Interview
BERLIN, GERMANY - AUGUST 29: Coronavirus skeptics and right-wing extremists seen outside the Reichstag building as they march in protest against coronavirus-related restrictions and government policy on August 29, 2020 in Berlin, Germany. City authorities had banned the planned protest, citing the flouting of social distancing by participants in a similar march that drew at least 17,000 people a few weeks ago, but a court overturned the ban. (Photo by Omer Messinger/Getty Images)

Demonstranten trugen am vergangenen Samstag unter anderem die Reichskriegsflagge, ein Symbol, das häufig von Rechtsradikalen genutzt wird. Bild: Getty Images Europe / Omer Messinger

Interview

Heilpraktikerin heizte Corona-Demonstranten an – sie ist kein Einzelfall

Reichskriegsflaggen neben Regenbogenfahnen, Dreadlocks neben kahl rasierter Glatze. Es war eine merkwürdige und sehr bunte Mischung an Menschen, die sich am vergangenen Samstag in Berlin zur Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen traf. Längst nicht alle hatten einen rechtsradikalen Hintergrund oder glaubten an Verschwörungsmythen.

Einige Anliegen waren ganz rational nachvollziehbar: Menschen, die sich in ihrer beruflichen Existenz bedroht sehen, Freiberufler aus dem Veranstaltungsbereich, die seit Monaten kein Geld verdienen können und bei denen die staatlichen Hilfen von Olaf Scholz' "Bazooka" nicht ankommen. Aber auch Ärzte, die dagegen protestieren, dass große Teile der Kliniken für Corona-Fälle reserviert sind, Herz-OPs verschoben wurden oder Schlaganfall-Patienten sich aus Angst vor dem Virus nicht mehr in die Kliniken trauten.

Die durchaus berechtigten Anliegen verschwanden jedoch hinter den ganz offensichtlich rechtsextremen Ausschreitungen rund um die Demonstration und den vielen Reichsflaggen. Die Bilder, die bleiben: Ein wütender Mob, der versucht, den Reichstag zu stürmen. Und: Eine Frau mit Dreadlocks, die die Meute dazu anheizt.

Gegen Heilpraktikerin Tamara K. wird wegen "aufwieglerischen Landfriedensbruchs" ermittelt

Tamara K. ist die Frau, die die Demonstranten zum Sturm auf die Treppe des Reichstagsgebäudes aufforderte. "Wir holen uns hier und heute unser Hausrecht", schrie sie von der Bühne. Jetzt ermittelt die Polizei wegen "aufwieglerischen Landfriedensbruchs" gegen sie, wie der "Tagesspiegel" berichtete. Wird sie am Ende verurteilt, drohen bis zu drei Jahre Haft, auch eine Geldstrafe ist möglich.

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Heilpraktikerin Tamara K. heizte die Demonstranten an. screenshot twitter

K. ist eine esoterische Heilpraktikerin aus der Eifel. Im Internet wirbt sie unter anderem damit, sich bei Massagen und in der "Krebstherapie" auszukennen. Sie steht übereinstimmenden Medienberichten zufolge der Reichsbürgerszene nah.

Die Verknüpfung zwischen Esoterik und Rechtsextremismus mag auf den ersten Blick überraschend klingen. Für Experten und Kenner der Szene ist sie das jedoch nicht. Matthias Pöhlmann, Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, ist wenig überrascht, aber umso besorgter, wie er im Interview mit watson erklärt.

"Was hier in der rechten Esoterikszene passiert, darf uns nicht egal sein."

watson: Am vergangenen Samstag marschierten Neonazis mit Esoterikern Seite an Seite. Hat Sie das überrascht?

Matthias Pöhlmann:
Nein. Ich beobachte schon länger, dass es hier eine Querfrontstrategie gibt. Hier verbünden sich Menschen, die sich mit parawissenschaftlichen Dingen beschäftigen und kritisch gegenüber den Medien, der Wissenschaft und der Politik sind.

Was verbindet diese Menschen?

