Ein Corona-Testcenter in einer Turnhalle.
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Wie gefährlich ist die neue Mutation des Coronavirus?

22.12.2020, 12:2522.12.2020, 15:17

Wie gefährlich ist die neue Variante des Coronavirus, die derzeit Europa erneut in einen Alarmzustand versetzt? Sie sei sehr viel ansteckender als die bislang bekannte Variante, heißt es, vorsorglich wurde der Flugverkehr mit Großbritannien unterbrochen. Doch soviel wurde schon deutlich: Experten gehen derzeit nicht davon aus, dass die Mutationen hochgefährlich sind.

Die Informationslage ist allerdings noch dünn, Wissenschaftler weisen darauf hin, dass noch nicht viele gesicherte Erkenntnisse vorliegen. Was ist dennoch bereits bekannt? Watson beantwortet die wichtigsten Fragen zum Thema.

Bild: watson

Wie entstehen überhaupt Mutationen in Viren?

Viren vermehren sich in Zellen sehr schnell, dabei kann es zu Veränderungen im Erbgut und folglich in den Proteinen kommen, die auf Grundlage der Erbinformation gebildet werden. Mutationen sind bei Viren nicht ungewöhnlich. Manchmal verleihen sie den Erregern neue Eigenschaften, etwa die, sich nicht nur im Tier, sondern auch im Menschen vermehren zu können. Die neue Virusvariante B.1.1.7 hat gleich mehrere Mutationen, unter anderem im Spike-Protein, das dem Virus ermöglicht, in menschliche Zellen einzudringen. Mutationen sind nicht immer zum Vorteil der Viren.

Ist das Virus mit der neuen Mutation ansteckender?

Die neue Variante macht neuen Untersuchungen zufolge das Coronavirus sehr wahrscheinlich leichter übertragbar. Zu diesem Schluss kommen Experten der englischen Gesundheitsbehörde Public Health England (PHS). Sie verweisen dabei auf Erbgut-Untersuchungen der neuen Variante und auf Modellrechnungen zur Ausbreitung. Eine der rund 20 Mutationen der neuen Variante B.1.1.7 dürfte insbesondere dazu beitragen, dass das Virus leichter übertragen werden könne.

Den PHS-Forschern macht insbesondere eine Mutation mit der Bezeichnung N501Y Sorgen. Sie könnte den Daten zufolge dafür sorgen, dass das Virus besser an Zielzellen andocken kann. Zudem liege die Mutation an einer Stelle, an der auch bestimmte Antikörper des Menschen angreifen, um das Virus auszuschalten.

Epidemiologe Timo Ulrichs von der Akkon-Hochschule Berlin merkt jedoch an, dass das noch eine offene Frage sei. "Die kursierenden '70 Prozent ansteckender' basieren nur auf Beobachtungen, wie die neue Variante das alte Virus verdrängt", sagt er gegenüber watson.

Hat eine Infektion schwerere Folgen?

"Derzeit gibt es keine Hinweise auf eine erhöhte Infektionsschwere im Zusammenhang mit der neuen Variante", heißt es in einer Mitteilung des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC). Das hatte auch Boris Johnson betont.

Wirkt der Impfstoff bei der neuen Variante?

Virologe Christian Drosten sieht bisher keine Auswirkungen der neuen Virusvariante auf die Impfstoffwirkung: "Wir haben eine Riesenmischung von Antikörpern als Reaktion auf den Impfstoff und das wären hier nur ein oder ganz wenige Antikörper, die das betreffen würde", sagte er. Zudem hätten die T-Zellen des Abwehrsystems, die ebenfalls durch Impfen induziert würden, ganz andere Erkennungsstellen. Die funktionierten genauso gut wie vorher.

Das sieht auch Epidemiologe Timo Ulrichs so. Es handele sich um gleich mehrere Einzelmutationen, vor allem auf dem Spike-Protein, das für das Andocken der Viren an die menschliche Zielzelle zuständig ist, sagt er gegenüber watson. Die immunologische Beschaffenheit habe sich dadurch nicht verändert. "Die Impfstoffe dürften sämtlich auch gegen die neue Variante wirken."

Wie reagieren Deutschland und andere Länder?

In Deutschland war die neue Variante bis Dienstagmittag nicht registriert worden. Das kann aber auch an der Laborsituation liegen. Drosten geht davon aus, dass die Virusvariante Deutschland bereits erreicht hat. "Ich denke, dass das schon in Deutschland ist", sagte er dem Deutschlandfunk. "Dieses Virus ist ja jetzt gar nicht so neu."

Es komme seit Ende September in England vor und sei im Oktober noch überhaupt nicht im Fokus gewesen. "Ich bin alles andere als beunruhigt", sagte Drosten. Fälle mit der bereits seit Wochen umlaufenden neuen Variante sind laut ECDC auch in mehreren Staaten außerhalb Großbritanniens, etwa in Dänemark und den Niederlanden, gemeldet worden.

Timo Ulrichs sieht das ähnlich. Deshalb meint er gegenüber watson: "Grenzschließungen sind hier nicht zielführend." Zunächst müsse abgewartet werden, wie die Ausbreitungsdynamik der neuen Variante ist – und ob sich diese überhaupt von der der alten Viren unterscheide.

(lfr/mit Material von dpa)

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