Leben? "Ich wohne noch bei meinen Eltern. Bei der derzeitigen Situation auf dem Wohnungsmarkt müsste ich wohl einen zweiten Job annehmen, wenn ich ausziehen und meinen Lebensstandard halten wollte", erklärt er.

Seine Gewerkschaft ver.di findet dafür deutliche Worte: "Während Amazon mit satten Preisnachlässen beim Prime-Day zur Schnäppchenjagd bläst, wird den Beschäftigten eine existenzsichernde tarifliche Bezahlung vorenthalten", heißt es in einer am Montag verbreiteten Erklärung.

Davon will Amazon selbst nichts wissen, der Konzern weist die Vorwürfe der Gewerkschaft zurück und erklärt watson auf Nachfrage: "Wir bezahlen in unseren Logistikzentren am oberen Ende dessen, was für vergleichbare Tätigkeiten üblich ist." Nach zwei Jahren im Betrieb bekäme ein Mitarbeitender knapp 2400 Euro brutto, außerdem gebe es zusätzliche Leistungen wie Aktien oder Überstundenzuschläge.

Überhaupt, so betont das Unternehmen, habe der Streikaufruf "keinen Einfluss auf die Einhaltung unseres Lieferversprechens".

Ob Schnell solche Aussagen von seinem Arbeitgeber frustrieren?

"Wenn ich das alles glauben würde, dann schon", sagt er uns. Aus Gesprächen mit Kollegen, die selbst Kunden bei Amazon sind, wisse er aber, dass die Pakete später geliefert würden. Von anderen Standorten haben wir am Montag Ähnliches gehört – die Gewerkschafter sind sich sicher, dass ihre Aktionen Druck auf Amazon ausüben.

Das merke man auch daran, dass Amazon denjenigen Beschäftigen angeblich eine Prämie zahlt, die sich nicht am Streik beteiligen, wie Schnell erklärt. Zehn Euro seien das an mehreren Standorten pro Tag, erklärt auch eine ver.di-Sprecherin. Doppelt so viel zahle das Unternehmen an Mitarbeiter, die an allen Tagen vor, während und nach dem Prime-Day anwesend seien.

Ein Amazon-Sprecher erklärt uns, was es mit der Anwesenheitsprämie aus Sicht des Unternehmens auf sich hat: "Wir bezahlen in Bad Hersfeld zusätzliche Zuschläge für freiwillige Überstunden und Boni. Diese erstrecken sich beim Prime Day über einen Zeitraum von bis zu zwei Wochen, sind ein Dankeschön an unsere Kollegen und mit dem lokalen Betriebsrat abgestimmt." Die Vorwürfe der Gewerkschaft seien haltlos.

#FridaysForFuture: Schüler erklären, warum sie demonstrieren

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