Das ist eine sehr heterogene Gruppe, mit der wir es hier zu tun haben. Da sind Impfgegner und Verschwörungsgläubige dabei, aber auch Rechtsextreme und Reichsbürger. Es geht aber weniger darum, wofür sie sind, eher darum, wogegen. Sie eint ein Hass gegen die herkömmlichen Politiker und die Parteien. Die Corona-Pandemie ist da eben ein Anlass, um sich zu sammeln.

Wie organisieren sich diese Gruppen?

Es gibt Menschen, die diese Querfrontstrategie fahren und versuchen, die Stimmung auszunutzen. Ich habe die Demonstration am Samstag über den Livestream verfolgt und kannte einige der Protagonisten bei dieser Veranstaltung. Unter anderem war dort Peter Herrmann.

Wer ist das?

Das ist ein Rechtsesoteriker aus Bayern, der auch als Simultandolmetscher tätig ist und dort übersetzt hat. Er hat im Frühjahr eine Aktion gestartet, die "Nikolaikirche ist überall" heißt. Es ist ein Aufruf zum Widerstand gegen die Bundesregierung, die hier mit der DDR, einer Diktatur, gleichgesetzt wird. Dieser Aufruf wurde unter anderem auch von Bodo Schiffmann unterstützt, der ein führender Kopf der aktuellen Corona-Proteste ist. Hinzu kommen weitere Personen, die schon länger aktiv in der rechten Esoterikszene sind und die aktuelle Stimmung nutzen.

Wieso erleben diese Menschen gerade jetzt während der Coronakrise derart viel Zuspruch?

Meine These ist bereits seit mehreren Jahren, dass die moderne Esoterik ein spezielles Sensorium für gesamtgesellschaftliche Krisenlagen besitzt und die Ansprache je nach Bedürfnis anpasst. Rechtsesoteriker nutzen das, und viele halten es für harmlose Spinnerei. Das hat man bei der Reichsbürgerszene auch gedacht, bis 2016 bei einer Hausräumung in Georgensgmünd ein Polizeibeamter von einem Reichsbürger erschossen wurde. Was hier in der rechten Esoterikszene passiert, darf uns nicht egal sein.

"Wissenschaft wird als zu rational und bedrohlich empfunden."

Wie gefährlich sind esoterische Gruppen?

Man muss hier differenzieren. Nicht jeder, der sich mit Esoterik beschäftigt, steht in Gefahr, sich zu radikalisieren. Aber was ich in den vergangenen Jahren beobachte, ist eine Offenheit gegenüber antidemokratischen und teilweise auch antisemitischen Überzeugungen und insbesondere Verschwörungserzählungen. Gefährlich wird es dann, wenn der Hass und die Frustration so sehr zunehmen, dass man gewisse Feinde ausmacht und zur Zielscheibe erklärt. Gefährlich wird es dann, wenn antisemitische und rassistische Auffassungen vertreten werden. Das sind Vorstellungen, die mit unserem freiheitlich-demokratischen System und mit der Menschenwürde nicht zu vereinbaren sind.

"Tamara K. offeriert auf ihrer Internetseite höchst fragwürdige esoterische Methoden. Das ist kein Zufall."

Warum sind Esoteriker so anfällig für Verschwörungserzählungen?

Das hängt damit zusammen, dass die moderne Esoterik sehr modernitätskritisch ist. Das ist kein neues Phänomen und hat seine Wurzeln im 19. Jahrhundert. Auf der inzwischen gesperrten Homepage von Tamara K. findet sich auch ein Zitat von Rudolf Steiner, einem der wichtigsten Vertreter der Systemesoterik. Und gleichzeitig schreibt sie, dass sie Anhängerin von Heinz Grill ist, einem umstrittenen Yoga-Guru, der die Anthroposophie mit eigenen Erkenntnissen anreichert. Zusätzlich offeriert sie auf ihrer Internetseite höchst fragwürdige esoterische Methoden. Das ist kein Zufall.

Rudolf Steiner (1861 - 1925)

Rudolf Steiner war der Begründer der Anthroposophie und der Waldorfpädagogik. Seine auch heute noch populäre Weltanschauung gründet auf der Annahme von hellseherischen Fähigkeiten. In den letzten zwanzig Jahren geriet Steiners Theorie immer mehr in Kritik, rassistisch und antisemitisch zu sein.

Weshalb?

