Umwelt
Bild

Satellitenfotos zeigen: Die Luftverschmutzung geht zurück. bild: esa

"Je länger die Corona-Krise andauert, desto schlechter ist es für das Klima"

Viele Länder und große Unternehmen haben in diesen Tagen und Wochen dicht gemacht. Für das Klima haben die "Lockdowns" kurzfristig positive Folgen. Ein Grund zum Jubeln? Leider dürfte der Schuss nach hinten losgehen.

Reto Fehr / watson.ch

In einer nie für möglich gehaltenen Rekordzeit wurden weltweit Millionen Menschen nach Hause geschickt, der Verkehr fast zum Erliegen gebracht und Fabriken geschlossen. Das Coronavirus hat einen wirtschaftlichen Schaden angerichtet, den heute noch keiner beziffern kann.

Die gute Seite, das glauben derzeit einige: Die Welt und insbesondere das Klima kann sich jetzt erholen. Das Corona-Grounding der Luftfahrt, so ist auch in den watson-Kommentaren zu lesen, wird die stark belastete Luft entlasten. Auch das klare Wasser in den Kanälen Venedigs wird als positives Zeichen gedeutet, dass die Welt jetzt für einen Moment zur Ruhe kommt und sich in dieser Zeit zumindest etwas erholen könnte.

Befeuert wurde die Hoffnung jüngst durch Satellitenbilder, die von der Europäischen Raumfahrtbehörde ESA veröffentlicht wurden. Sie zeigen eindrücklich, wie über den "Lockdown"-Städten die Stickstoffdioxide in der Luft krass zurückgingen.

Europa (1. Januar bis 11. März)

China (20. Dezember bis 1. Februar)

Das Problem bei den Stickstoffdioxiden (NO2) ist aber: Sobald die Industrie ihre Arbeit wieder aufnimmt und der Verkehr wieder rollt, nehmen diese sofort wieder zu. Dies zeigen die neuesten Aufnahmen des ESA-Satelliten von China. Die Zunahme ist schon wieder deutlich sichtbar, obwohl die Wirtschaft noch lange nicht wieder auf Hochtouren läuft.

China (1. Februar bis 16. März)

Wie viel also nützt die Corona-Krise der Natur und dem Klima wirklich? Wir haben darüber mit Martin Grosjean, Direktor am Oeschger-Zentrum für Klimaforschung der Uni Bern gesprochen.

watson: Das Coronavirus bringt Industrien, die Luftfahrt, ja ganze Länder praktisch zum Stillstand. Wie sehr hilft das im Kampf gegen den Klimawandel?

Martin Grosjean: Aktuell ist das nicht mal ein Tropfen auf den heißen Stein.

Aber angenommen, diese "Lockdowns" und "Groundings" der Fluggesellschaften dauern noch sechs Monate oder sogar ein Jahr?

Selbst dann. Die Auswirkungen davon wären komplett irrelevant im Kampf, den Klimawandel zu verlangsamen.

Sehen Sie trotzdem auch positive Aspekte?

Ich habe noch keine Zahlen gesehen, aber ich kann mir gut vorstellen, dass beispielsweise die Reduktion im Pendlerverkehr einen der größeren Effekt erzielen wird. Quantitativ ist das mehr als die Luftfahrt.

Bild

Bild: occr

Zur Person

Martin Grosjean ist Direktor am Oeschger-Zentrum für Klimaforschung (OCCR), das seit 2007 Forscher aus 14 Instituten und vier Fakultäten zusammenbringt und interdisziplinär an vorderster Front der Klimawissenschaften forscht.

Wenn es nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist: Wie wird die Corona-Krise im Hinblick auf das Klima sichtbar?

Man wird messen können, dass beispielsweise der CO2-Anstieg 2020 kleiner wird als in anderen Jahren. Vielleicht gibt es gar eine kleine Delle oder zumindest keinen Zuwachs.

In China freut man sich über die saubere Luft.

