Fußball
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Als Fußball 1969 für Krieg zwischen El Salvador und Honduras sorgte

Dominik Sliskovic
Dominik Sliskovic

Fifa-Präsident Gianni Infantino, DFB-Manager Oliver Bierhoff, Kreml-Boss Wladimir Putin: Sie alle betonten während der WM 2018 gebetsmühlenartig, dass Sport nicht gleich Politik sei und diese zwei Themen getrennt voneinander betrachtet werden müssen – was natürlich absoluter Quatsch ist, man schaue sich nur die Nationalismus-Debatte an, die zu jedem Fußballgroßturnier losgetreten wird.

Fußball hat nicht nur eine einende, sondern auch eine spaltende Kraft.

Dass diese jedoch ernsthaft stark genug ist, um einen Krieg auszulösen, mag der ein oder andere bezweifeln. Die Bürger von Honduras und El Salvador mussten 1969 jedoch genau das erleben. Und dabei sprechen wir nicht vom Schrebergartenscharmützel, das du dir jede Woche mit dem Nachbarn lieferst, der zur rivalisierenden Mannschaft hält. Sondern von einem bewaffneten, militärischen Konflikt, der mehrere Tausend Todesopfer forderte.

1969 kämpften die beiden zentralamerikanischen Staaten um die Qualifikation zur Fußball-Weltmeisterschaft, die im darauffolgenden Jahr in Mexiko stattfand. Anfang Juni ging es für El Salvador zum Hinspiel ins benachbarte Honduras, wo sie nicht gerade mit offenen Armen begrüßt wurden: Die Scheiben des Teamhotels wurden eingeschlagen, Böller gezündet, Krawall gemacht. An Schlaf war für die Elf El Salvadors nicht zu denken.

Die Partie am darauffolgenden 8. Juni ging chancenlos 0:1 verloren. Berichten zufolge erschoss sich eine junge salvadorianische Patriotin nach Abpfiff selbst – sie ertrug die erlittene Schmach nicht. ("Spiegel")

Honduras' Nationalmannschaft durfte keine Gastfreundschaft erwartet haben, als sie am 15. Juni zum Rückspiel nach San Salvador reiste, doch die Zustände, die sie in der Nacht vor dem Anpfiff erlebten, entbehrten jeglichen Respekts: Fäkalien flogen durch zertrümmerte Fenster, tote Ratten gleich hinterher. Wie die Kicker El Salvadors sollten auch sie kein Auge zumachen und die Partie mit einem deutlichen 0:3 abschenken. Noch am selben Abend starben zwei Fans aus Honduras, die es gewagt hatten, ihrem Team ins Nachbarland zu folgen.

Weil 1969 die Tordifferenz in K.o.-Spielen noch nicht entscheidend war, endete das grausame Treiben nicht in San Salvadors Flor-Blanca-Stadion, sondern wurde nach Mexiko-Stadt getragen: Dort kam es am 26. Juni auf dem neutralen Boden des Aztekenstadions zu dem, was man in der Fußballterminologie gerne "Entscheidungsschlacht" nennt.

Endlich begegneten sich die Spieler beider Länder auf Augenhöhe.

Mit 2:2 ging die Partie in die Verlängerung, ehe Pipo Rodriguez zur Stelle war: Der Außenstürmer stahl sich von seinem Manndecker Azulejo Bulnes davon und netzte zum entscheidenden 3:2 für El Salvador ein. Im über 100.000 Menschen fassenden Finalstadion der WM 1970 brannten Fahnen und Sitzschalen. Die 5.000 schwerbewaffneten mexikanischen Polizisten, die das Pulverfass ruhig halten sollten, waren nicht mehr Herr der Lage: zahllose Zuschauer starben in den gewalttätigen Wirren.

