Reportage
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Was passierte in diesem Haus? bild: watson

Reportage

Aus diesem Haus verschwand Rebecca – "Hier passiert eigentlich nie etwas"

Lars Jensen

Ein grauer Vormittag im März. Die Rolltreppen am U-Bahnhof Johannisthaler Chaussee fahren monoton dahin. Es nieselt. Minus zwei Grad zeigt die Wetter-App an. Wenige Meter weiter bahnt sich eine Polizei-Streife ihren Weg. Einsatz?

Nein, sieht eher nach Routine aus. Die drei Beamten schlendern mit Händen in den Hosentaschen auf einen Bus der Linie M11 zu und steigen ein. Wortlos nicken die drei Polizisten dem Busfahrer zu, der hinter ihnen die Bustüren schließt und sein Fahrzeug scheinbar mühelos in den zweispurigen Verkehr einfädelt.

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bild: watson

Das Leben, der Alltag, geht weiter im Berliner Stadtteil Britz. Dort, wo das Haus liegt, in dem vor kurzem vermutlich Schlimmstes geschah.

Der Fall Rebecca: Polizei sucht am Mittwoch weiter

Die Berliner Schülerin Rebecca ist seit drei Wochen verschwunden. Ihr Schicksal hält Deutschland in Atem. Bei der Suche geht die Polizei nun erneut einer Spur in Brandenburg nach. Mitglieder der Mordkommission sowie das Technische Hilfswerk (THW) setzten am Mittwochmorgen ihre Untersuchungen in einem Wald bei dem Ort Rieplos 50 Kilometer südöstlich von Berlin fort, wie ein Polizeisprecher sagte. Dort waren die Spezialisten bereits am Dienstag im Einsatz gewesen.

Polizei und Staatsanwaltschaft gehen davon aus, dass die 15-Jährige getötet wurde. Ihre Schwester und deren tatverdächtiger Mann Florian R. wohnen in einem Haus in Britz. Es ist das Haus, in dem sich Rebecca zuletzt aufhielt, und das sie laut Ermittlern nicht mehr lebend verließ.

Die erste Suche am Wochenende ging auf einen Hinweis auf das himbeerrote Auto des tatverdächtigen Schwagers zurück. Der 27-Jährige soll nach Rebeccas Verschwinden am 18. Februar zwei Fahrten nach Brandenburg unternommen haben, die über ein Kennzeichenerfassungssystem bekannt wurden.

Während Wind und Regen auf dem Weg Richtung Schwager-Haus stärker werden, bietet das Vordach eines Supermarktes hier Schutz. Im Toto-Lotto-Laden liegen die Tageszeitungen aus: Viele Schlagzeilen beginnen mit dem Namen Rebecca. Neben der gläsernen Eingangstür des Supermarktes hängt ein Vermisstenplakat in DIN-A4-Größe.

"Sie hat einen langen blonden Bob mit Pony, blaue Augen und trug zuletzt eine rosafarbene Plüschjacke, eine blaue Jeans und schwarze Vans", steht dort über Rebecca geschrieben.

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bild:watson

Über Bahnschienen erreicht man das Wohnviertel, in dem Rebeccas Schwager lebt. Es ist beschaulich hier.

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Der Verkehrslärm ebbt allmählich ab. Hier gibt es keine Chausseen. Stattdessen reihen sich putzige Einfamilienhäuser aneinander. Die Fassaden sind meist akkurat gepflegt, bei der Gestaltung des obligatorischen Vorgartens scheint nichts dem Zufall überlassen. Fast an jedem Gartentor wird vor dem Hund gewarnt.

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bild: watson

In einem Vorgarten steht ein vergessener Weihnachtsmann herum. Hertha-BSC- und Deutschland-Fahnen wehen im Wind. Irgendwie scheint in diesem Viertel aus den 1930er-Jahren die Zeit stehengeblieben zu sein.

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Mitten im März versteckt sich eine Weihnachtsmann-Figur hinter einer Deutschlandflagge. bild: watson

Erst, wenn man seine Schritte verlangsamt und schließlich innehält, bemerkt man, warum die Stimmung so unwirklich ist: Keine Menschenseele ist unterwegs, kein Verkehrslärm zu hören.

Nur ab und zu zwitschern Vögel in den Bäumen, unterbrochen vom Krächzen einer Krähe oder dem entfernten Aufheulen einer Kreissäge.

Angekommen am Haus, in dem Rebecca sich zuletzt aufhielt, ist die Stille erdrückend.

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Die oberen Vorhänge sind zugezogen. Der himbeerfarbene Twingo, in dem der tatverdächtige Schwager am Tag von Rebeccas Verschwinden wohl unterwegs war, parkt ordentlich in der Garageneinfahrt. Die Mülltonnen stehen akkurat im Vorgarten. Alles scheint absolut normal und seltsam friedlich.

Kaum vorstellbar, dass Kriminaltechniker in diesem vermeintlichen Idyll noch vor Tagen nach Spuren eines Mordes suchten.

Ein Rentner mit weißem Haarkranz und blauer Mütze besteigt gerade ein Damenfahrrad. Auf dem Gepäckträger ein weißer Einkaufskorb.

"Hier passiert eigentlich nie etwas", sagt der Rentner angesprochen auf Rebeccas Verschwinden.

Wie lange er schon in dieser Gegend wohne? "Na, schon immer." Dann hat er es plötzlich eilig und tritt in die Pedale. Er fährt davon. "Wir wissen nichts", ruft er noch.

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Ein Pkw nähert sich. Trotz erlaubtem Tempo 30 steuert ein älterer Herr seinen Wagen gerade einmal im Schritttempo vorbei. Fremde fallen hier auf. Nicht unfreundlich, aber aufmerksam werden sie gemustert.

Ein Postbote strampelt auf seinem Fahrrad durch den Regen. Ob sich die Stimmung im Viertel seit Rebeccas Verschwinden verändert hat? Die schwarz-gelbe Kapuze seines Anoraks tief ins Gesicht gezogen, brummelt er ohne anzuhalten: "Was soll sich denn da ändern?"

Der Fall Rebecca ist das Gesprächsthema hier unter den Bewohnern des Viertels. Natürlich ist er das. Aber die Leute hier wollen unter sich bleiben. "Schlimm genug" sei das alles, sagt eine rothaarige Mitfünfzigerin, die gerade von innen ein Fenster putzt und knallt selbiges zu.

Rebeccas Schwager sitzt weiter in Untersuchungshaft. Zu den Vorwürfen schweigt er.

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