Feminismus
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und die Werbung von watson und Werbepartnern zu personalisieren. Weitere Infos: Datenschutzerklärung.
Oksana Shachko, activist of women's rights group Femen, speaks while painting a wall of her room in Kiev, Ukraine February 21, 2012. Picture taken February 21, 2012. REUTERS/Gleb Garanich

Oksana Schatschko 2012 in Kiew. Bild: GLEB GARANICH/Reuters

Von Nonne zu nackt – das extreme Leben der toten Femen-Aktivistin

Oksana Schatschko war die Kreativchefin von Femen. Dabei wollte sie einmal etwas ganz Anderes. Ihr viel zu früher, rätselhafter Tod mit 31 Jahren ist ein Verlust. Sie war eine Gute.

Simone Meier / watson.ch

Oksana Schatschko ist jetzt tot. Und zu den vielen Eindrücken, die sie auf Menschen machte, den Spuren, der Kunst, der Kraft, die sie hinterlässt, gehört auch ein Film: "Je suis Femen" von Alain Margot, einem Filmemacher aus der Romandie.

"Meine Tochter ist eine Jeanne d'Arc oder eine Clara Zetkin. Sie ist eine Revolutionärin", sagt ihre Mutter stolz im Film. Und dass sie ihrer Oksana leider außer ihrer grenzenlosen Liebe und ihrer mütterlichen Angst nicht viel mehr mitgeben könne. Oksana kämpfte gegen Ideen und Ideologien. "Keine Idee ist es wert, dass ein Mensch sein Leben lässt und ich mein Kind verliere", sagt die Mutter.

Der Film beginnt mit einem Femen-Protest in Kiew – gegen das Schicksal einer andern Oksana. Sie ist erst 18, wurde von drei Männern bewusstlos geschlagen, vergewaltigt, in ein Tuch gewickelt und angezündet. Während die Femen-Frauen mit nackten Brüsten die Kastration der Vergewaltiger fordern, liegt sie auf der Intensivstation. Arme und Beine mussten bereits amputiert werden. Wenig später stirbt sie. Zwei der Täter sind schon wieder frei, sie sind die Söhne ehemaliger Beamten. 

📷 @michele_yong 📰 @bansheepublications 🔅 @ceciliagranara

Ein Beitrag geteilt von Oxanashachko (@oksanashachko) am

Dies ist das letzte Bild von Oksana Schatschko, es entstand Ende Juni 2018 in ihrem Pariser Atelier.

Vier Frauen haben Femen gegründet, Oksana ist eine davon. Sie haben sich im ukrainischen Provinzstädtchen Chmelnyzkyj gefunden, sie waren damals 14 und 15 Jahre alt, interessierten sich für Philosophie und Protest, aber auch für Mode und Beauty. 2008, als Oksana 21 ist, gründen sie Femen, ihre erste Aktion heißt "Die Ukraine ist kein Bordell" und wendet sich gegen Mädchenhandel, zwei Jahre später beginnt der Kampf mit den nackten Brüsten. Es ist ihre "Radikalisierung", sagt Oksana, die Medienaufmerksamkeit ist ihnen sicher. Femen ist "aggressiv, stark, schön und sexy". Und sehr, sehr laut. 

Ready for a world war 🚀🎉

Ein Beitrag geteilt von Oxanashachko (@oksanashachko) am

Das Patriarchat, befinden sie, sei nicht nur der Feind der Frauen, sondern der Feind aller Menschen. Und der Tiere. In Kiew protestieren sie mit Blut und Kadaver-Teilen gegen einen Zoodirektor, in dessen Zoo auffallend viele Tiere sterben. Sie sind überzeugt, dass der Direktor die Tiere vergiftet, um den Zoo zu leeren und das Grundstück teuer zu verkaufen.

Immer wieder werden sie verhaftet. In der Ukraine. In Weißrussland. In Russland. Verschwinden für ein paar Tage oder Wochen. Kommen wieder und erzählen, was ihnen niemand glauben mag: Dass sie nach einer Aktion in Minsk von maskierten Männern in einen Wald gefahren worden seien, wo sie sich ausziehen mussten, geschlagen und mit Motorenöl übergossen wurden. Wo man sie zwang, Plakate mit Hakenkreuzen in die Höhe zu halten, und ihnen mit Messern die Haare absäbelte. Es soll alles gefilmt worden sein. 