Durch den Shutdown gelangen weniger Rußpartikel und andere Schadstoffe in die Luft, damit wird die Luft transparenter und sauberer. Die Abnahme von Stickstoffdioxiden ist auf Satellitenbildern ersichtlich. Lokal kann sich das sogar als "Global brightening" auswirken. Also dass durch die transparentere Luft wieder mehr Sonnenstrahlen auf die Erde dringen. Gesundheitlich sind die Effekte kurzfristig super. Aber die Temperatur kann leicht ansteigen. In den 1950er bis 1980er Jahren sorgte die Luftverschmutzung in der industrialisierten Welt entsprechend für einen kühlenden Effekt, das "Global dimming". Damit war der beginnende Temperaturanstieg durch mehr CO2 in der Luft sehr schwer nachzuweisen.

Hilft uns die Corona-Krise, Klimaziele wie das Pariser Abkommen zu erreichen?

Das war schon vorher eine Herkulesaufgabe. Man weiß nicht, wie sich die Wirtschaft erholt. Erleben wir ein V, ein U oder ein L? Solange das nicht klar ist, sind Voraussagen schwierig.

Viele Menschen hoffen darauf, dass die Corona-Krise uns die Augen öffnet und wir unser Verhalten überdenken. Wie kann das Klima von der Corona-Krise profitieren?

Es gibt für mich zwei Wege, wie es nach der Krise weitergeht. Das wird für das Klima entscheidend sein: Entweder wir bauen alles wie bisher wieder mit nicht nachhaltigen Strukturen und Technologien wieder auf oder wir nutzen die Chance des Wiederaufbaus zu mehr Nachhaltigkeit in Wirtschaft und Gesellschaft.

Was spricht dafür, alles wieder aufzubauen wie zuvor?

Die Wirtschaft leidet extrem unter der Corona-Krise. Zusätzliche Abgaben für CO2 werden danach schwer durchzusetzen sein, Argumente für billiges Öl oder ähnliches werden kommen. Die schnellere und einfachere Rettung wäre, alles wieder aufzubauen wie zuvor.

Und der Weg der nachhaltigen Wirtschaft?

Wenn wir etwas gelernt haben, nehmen wir das zum Anstoß, eine nachhaltigere Wirtschaft und Gesellschaft aufzubauen. Langfristig wäre dies die bessere Lösung. Aber je größer die Wirtschafts- und Sozialkrise wird, desto mehr wird die Frage kommen: Hat man überhaupt noch freie Valenzen, um die Wirtschaft und Gesellschaft umzubauen?

Welchen Weg werden wir nehmen?

Das kann ich nicht beurteilen. Ich hoffe auf den zweiten.

Europa machte mit der Vision von Ursula von der Leyen und dem "European Green Deal", der die EU bis 2050 klimaneutral machen will, im Dezember 2019 einen Schritt in die richtige Richtung.

Was in der EU losgetreten wurde durch den Deal, ist bemerkenswert. Zu befürchten ist jetzt aber, dass durch den zeitlich "unglücklichen Zufall" Corona der ganzen Bewegung der Schnauf genommen wird. Und es ist nicht sicher, ob wir diesen Spirit wieder hinkriegen.

Wie beeinflusst die Corona-Krise den Kampf gegen den Klimawandel?

Für das Klima wäre es am besten, wenn Corona nicht stattgefunden hätte. Dann hätten wir uns auf die Umsetzung des Pariser Abkommens konzentrieren können. Je länger die Krise andauert, desto schlechter für das Klima.

0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Interview

"Die Menschheit kann nicht ständig wachsen, ohne dass sie am Ende bezahlen muss"

Aber wenigstens der Natur tut Corona gut. Das hören, lesen oder sagen wir immer wieder. Wir sehen Pinguine, die durch Kapstadt watscheln oder Delphine, die im Bosporus in Istanbul herumschwimmen und denken insgeheim: Ein Gutes hat das Virus ja doch.

Aber stimmt das wirklich? Abgesehen davon, dass es ein recht zynischer Gedanke ist, für ein hehres Ziel wie den Naturschutz einfach mal eben den Tod von bisher über 240.000 Menschen in Kauf zu nehmen, stimmt die Rechnung auch nicht ganz. Darauf …

Artikel lesen
Link zum Artikel