LGBTQ
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und die Werbung von watson und Werbepartnern zu personalisieren. Weitere Infos: Datenschutzerklärung.
Bild

Zwei der Nachrichten, die ein minderjähriger Schüler laut "Buten un Binnen" zugeschickt bekommen hat. Bild: getty images/montage:watson

Ein Mann aus Bremen soll schwule Jugendliche terrorisiert haben – jetzt wurde er angeklagt

In Bremen ist der mutmaßliche Täter einer Serie schwulenfeindlicher Hasskriminalität angeklagt worden. Er könnte für mehrere Jahre ins Gefängnis wandern.

"Ja ich bin schwul", stand auf den Zetteln, die vor mehr als zwei Jahren in der Bremer Innenstadt aufgehängt wurden. Ebenfalls darauf gedruckt: Das Foto eines Bremer Schülers. Das Zwangsouting war nur einer von vielen Einschüchterungsversuchen. Und der Schüler nur eines von mehreren Opfern.

Gegen den mutmaßlichen Täter hat die Staatsanwaltschaft Bremen jetzt Anklage erhoben. Die Anklagepunkte: Stalking, Bedrohung, Nötigung, versuchte Erpressung und Volksverhetzung. (Buten un Binnen)

Das sind die Vorwürfe:

Der mutmaßliche Täter (30) soll gezielt junge schwule Männer über das Internet ins Visier genommen und terrorisiert haben.

Dafür soll er unter anderem mehrere Social-Media-Accounts mit den Identitäten seiner Opfer erstellt haben. Die Bremer Polizei erklärte:

"Auf diese Weise erhielt der Bremer Zugang zu Freundeskreisen, erlangte damit Informationen und konnte gezielt Nachrichten streuen. Teilweise gab er sich selbst als Opfer aus, um so das Vertrauen zu erlangen und um weitere Informationen zu gewinnen, die er für seine Taten missbrauchte."

Das teilte die Polizei Bremen im Juni 2017 mit, als die Ermittlungen gegen den damals 29-Jährigen bekannt wurden.

Das Ziel der Straftaten sei es stets gewesen, "den jungen Männern Probleme zu bereiten und ihnen das Leben schwer zu machen".

"Einige wurden beispielsweise über das Internet geoutet. In anderen Fällen verkaufte der Bremer über Kleinanzeigen Tickets und Mobiltelefone im Namen der Opfer. Die Ware wurde nie geliefert, die Opfer bekamen dadurch große Probleme, da ihre Namen, Telefonnummern und teilweise auch ihre Adressen bei den betrügerischen Verkäufen angegeben wurden."

Polizei Bremen

Der Mann soll einen 17-jährigen Schüler für tot erklärt haben

Über den Fall des damals 17-jährigen Schülers, den der Mann durch Zettel an den Pranger gestellt haben soll, berichtete im Juni 2017 zuerst das Regionalmagazin "Buten un Binnen" von Radio Bremen. Dort schilderte der Schüler, was ihm passiert war. (Buten un Binnen)

Nach dem Zwangsouting in der Bremer Innenstadt habe der Mann sich regelmäßig über Facebook, Whatsapp und per Telefon bei ihm gemeldet. Mindestens 5000 Mal, schätzte der Schüler.

Der Mann soll außerdem betrügerische Geschäfte im Internet abgewickelt und Geld ergaunert haben – im Namen des Schülers. Sogar dessen Telefonnumer habe er offenbar gehackt, berichtete "Buten un Binnen". Von der Nummer des Schülers soll er dann telefonische Morddrohungen verbreitet und falsche Feuerwehreinsätze ausgelöst haben.

Ein trauriger Höhepunkt der Hass-Kampagne: Der Täter soll in einer Zeitung eine Todesanzeige für den Schüler abgedruckt haben und einen Trauer-Kranz an dessen Schule geschickt haben.

Homophobie ist immer noch ein alltägliches Problem. Wie selbstverständlich Homosexualität mittlerweile aber zum öffentlichen Leben gehört, zeigt der CSD – zum Glück!

Gibt es noch mehr Opfer?

Der gestalkte und bedrohte Schüler erstattete Anzeige bei der Polizei. Die Ermittlungen der Staatsschutzabteilung der Bremer Polizei mündeten jetzt, mehr als ein Jahr nachdem der Fall öffentlich wurde, in der Anklage durch die Staatsanwaltschaft. 

