Klima
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2010 guckte sich die Kanzlerin persönlich an, wie das mit der Windkraft so funktioniert. Bild: Getty

Die deutsche Energiewende ist besser als ihr Ruf

Dreckige Kohlekraftwerke und hohe Strompreise: Die Energiewende in Deutschland steht in der Kritik. Ein Faktencheck zeigt: Nicht alles, aber vieles läuft in die richtige Richtung.

Peter Blunschi / watson.ch

Die Klimakrise schärft das Bewusstsein für die Notwendigkeit des Ausstiegs aus den fossilen Energiesystemen. Eine Vorreiterrolle bei dieser Energiewende spielt Deutschland.

Ihre Anfänge reichen zurück bis in die 1970er Jahre. Richtig Fahrt auf nahm sie ab 2000 mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) der rotgrünen Regierung von Gerhard Schröder.

Mit dem Atomausstieg, der 2011 nach Fukushima von der Regierung Merkel definitiv beschlossen wurde, setzten die Deutschen erst recht auf erneuerbare Energien. Die bisherige Bilanz kann sich sehen lassen. 2019 stieg ihr Anteil am Stromverbrauch auf fast 43 Prozent. "Damit erzeugten Wind-, Wasserkraft-, Solarstrom- und Biogasanlagen erstmals mehr Strom als Kohle- und Kernkraftwerke zusammen", hält der Thinktank Agora Energiewende fest.

Dennoch steht die Energiewende in der Kritik. Diese zielt vor allem auf den Betrieb der Kohlekraftwerke mit ihrem klimaschädlichen CO2-Ausstoß und die im europäischen Vergleich hohen deutschen Strompreise. Ist die deutsche Energiewende also misslungen?

Die Schweizerische Energie-Stiftung (SES), die sich der Förderung erneuerbarer Energien verschreibt und sich größtenteils aus privaten Spenden finanziert, hat die Behauptungen einem Faktencheck unterzogen. Die Analyse zeigt, dass die meisten Vorwürfe gegenüber der Energiewende einer genauen Betrachtung nicht standhalten. Hier einige wichtige Punkte:

"Die Energiewende ist zu teuer und ineffizient"

Der Umbau des Energiesystems erfordert Investitionen. In der Kostendiskussion werden laut SES jedoch oft irreführende Zahlen verwendet, die "einer ganzheitlichen Kostenbetrachtung nicht genügen". Das betreffe etwa die Vermeidung der externen (Umwelt-)Kosten.

Unter dem Strich führe der Ersatz fossil-nuklearer Energieträger durch erneuerbare Energien "zu einer positiven volkswirtschaftlichen Kosten-Nutzen-Bilanz". Dieser Effekt verstärke sich mit der Zeit.

"Die Haushalte leiden unter hohen Strompreisen"

Deutschland produziert nicht zu wenig, sondern zu viel Strom. Die Preise an der Strombörse sind neben Luxemburg die tiefsten in Europa. Dennoch seien die Endkundenpreise signifikant angestiegen, räumt die SES-Studie ein. Dies sei auf die Konstruktion der EEG-Umlage und weit gefasste Ausnahmen für Großverbraucher zurückzuführen.

Der Ausbau erneuerbarer Energien wird allein von Privaten und kleinen Gewerbekunden finanziert. Der hohe Strompreis werde jedoch durch Effizienzgewinne zumindest teilweise kompensiert. Das Total der jährlichen Stromrechnung deutscher Haushalte sei vergleichbar mit den USA oder Japan. Ihr Anteil am Haushaltseinkommen sei mit rund 2,5 Prozent etwa gleich hoch wie vor 40 Jahren.

"Treibhausgasemissionen sind kaum gesunken"

Bislang galt es als ausgemacht, dass Deutschland das Klimaziel für 2020 (minus 40 Prozent Treibhausgasemissionen gegenüber 1990) verfehlen wird. Nun rückt es zumindest in greifbare Nähe, denn laut den Zahlen von Agora Energiewende wurde 2019 ein Wert von 35 Prozent erreicht, weil deutlich weniger Strom aus Braun- und Steinkohle produziert worden sei.