My atelier in Ukraine !

Ein Beitrag geteilt von Oxanashachko (@oksanashachko) am

Oksana ist die Kreativdirektorin der Bewegung. Die Künstlerin. Sie entwirft die Ikonographie der Gruppe, das Logo mit den blau-gelb abstrahierten Brüsten, dank dem Femen einen erfolgreichen Webshop mit Merchandise-Artikeln führen kann. Sie designt Masken, Kostüme, Choreographien, Körperbemalungen, den Ablauf ganzer Aktionen.

Schon als Kind ist sie auffallend kreativ. Ihr Vater, ein Fabrikarbeiter, erkennt ihr Talent, lässt sie Kunstunterricht nehmen und sie lernt klassische russische Ikonenmalerei.

So verbissen widmet sie sich den traditionellen Mariendarstellungen, dass ihre Eltern sich Sorgen machen. Kurz bevor sie die späteren Femen-Frauen kennen lernt, will sie ins Kloster gehen. "Meine Mutter wurde hysterisch, alle Verwandten versuchten, mich zu einem weltlichen Leben zu überreden, als wäre ein Kloster eine Hölle." Oksana wird keine Nonne. Sie sucht ihr Glück mit heiligem Ernst im andern Extrem. Im Nacktprotest.

Elektrisierte Engel. Bild von Oksana Schatschko:

Femen ist ein Erfolg. Die Frauen werden von andern Organisationen ins Ausland eingeladen, um den lokalen Protesten mediale Durchschlagkraft zu geben. Oft beteiligen sich TV-Sender an ihren Reisespesen, mit Femen macht man schließlich Quote. Femen-Ableger entstehen, 2016 auch in den USA.

Das Business läuft. Die Künstlerinnengruppe Femen kann sich von Spenden, Webshop und Einladungen ernähren. In Moskau protestieren sie gegen die Wiederwahl Putins, in Zürich gegen die Vergabe der Eishockey-WM 2014 an Weißrussland, in Paris unterstützen sie arabischstämmige Frauen, einmal stürmen sie das Finale von "Germany's Next Topmodel".

Lüsterne Details. Kreuzabnahme von Oksana Schatschko:

Zuhause kämpfen sie für die Kolleginnen von Pussy Riot, mit denen sie der Punk verbindet.

Und auch wenn es von außen nicht ganz so sichtbar sein mag: Sie bemühen sich um reflektierte Haltungen. Kritisieren nicht nur die Regierung, sondern immer auch die Opposition. Alte Frauen jubeln ihnen auf der Straße zu.

Doch im Sommer 2013 werden die Femen-Feministinnen in ihrem Büro in Kiew überfallen und zusammengeschlagen. Oksana werden beide Arme gebrochen.

Sie jammert nicht. Sie jammert nie, sagt ihre Mutter, es gibt für sie nur eine Denkbewegung: vorwärts, weiter. Ihre Vision ist die Mission. Nach dem Überfall findet die Polizei Waffen und Bomben im Femen-Büro. Sind sie dort platziert worden? Die Frauen sind sich dessen sicher. Die Anklage gegen sie lautet jetzt: Terrorismus. Sie fliehen. Hier endet der Film.

Oksana verlässt Femen 2014, sie überwirft sich mit ihrer Ko-Gründerin Inna Shevchenko, die als Tochter eines Militärs Femen zu militarisieren und hierarchisieren versucht. Oksana wird in Paris als politischer Flüchtling anerkannt. Sie lebt dort zunächst als Restaurateurin alter Ikonen, dann als freie Künstlerin.

Maria in der Burka von Oksana Schatschko:

Sie malt Engel mit Unterhaltungselektronik, Heilige mit Kalaschnikovs und Burkas. Sie lässt Christus vom Kreuz nehmen und befriedigen. 2017 schreibt sie sich an der Kunsthochschule in Paris ein. Ihr Lehrer, der Künstler Olivier Blanckart, sagt, leider könne er ihr nichts mehr beibringen.

Engel mit Leerstellen von Oksana Schatschko:

Vier Tage vor ihrem Tod schreibt sie auf Instagram: "I think nothing of what I wrote." Ich halte nichts von dem, was ich geschrieben habe. Nach dem Film klingt das brutal. Und fatalistisch. Denn Oksana hat ihr Leben lang sehr viel geschrieben, unzählige Hefte mit Aufzeichnungen, Manifesten und Plänen gefüllt.