Zehn Fälle seien bekannt geworden, in vier dieser Fälle habe die Staatsanwaltschaft Anklage erhoben, berichtete der "Weser-Kurier". Möglich sei laut Staatsanwalt Frank Passade außerdem, dass sich noch weitere Opfer melden. (Weser-Kurier)

Auch die Bremer Polizei ging offenbar bereits im vergangenen Jahr davon aus, dass es mehr als die bereits bekannten Opfer gibt. Sie schrieb in einer Pressemeldung:

"Der Fall zeigt aber auch: Nicht alle Opfer homophober Gewalt wagen den Weg zur Polizei oder in die Öffentlichkeit, weil Homosexuelle aus Angst vor Repressalien nicht selten ihre Identität zu verbergen versuchen."

Polizei Bremen

Viele homophobe Straftaten werden gar nicht angezeigt

Dieses Problem bestätigt auch Markus Ulrich, Pressesprecher des Lesben- und Schwulenverbands in Deutschland (LSVD). "Grundsätzlich erblickt nur ein kleiner Teil der Hasskriminalität überhaupt das Licht der Öffentlichkeit", sagt er. Fälle "in dieser Tragweite und Skrupellosigkeit" bekomme man nicht oft mit. 

"Der Fall zeigt aber gut, welche Schicksale und welcher Hass hinter den Zahlen stehen, die in den Statistiken veröffentlicht werden, und was Stalking für die Opfer wirklich bedeutet."

Markus Ulrich vom LSVD

Es gebe verschiedene Gründe, aus denen Betroffene nicht zur Polizei gehen. "Viele denken, das bringt nichts", erklärt Ulrich. Andere hätten Angst vor einem Outing, gerade im ländlichen Raum, wo jeder jeden kennt und es kaum Anonymität gibt. Wieder andere hätten in erster Linie Angst vor einer Retraumatisierung, wenn sie den Polizisten nochmal schildern müssen, was ihnen passiert ist. Viele würden außerdem nicht zu unrecht eine fehlende Sensibilität bei der Polizei vermuten.

Von all den Fällen, die zur Anzeige gebracht werden, würden viele am Ende trotzdem nicht als Hasskriminalität in der Polizeistatistik landen, so Ulrich. Stattdessen würden sie lediglich als Körperverletzung, Beleidigung oder Stalking in die Statistik einfließen. "Berlin ist das einzige Bundesland, dass LGBTI-feindliche Straftaten in seinen Berichten überhaupt separat kennzeichnet", sagt der LSVD-Sprecher.

"Die Zahlen sind immer nur die sichtbare Spitze des Eisbergs."

Markus Ulrich vom LSVD

Um Vertrauen in der LGBTQ-Community aufzubauen, haben mehrere Polizeibehörden mittlerweile eigene Stellen eingerichtet. In Bremen gibt es etwa einen Ansprechpartner für gleichgeschlechtliche Lebensweisen, an den sich Opfer homophober Straftaten wenden können. In Berlin gibt es sowohl beim Landeskriminalamt, als auch bei der Staatsanwaltschaft Ansprechpartner für LGBTQ-Belange.

So wurde in Berlin-Neukölln gegen Homophobie und Transphobie demonstriert:

abspielen

Video: watson/Felix Huesmann, Lia Haubner

Mehr zu LGBTQ-Themen bei watson:

Ein Plakat reichte: Moskaus Polizei hat LGBTQ-Aktivist Tatchell festgenommen

Link zum Artikel

"Queer Eye": Die Umstyling-Show der Herzen meldet sich mit Trailer zurück 😍

Link zum Artikel

Trans-Menschen gelten medizinisch nicht mehr als psychisch gestört

Link zum Artikel

"Wir sind hier, wir sind queer" – so war der Tuntenspaziergang in Berlin

Link zum Artikel

Das könnte dich auch interessieren:

Warum Frauen an der Gitarre unterschätzt werden – Spoiler: Es hat mit Männern zu tun

Link zum Artikel

"Halt die Fresse, du erbärmliche Frau": Flugzeug-Crew droht 22-Jähriger mit Rausschmiss

Link zum Artikel

Zyklon "Idai": Zahl der Toten in Simbabwe auf 70 gestiegen

Link zum Artikel

Klimaschützerin Luise Neubauer: Anführerin einer wachsenden Bewegung

Link zum Artikel

19 Bilder, die dir zeigen: Es ist nicht alles, wie es scheint

Link zum Artikel

Tesla enthüllt das Model Y – so sieht es aus, und so viel kostet es

Link zum Artikel

Umstrittene Netflix-Doku zum Fall "Maddie" sorgt für Aufregung

Link zum Artikel

"Schulschwänzen nicht heilig sprechen" – Lindner schießt wieder gegen #FridaysForFuture

Link zum Artikel

Wie peinlich kann ein Sex-Date sein? Ja, lest mal dieses Jodlers Reim!

