Eine Helferin springt über das Wasser auf den Straßen (in Bad Münstereifel).
Eine Helferin springt über das Wasser auf den Straßen (in Bad Münstereifel).
Bild: dpa / Roberto Pfeil
watson-Story

Aufräumen nach dem Hochwasser – Helferin berichtet: "Ich habe viele Menschen weinen sehen"

21.07.2021, 10:3829.07.2021, 06:38
malin messina

Auch noch Tage nach den verheerenden Unwettern in westdeutschen Gebieten bleibt die Lage in den Hochwasser-Regionen unübersichtlich. Viele Anwohner in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und auch Bayern verloren ihren kompletten Hausstand und sind nun dabei die Trümmer aufzulesen, die von der Flut übrig geblieben sind.

Doch nicht nur Hilfsorganisationen, auch Zivilisten packen mit an. Die Feuerwehr und Polizei rät zwar dringend davon ab, sich eigenmächtig ins Katastrophengebiet zu begeben, da Spontanhelfer koordinierte Hilfsmaßnahmen erschweren würden und sich selbst in Gefahr brächten. Doch vor allem die in der Region ansässigen Menschen helfen sich gegenseitig, wo sie nur können - und das oft schnell und unbürokratisch.

Helferin berichtet von den Auswirkungen der Flut-Katastrophe

Malin Messina ist Kosmetikerin und lebt mit ihrem Mann in Hagen-Hochschulviertel in NRW. Sie nahm die drei Kinder ihrer Freunde vorübergehend bei sich auf, nachdem deren Haus komplett überflutet wurde. Gegenüber watson berichtet die 31-Jährige, wie chaotisch es derzeit auf den Straßen aussieht und wie die Menschen durch das Hochwasser näher zusammenrücken.

"Die Straßen sind jetzt wieder trocken, aber überall stapeln sich nun riesige Haufen Müll, die einst Besitztümer von Menschen waren."

"Unsere Wohnung und Gegend war Gott sei Dank nicht vom Hochwasser betroffen. Ich hatte vor allem Angst um Menschen, die mir viel bedeuten und in der Nähe eines Flusses wohnen. Überall ist der Strom teilweise noch abgeschaltet, mein Mann hat zwei Tage Homeoffice gemacht, da sein Weg zur Arbeit überflutet war.

Die Straßen sind jetzt wieder trocken, aber überall stapeln sich nun riesige Haufen Müll, die einst Besitztümer von Menschen waren. Alles ist kaputt. Die sorgsam gestapelten Sachen, die nun auf offener Straße herumliegen, werden ständig von Fremden durchwühlt und dann wieder auf die Straße geworfen.

Auch unsere Freunde, die Familie Paul, haben Angst vor den Plünderungen, die sich schon herumgesprochen haben. Ihr Haus stand im Erdgeschoss 30 bis 40 Zentimeter komplett unter Wasser, der ausgebaute Keller, indem ihre 16-jährige Tochter ihr Zimmer hatte, ist komplett zerstört. Die Öl-Heizungsanlage im Haus wurde von den Wassermassen zerdrückt, daher riecht es jetzt überall nach Öl und natürlich gibt es keinen Strom mehr, da die gesamte Elektrik im Haus hinüber ist. Sie haben fast alles verloren.

Ich möchte ihnen helfen, so gut es möglich ist, und habe ihre Kinder daher bei uns aufgenommen, die Eltern fanden bei einer Cousine Platz. Die Familie brauchte einen Ort zum Schlafen und etwas Warmes zu Essen. Wo andere Betroffene unterkommen, weiß ich nicht, die Hotels in Hagen sind schon komplett ausgebucht. Ich bin froh und dankbar, dass wir verschont blieben und nun etwas zurückgeben können.

"Jeder in der Gegend kann mithelfen, das muss nicht mal viel Geld kosten."

Einige hier haben alles verloren, andere gar nichts. Das ist eine sehr surreale Situation. Ich erinnere mich, wie wir am Tag nach dem Hochwasser mit den völlig erschöpften Kindern unserer Freunde im Auto nach Hause fuhren, nachdem wir stundenlang verzweifelt versucht hatten, die gröbsten Schäden zu beseitigen. Wir waren voller Matsch und Öl und kamen an der Hagener Innenstadt vorbei, wo Menschen mit Shoppingtüten durch die Gegend schlenderten.

Flut-Opfer haben die Hilfe dringend nötig

Es fühlte sich geradezu makaber an. Auf der einen Seite mussten Menschen dabei zu sehen, wie sie alles verlieren und auf der anderen Seite ging es zum Einkaufsbummel. Das kann ich nicht verstehen. Ich finde, jeder in der Gegend kann mithelfen, das muss nicht mal viel Geld kosten. Es reicht auch mal ein paar Flaschen Wasser zu verteilen, weil wir das Leitungswasser ja derzeit nicht trinken dürfen. Es sind so Kleinigkeiten, die den Betroffenen Trost schenken.