Diese Mischung dokumentiert einen typischen esoterischen höheren Erkenntnisanspruch. Rudolf Steiner erklärte, dass er in einer Art Welt-Chronik, der Akasha-Chronik, gelesen habe und daher ein Wissen habe, über das andere nicht verfügen. Heutige Esoteriker berufen sich ebenfalls auf ein höheres intuitives Wissen, das nur Sensitiven, Erleuchteten und nicht über den Verstand zugänglich ist. Das führt häufig zu einer Ablehnung der modernen Wissenschaft, Medizin …

… und macht sie empfänglicher für Verschwörungserzählungen.

Exakt. Wissenschaft wird als zu rational und bedrohlich empfunden, das ebnet den Weg für alternative Erklärungsmuster und Weltdeutungen.

Gibt es auch eine ideologische Schnittmenge zwischen Neonazis und Esoterikern?

Vor allem bei rechten Esoterikern, die antisemitische und rassistische Einstellungen vertreten. Es gibt in diesen systemesoterischen Vorstellungen auch Entwürfe für Entwicklungsmodelle, bei denen Menschenrassen eine Rolle spielen und einige Rassen als höherwertiger betrachtet werden. Hinzu kommt, dass etwa die antisemitischen "Protokolle der Weisen von Zion" – erwiesenermaßen eine Fälschung – als eine authentische historische Quelle betrachtet werden.

"Oft stecken ganz individuelle Lebensthemen dahinter."

Es gibt in Deutschland viele Millionen Menschen, die an Homöopathie glauben. Das ist eine Medizin, deren Wirksamkeit über den Placebo-Effekt hinaus nicht wissenschaftlich nachgewiesen ist. Viele Homöopathie-Anhänger sind auch kritisch gegenüber der Schulmedizin. Sind Globuli in diesem Sinne eine Art Einstiegsdroge?

Homöopathie ist nicht direkt esoterisch, sondern ein alternatives Heilverfahren. Ich wäre hier vorsichtig, eine direkte Verbindung herzustellen. Überschneidungen ergeben sich oft mit Impfgegnern, die esoterisch argumentieren. Es gibt aber auch in der Esoterikszene spezielle Heilungsangebote. Die sogenannte Germanische Neue Medizin oder Neue Medizin ist auch in rechtsesoterischen Kreisen gerne gesehen und ist ganz klar mit antisemitischen Vorstellungen verbunden. Die Idee ist, dass die Schulmedizin von den Juden beherrscht wird und man daher eine alternative neue Medizin entwickeln müsse.

Wie kann man Menschen, die erklärtermaßen rationale Überlegungen ablehnen, noch erreichen?

Ich kenne das Problem aus der Sektenberatung. Es bleibt eine Gratwanderung. Verschwörungsideologische Vorstellungen können ein geschlossenes Weltbild erzeugen. Ihre Anhänger teilen die Welt in Schwarz und Weiß und zählen sich selbst zu den Erleuchteten. Die Außenwelt wird als bedrohlich und feindlich erlebt. Was hilft, ist, die Motivation dieser Verschwörungsgläubigen genauer zu betrachten.

Die da wäre?

Oft stecken ganz individuelle Lebensthemen dahinter. Viele steigen über Ernährungs- und Gesundheitsthemen ein und rutschen dann immer weiter in esoterische Sonderwelten ab. Das hängt auch mit dem Totalitätsanspruch der Esoteriker zusammen. Letztendlich bleibt in deren Weltbild keine Frage offen. Jeder findet sich mit seinen individuellen Bedürfnissen wieder, dabei geht es oft um sehr persönliche Probleme und Sehnsüchte dieser Menschen.

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Michael Pöhlmann beschäftigt sich mit Sekten und religiösen Weltanschauungen. Bild: ELKB / Michael McKee

Was raten Sie Angehörigen von Verschwörungsgläubigen?

Fanatische Verschwörungsgläubige wird man nicht überzeugen können. Es gibt aber noch solche, die gesprächsbereit sind. Wichtig ist es für Angehörige, soweit möglich, Kontakt zu halten, sich aber auch klar zu positionieren und rote Linien zu benennen. In jedem Fall kann es hilfreich sein, sich an eine Beratungsstelle zu wenden.

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