Link zum Artikel

Optische Täuschung: Künstlerin verschwindet dank Make-up in ihrer Umgebung

Link zum Artikel

Greta Thunberg in Schweden "Frau des Jahres"

Link zum Artikel

Katarina Barley: "Rabenmutter gibt's nur auf Deutsch"

Link zum Artikel

"Frauen der Mauer" von strengreligiösen Juden in Jerusalem bespuckt und beschimpft

Link zum Artikel

Wir waren mit Deutschlands bester Skaterin unterwegs. Sie ist 11 Jahre alt.

Link zum Artikel

9 Stars, denen völlig egal war, was Männer und Frauen tragen "sollten"

Link zum Artikel

In diesen Ländern haben die Frauen das Sagen (es sind immer noch zu wenige)

Link zum Artikel

Einen Tampon einzuführen erregt uns nicht und 32 weitere Wahrheiten über Frauen

Link zum Artikel

Der Tod des Patriarchats! Daenerys auf den Thron #TeamDaenerys

Link zum Artikel

"Pink Tax" für Frauen: Gleiches Produkt, gleicher Inhalt, aber teurer

Link zum Artikel

Ich habe mich mit Mama & Oma über Emanzipation unterhalten – es lief anders, als erwartet

Link zum Artikel

watson wird zur Frau! Ja, du hast richtig gelesen

Link zum Artikel

Virgin Atlantic hebt Make-up-Vorgaben auf – aber wieso gibt es die überhaupt noch?

Link zum Artikel

Sie hat alle überlebt, alleine dafür gebührt ihr der Thron #TeamSansa

Link zum Artikel

Chinesische "Harry Potter"-Fans reisten nach Sydney – sie dachten, dass dort Hogwarts sei

Link zum Artikel

#VansChallenge – Warum jetzt überall Sneaker durch die Luft fliegen

Link zum Artikel

Trumps Twitter-Feed ist verrückt? Dann schau dir mal den von Brasiliens Präsidenten an

Link zum Artikel

Die beliebtesten Länder-Slogans – erkennt ihr den Spruch eures Bundeslandes?

Link zum Artikel

Trump nennt den Apple-CEO "Tim Apple" – und die Reaktionen sind großartig

Link zum Artikel

Der Hundewurf von Straubing – und was die AfD daraus macht

Link zum Artikel

Diese Russin ist ein Insta-Star – weil sie ihr Wald-Leben inszeniert wie eine Stadt-Ikone

Link zum Artikel

So romantisch wie Fußnägelschneiden – Erster Heiratsantrag bei Jauch via Telefonjoker

Link zum Artikel

Wenn die Sonne stirbt, ist das wie ein leiser Pups

Link zum Artikel

Zitterpartie Brexit – Geht Mays Strategie schief? Und 5 weitere Fragen

Link zum Artikel

Die Oscars werden zum Queengasmus – unser Protokoll der Nacht

Link zum Artikel

Forscher stehen vor Rätsel: Was macht ein toter Wal im Dschungel?

Link zum Artikel

Darf er das? Chelsea-Torwart verweigert Auswechslung – sein Trainer tobt

Link zum Artikel

Es ist so warm in Deutschland, dass auch schon die Mücken unterwegs sind

Link zum Artikel

Grimassen und getretene Kleider – 13 Dinge, die du in der Oscar-Nacht verpasst hast

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Kramp-Karrenbauer hat nicht einfach einen Witz gemacht – sie denkt wirklich so

Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer steht nach ihrer "Comedy-Einlage" beim Stockacher Narrengericht in der Kritik. Sie befördere LGBTI-feindliche Stimmungen, sagen die einen. Sie habe nur einen Witz gemacht und werde nun zum Opfer einer Empörungskultur, meinen andere.

Kramp-Karrenbauers Auftritt ist jedoch mehr als ein dumpfer Fastnachts-Gag. Denn mehrere Äußerungen aus den vergangenen Jahren zeigen: Die CDU-Chefin denkt wirklich so.

AKK handelt sich nicht zum ersten Mal einen …

Artikel lesen
Link zum Artikel