Nach dem Unwetter stapeln sich die Habseligkeiten der Menschen auf Hagens Straßen.
Nach dem Unwetter stapeln sich die Habseligkeiten der Menschen auf Hagens Straßen.
Bild: www.imago-images.de / Anja Cord

Mein Mann ist jeden Tag vor Ort und hilft bei den Aufräumarbeiten, auch eine Freundin aus Dortmund kam vorbei, um tatkräftig Hilfe zu leisten. Es ist schön zu sehen, wie viele Menschen mit anpacken und ihre Hilfe anbieten. Viele bringen den Helfern und den Betroffenen Kaffee und Essen vorbei. Dennoch ist es traurig mit anzusehen, wie viel die Betroffenen hier verloren haben.

Ich habe viele Menschen weinen sehen, sie sind einfach fassungslos. Ein Großteil der Anwohner sind nicht einmal gegen solche elementaren Flutschäden versichert, weil sie niemals mit einer solchen Katastrophe gerechnet haben. So eben auch meine Freunde aus Hagen-Eilpe. Sie wissen momentan nicht einmal, wie lange die Statik ihres Hauses dem Wasser noch standhält, dafür müssten sie einen Statiker beauftragen, die sind aber derzeit rar.

"Ich habe viele Menschen weinen sehen, sie sind einfach fassungslos."

Die gut gemeinten Sachspenden, die derzeit ankommen, bringen den Betroffenen oft nicht viel, solange ihre Häuser nicht komplett trocken sind. Die Menschen wissen ja gar nicht, wohin mit all den Dingen, geschweige denn wohin mit sich selbst.

Mit einer Menschenkette befördern Helfer Sandsäcke an ein brüchiges Uferteil der Erft (in NRW).
Mit einer Menschenkette befördern Helfer Sandsäcke an ein brüchiges Uferteil der Erft (in NRW).
Bild: dpa / Roberto Pfeil

Die Hilfe, die aktuell benötigt wird, ist eher praktischer Natur, zum Beispiel Kinderbetreuung. Wir wissen nicht, wie viele Kindergärten von der Flut betroffen sind, aber die Kleinen müssen ja irgendwo unterkommen, solange die Aufräumarbeiten dauern und noch dazu sind Ferien. Die Kinder meiner Freunde sind zumindest fix und fertig und momentan über jede Ablenkung dankbar.

Damit sie bald wieder ein Dach über dem Kopf haben, haben wir mit unseren Freunden ein Spendenkonto für die Familie Paul eingerichtet, jeder Betrag hilft ihnen, denn sie sind durch die Flutkatastrophe ruiniert. Sollte Geld übrigbleiben, würde das an andere Hochwasser-Opfer weitergegeben.

Von der Politik fordere ich schnellere Soforthilfen für die Betroffenen. Denn bislang weiß noch keiner, ob er überhaupt Geld erhält und wann da welche Beträge ausgezahlt würden. Die Gesellschaft ist jetzt gefragt. Meine Bitte an die Menschen ist daher: Haltet durch und haltet zusammen!"

Wie kann man helfen?

Freiwillige Helfer in den betroffenen Gebieten sollten sich an die jeweiligen Landkreisverwaltungen wenden, um zu erfahren, was benötigt wird oder sich unbürokratisch über soziale Netzwerke informieren. Dort findet man unter anderem lokale Hilfsaktionen, um ein Obdach anzubieten, Kinder aus der Region zu beschenken oder Haustiere aufzunehmen.

Die Lager für Sachspenden sind in den Hochwasser-Gebieten oft schon überfüllt und nehmen zum Teil nichts mehr an. Damit die Hilfsorganisationen besorgen können, was im Moment tatsächlich nötig ist (z.B. Lebensmittel, Gummistiefel und Spaten) bitten Sie aber um Geldspenden.

Spendenkonten für Hochwasser-Opfer

Das Deutsche Rote Kreuz hat ein Spendenkonto eröffnet, um die Versorgung evakuierter Menschen, zum Beispiel aus Pflegeheimen, zu sichern.

Die Aktion Deutschland Hilft setzt Geldspenden unter anderem ein, um vom Unwetter betroffenen Familien Pumpen und Generatoren zum Entwässern ihrer Häuser zur Verfügung zu stellen.

Das Technische Hilfswerk hat ein Spendenkonto für Flutopfer, als auch eines extra für ihre Helfer gegründet, die zum Teil selbst ihr Hab und Gut verloren.

Protokoll: Julia Dombrowsky

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