"Als wir aus Mexiko nach Tegucigalpa (Hauptstadt von Honduras, Anm. d. Red.) zurückkamen, war der Fußball längst Nebensache. Wir fürchteten, dass es Krieg geben würde, auch wenn wir uns nicht vorstellen konnten, dass El Salvador uns wirklich angreift", erzählte Pechvogel Azulejo Bulnes Jahre später im Interview. ("11 Freunde")

Bewegtbilder vom "Fußballkrieg" 1969:

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Video: YouTube/Krakatoa Apocalypse

El Salvador sollte Honduras nicht wegen drei Fußballspielen angreifen – die dienten der Führung von Präsident Fidel Sanchez Hernandez nur als Vorwand.

Ihnen ging es um viel mehr: Seit den 1950er-Jahren hatten hunderttausende Salvadorianer ihre überbevölkerte Heimat auf der Suche nach Ackerland in Richtung Honduras verlassen. Die Migranten wurden dabei auch auf brachliegendem Grund honduranischer Großgrundbesitzer heimisch. Nach Jahren der Duldung griff die Regierung von Honduras im Frühling 1969 rigoros durch und ließ salvadorianische Staatsbürger durch paramilitärische Kräfte vertreiben. Die humanitäre Situation im nur gut 21.000 Quadratkilometer großen El Salvador (entspricht in etwa der Fläche Hessens) litt drastisch unter den zurückströmenden Kleinbauern.

Nach der Niederlage gegen ihren Nachbarn weitete Honduras seine Deportationspolitik aus, was El Salvador mit anti-honduranischer Stimmungsmache quittierte: Im Radio und in  Zeitungen wurde über Folter und Völkermord berichtet – angetrieben von El Salvadors Regierung.

Schlichtungsversuche der UN und der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) trafen zu diesem Moment auf taube Ohren. Am 14. Juli 1969 ließ El Salvadors Befehlshaber Sanchez Hernandez den Flughafen von Honduras Hauptstadt Tegucigalpa bombardieren – ohne vorherige Kriegserklärung.

Kurz darauf begannen Bodentruppen die Grenze nach Honduras zu überqueren.

Innerhalb weniger Stunden dringen sie über 70 Kilometer ins Landesinnere Honduras' ein. Honduras reagierte seinerseits mit Luftangriffen auf Ziele in El Salvador, war jedoch militärisch nicht in der Lage, sich aus seiner misslichen Lage zu befreien. UN und OAS redeten auf die Kriegsparteien ein, die USA gestanden eine moralische Mitschuld ein, hatten sie doch erst 1968 beiden Ländern eine üppige Militärhilfe gezahlt. ("Spiegel")

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Internierte Salvadorianer in Honduras am 18. Juli 1969 Bild: UPI

Am 18. Juli siegte die Diplomatie über den militärischen Wahnsinn: Sanktionsdrohungen zwangen El Salvadors Präsidenten Sanchez Hernandez zum Ende des bewaffneten Kampfes und zum Rückzug seiner Truppen aus Honduras. Nur 100 Stunden dauerte der "Fußballkrieg", doch seine Zahlen lesen sich nichtsdestotrotz verheerend: bis zu 6.000 Tote, 15.000 Verletzte, 50.000 Ausgebombte. ("Spiegel")

Für El Salvador sollte der 18. Juli nicht das Ende, sondern der Beginn einer traumatischen Zeit werden.

Die von Präsident Fidel Sanchez Hernandez eingeforderte friedliche Rückkehr der vertriebenen Salvadorianer nach Honduras sollte niemals durchgeführt werden. Die Einwohnerzahl des kleinen Staats wuchs in kürzester Zeit dramatisch an, die Sozialpolitik kollabierte. ("Welt")

So schlitterte El Salvador 1980 – im selben Jahr, in dem endlich der offizielle Friedensvertrag mit Honduras geschlossen wurde – in einen elfjährigen Bürgerkrieg, der das Land in seiner Entwicklung um Jahrzehnte zurückschmiss.

Pipo Rodriguez, der bis heute das zweischneidige Schwert mit sich trägt, El Salvador zu seiner ersten WM-Teilnahme, aber auch in einen Krieg geschossen zu haben, würde sich trotz allem nie gegen seinen Treffer entscheiden:

"Ich würde alles nochmal so machen. Ich war doch Stürmer, das war doch meine Aufgabe."

Pip Rodriguez "11Freunde"

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