Hauptgrund seien die gestiegenen Preise für CO2-Zertifikate im EU-Emissionshandel. Dadurch seien fossile Kraftwerke 2019 zeitweise nicht mehr wettbewerbsfähig gewesen.

Den größten Beitrag zum Rückgang der Emissionen seit 1990 leistete jedoch der Ausbau der erneuerbaren Energien. Auch der Strukturwandel im Osten und Effizienzmaßnahmen spielten laut SES eine wichtige Rolle.

"Deutschland ist abhängig von Atomstromimporten und Kohlestrom"

Deutschland ist seit 2003 Nettoexporteur von Strom. Der sukzessive Atomausstieg seit 2011 werde durch den Ausbau der "Erneuerbaren" mehr als kompensiert.

Zwar habe die Kohlestromproduktion kurzfristig zugenommen, aber nur von 2011 bis 2014. Der Grund dafür war laut SES-Papier nicht die Stilllegung von AKWs, sondern der Preisverfall bei CO2-Zertifikaten und fossilen Brennstoffen. Dies habe Kohlekraftwerke rentabler gemacht, doch 2015 sei der Aufwärtstrend gestoppt worden.

"Erneuerbare gefährden die Versorgungssicherheit"

Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass eine zu 100 Prozent erneuerbare Energieversorgung für Deutschland machbar sei. Die dezentrale und schwankende Einspeisung durch erneuerbare Energien stelle "die Stromsysteme vor neue Herausforderungen", heißt es im SES-Papier.

Negative Auswirkungen auf die Versorgungsqualität seien jedoch bislang nicht zu beobachten. Die deutsche Stromversorgung gehöre mit zu den stabilsten und zuverlässigsten Europas.

"Die Energiewende ist in der Bevölkerung unbeliebt"

Die Zustimmungsraten sind seit Jahren hoch, und mit dem "Greta-Effekt" haben sie weiter zugenommen. Im ZDF-Politbarometer wird das Thema "Klima/Energiewende" seit Mai 2019 konstant als wichtigstes Problem genannt. Zur Akzeptanz trägt auch die Bürgernähe bei. "Mehr als 40 Prozent der erneuerbaren Anlagen sind in Bürgerhand", heißt es im SES-Faktencheck.

Fazit

Ist also alles auf Kurs? Es gibt durchaus Kritikpunkte. So haben die CO2-Emissionen anders als im Stromsystem bei Gebäuden und Verkehr sogar zugenommen. Die Menschen in Deutschland haben sich 2019 so viele SUVs wie nie zuvor angeschafft. Dadurch bestehe die Gefahr, dass auf den Rückgang der vergangenen Jahre im Zeitraum 2020 bis 2022 wieder ein Anstieg folge, warnt Agora Energiewende.

Der heikelste Punkt aber ist ein Einbruch beim Ausbau der Windenergie um mehr als 80 Prozent. Zu den Gründen gehören die Umstellung auf ein Ausschreibungssystem, bei dem Bürgergenossenschaften nicht mehr mitbieten können, aber auch eine Erhöhung des Mindestabstands von Windrädern zu Wohnsiedlungen in Bayern. Dort entstehen deshalb praktisch keine neuen Anlagen.

"Das Arbeitspferd der Energiewende"

Patrick Graichen, Direktor von Agora Energiewende, fordert die Bundesregierung in einer Mitteilung auf, die Rahmenbedingungen rasch zu ändern, damit die Windkraft wieder voran komme: "Sie ist das Arbeitspferd der Energiewende." Ohne neue Windkraftwerke würden weder der Kohleausstieg bis 2038 noch die Klimaschutzziele erreicht.

Auch für Tonja Iten, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Schweizerischen Energiestiftung und verantwortlich für den Faktencheck, ist der Einbruch bei den Windkraftwerken "das große Problem" der Energiewende. "Es ist nicht alles super", betont sie gegenüber watson, "aber wir wollten zeigen, dass viel erreicht wurde und die Energiewende eine Erfolgsgeschichte ist."

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