Drei Tage vor ihrem Tod schreib sie: "You are fake." Du bist falsch. Was in ihrem – vermeintlichen – Abschiedsbrief steht, ist noch nicht bekannt.

Oksana Schatschko wird nur 31 Jahre alt. Ihr junges, bewegtes, sich vorwärts bewegendes Leben wird abrupt angehalten. Ob von ihr selbst oder von andern ermittelt die Pariser Polizei.

#apollinariabroche#women#icons#oxanashachko

Ein Beitrag geteilt von Oxanashachko (@oksanashachko) am

Frauen und Feminismus – da könnten wir ewig drüber reden:

"Frauen der Mauer" von strengreligiösen Juden in Jerusalem bespuckt und beschimpft

Link zum Artikel

"Frauen sind genauso wissenschaftlich begabt wie Männer"

Link zum Artikel

Wir waren mit Deutschlands bester Skaterin unterwegs. Sie ist 11 Jahre alt.

Link zum Artikel

Wo Frauen Fotzen sind – ich bin im Fußballstadion noch immer nicht willkommen

Link zum Artikel

In diesen Ländern haben die Frauen das Sagen (es sind immer noch zu wenige)

Link zum Artikel

"Nimm dir doch ein Schaumbad" – Warum Selbstliebe Frauen auch nicht weiterbringt

Link zum Artikel

Warum Frauen an der Gitarre unterschätzt werden – Spoiler: Es hat mit Männern zu tun

Link zum Artikel

Ich habe mich mit Mama & Oma über Emanzipation unterhalten – es lief anders, als erwartet

Link zum Artikel

watson wird zur Frau! Ja, du hast richtig gelesen

Link zum Artikel

Virgin Atlantic hebt Make-up-Vorgaben auf – aber wieso gibt es die überhaupt noch?

Link zum Artikel

Warum Frauen untereinander netzwerken müssen, um beruflichen Erfolg zu haben

Link zum Artikel

5 Frauen, die in Deutschland muslimischen Feminismus prägen

Link zum Artikel

5 Lügen, die Abtreibungsgegner im Netz verbreiten

Link zum Artikel

Lasst Barbie in Ruhe! Verteidigung einer unterschätzten Frauenikone

Link zum Artikel

Hab ich das nicht gerade gesagt? Wie "Hepeater" sich mit Ideen der Kolleginnen schmücken

Link zum Artikel

80-Jährige verklagt Sparkasse und zeigt, wie Feminismus geht

Link zum Artikel

Perioden-Shaming im Ramadan – junge Muslimas haben keine Lust mehr drauf

Link zum Artikel

Ich bin keine Angeberin. Ich bin gut! Warum Frauen nicht bescheiden sein müssen

Link zum Artikel

Die Serie "Ku'Damm 59" verharmlost Vergewaltigung

Link zum Artikel

Und wie würde ein männlicher Autor dich beschreiben?

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Das könnte dich auch interessieren:

Militärdienst für die Jungs von BTS – das denken die K-Popstars darüber

Link zum Artikel

Dieses Rätsel ist so einfach, du wirst es niemals zugeben, wenn du es nicht lösen kannst

Link zum Artikel

Das? Das ist nur die wohl umfangreichste Schatzkarte aller bisherigen Zeiten

Link zum Artikel

PAOK Saloniki wird erstmals seit 34 Jahren Meister – und die Ultras drehen völlig ab

Link zum Artikel

FPÖ provoziert mit "Ratten-Gedicht" über Geflüchtete – Kanzler Kurz: "abscheulich"

Link zum Artikel

Überraschende Sex-Szene bei "Game of Thrones" – und die Fans flippen aus

Link zum Artikel

Erdbeben auf den Philippinen: Hier stürzt ein Hochhaus-Pool auf die Straße

Link zum Artikel

Sie eiferte Steve Jobs nach – und wurde zur größten Betrügerin im Silicon Valley

Link zum Artikel

Sri Lanka: Zahl der Todesopfer steigt auf 310 – Hinweise auf "Vergeltung" für Christchurch

Link zum Artikel

Journalistin macht sich über Enissa Amani lustig – deren Fans starten eine Insta-Hetzjagd

Link zum Artikel

An Hitlers Geburtstag legt die Schweiz die Nazi-Elf aufs Kreuz

Link zum Artikel

Böhmermann macht aus "GoT" die "Game of Shows" – mit Gottschalk und LeFloid

Link zum Artikel

Influencerin geht in Neuseeland baden – und wird dafür abgestraft

Link zum Artikel

Sri Lanka: Einheimische Islamisten sollen die Anschläge verübt haben

Link zum Artikel

Ukraine-Wahl: Komiker Selenskyj neuer Präsident

Link zum Artikel

"Game of Thrones": Ein beliebter Charakter lebt noch

Link zum Artikel

So instrumentalisieren rechte Ideologen den Brand von Notre-Dame für ihre Zwecke

Link zum Artikel

Diese Iranerin zog ihr Kopftuch aus und muss jetzt ein Jahr ins Gefängnis

Link zum Artikel

Hartz-IV-Sanktionen in der Schulzeit: "Ich lebte von 30 Euro im Monat"

Link zum Artikel

"Wir sind nicht bei der WM!" Club aus Brandenburg hat 5 Regeln für Helikopter-Eltern

Link zum Artikel

Bei der Hillsborough-Tragödie sterben 96 Fans – und werden dafür beschuldigt

Link zum Artikel

Vermisst und wieder aufgetaucht – 7 Fälle von Kindern, die verschwunden waren

Link zum Artikel

Der HSV wirbt mit seinen Fans – nur sind's keine Hamburger. Sondern Magdeburger!

Link zum Artikel

Weil Erdogan kam, drang die Polizei in das Büro dieses Abgeordneten ein – jetzt klagt er

Link zum Artikel

"Junge Mädchen werden hier kaputtgefickt" – Ex-Prostituierte will Sexkaufverbot erreichen

Link zum Artikel

Erstes Foto von einem Schwarzen Loch – und das Internet so 🤷‍♀️

Link zum Artikel

Findest du heraus, welche dieser traurigen Tier-Fakten stimmen?

Link zum Artikel

Die coolste Socke gehört auf den "GoT"-Thron! #TeamTyrion

Link zum Artikel

Pete wer??? Die neue Demokraten-Hoffnung ist jung, schwul und will Donald Trump besiegen

Link zum Artikel

"Finde das furchtbar!" Hamburg kämpft gegen Helikoptereltern – diese 3 Mütter machen mit

Link zum Artikel

Vorhaut-Cremes und Unten-ohne-Sonnenbäder: Die absurdesten Promi-Beauty-Tipps

Link zum Artikel

Wurden sie über Bord geworfen? Tote Kühe am Strand von Teneriffa angespült

Link zum Artikel

9 Eltern, die ihren Sinn für Humor hoffentlich weitervererben

Link zum Artikel

Frauenarzt?! Was im Rammstein-Video zu "Deutschland" keinem auffiel

Link zum Artikel

Nach dem sinnlosen Tod von Hund Sam warnt sie vor diesem Spielzeug

Link zum Artikel

19 Bilder, die dir zeigen: Es ist nicht alles, wie es scheint

Link zum Artikel

Der Tod des Patriarchats! Daenerys auf den Thron #TeamDaenerys

Link zum Artikel

Ich habe mich mit Mama & Oma über Emanzipation unterhalten – es lief anders, als erwartet

Link zum Artikel

Diese Russin ist ein Insta-Star – weil sie ihr Wald-Leben inszeniert wie eine Stadt-Ikone

Link zum Artikel

Wenn die Sonne stirbt, ist das wie ein leiser Pups

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Die europäische Wirtschaft erleidet einen Schwächeanfall – zieht euch warm an

Die europäische Wirtschaft erleidet einen Schwächeanfall. Die Europäische Zentralbank macht eine Kehrtwende in ihrer Geldpolitik. Zieht euch warm an. Es ist Draghis letzte Chance.

Der Spruch ist so bekannt, dass ihn selbst meine Katze kennt: "Whatever it takes." Er werde alles unternehmen, um die europäische Wirtschaft nicht absaufen zu lassen, versprach Mario Draghi vor rund sieben Jahren. Und der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) hielt Wort: Mit quantitativem Easing und Negativzinsen hielt er das schaukelnde Euro-Boot über Wasser.

Vor zwei Monaten konnte Draghi gar stolz verkünden, die Kur habe angeschlagen. Die Wirtschaft in der Eurozone habe endlich an …

Artikel lesen
Link zum Artikel