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"Downton Abbey" im Kino – wenn sich der Cliffhanger am Zierturm erhängt

Frage nicht, was dein Haus für dich tun kann, frage dich, was du für dein Haus tun kannst. Der Film zur Kultserie. Für alle, die Immobilien noch lieber mögen als Menschen.

Simone Meier / watson.ch

OMG! Beziehungsweise "Blimey!", wie die Menschen eines Großbritanniens, das es schon lang nicht mehr gibt, immerzu ausrufen. Der König kommt! Nach Downton Abbey! Zwei Mahlzeiten und eine Parade stehen an! Und das wird so krass viel Arbeit, dass Lady Mary (Michelle Dockery) schon wieder dreinschauen muss wie eine depressive Krähe.

Sie fragt sich: Soll sie den alten Kummerkasten von einem latent defizitären Landsitz im Jahr 1927 nicht endlich abstoßen? Daraus irgendwas Sinnvolles machen? Eine Schule? Ein Spital? Doch zum Glück hat Lady Mary ihr komplett adelshöriges Personal, das weiss, was die "Downton Abbey"-Fans hören wollen: Aber Lady Mary! Was denken Sie denn! Downton Abbey ist das Zentrum unserer Welt und Sie sind soviel stärker, als Sie denken, geben Sie jetzt nicht auf! Natürlich gibt Lady Mary da nicht auf.

Willkommen in "Downton Abbey – der Film", also dem überflüssigsten, unter einer Schicht Vanillecreme verrottenden, aber zugleich befriedigendsten Kitsch, seit es die sogenannten Qualitätsserien gibt.

Eigentlich ist das Label "Film" (Regie führt Michael Engler) allerdings ein Betrug. Denn eigentlich ist er bloß eine zweistündige Weihnachtsfolge, mit geschickt gesetzten Schnitten, in die sich bei der TV-Ausstrahlung jede Menge Werbung einsetzen lässt, wie der "Guardian" schon monierte.

Zudem ist es eine Weihnachtsfolge ohne Folgen, denn hier hängt sich jede Möglichkeit zum Cliffhanger an einem der Ziertürme der Riesenvilla auf. Jetzt wird jedes hinterletzte Problem gelöst und seien all die Deckel, die auf Töpfen zu klappern kommen, noch so schief und unwahrscheinlich.

Wow, eine effizientere Abwicklung eines ganzen Serienuniversums – "Downton Abbey" lief von 2010 bis 2015 – hat man wirklich noch nicht gesehen. Und der Spaß, den man im Kino hat, ist oft unfreiwillig. Aber man hat ihn. Manchmal auch, weil er so gewollt ist. Zum Beispiel weil Gräfinwitwe Violet Crawley (Maggie Smith) wieder so ungehobelt böse rumpiekst, als würde ein Akupunkteur mit einem Dutzend Nadeln in ein Nasenloch stechen. Oder weil Küchenhilfe Daisy im Reich von Köchin Mrs. Patmore wieder mal ihrem Bolschewismus freien Lauf lässt.

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Und natürlich, weil die Existenz von silbernen Brieföffnern, Stühlen, auf denen die Royals sitzen sollen, und Ballkleidern so viel wichtiger ist als die von Menschen. Aber das war "Downton Abbey", die nostalgische Studie über das so pittoresk geschichtete britische Klassensystem ja schon immer: ein Immobilien-Porno in Reinstform.

Heute könnte man auch sagen: Ein schon recht verlottertes Haus, dessen Größe demnächst Geschichte sein wird, steht für das Großbritannien vor dem Brexit-Exit.

All die Herrschaften, all die Bediensteten sind einzig dazu da, das Anwesen zu pflegen, zu retten, es zum Strahlen zu bringen. Die Herrschaften, indem sie durch geschickte Heiratshändel zu mehr Geld kommen, die Bediensteten, indem sie tun, was sie tun müssen.

Durchlässig ist das nur einmal, als in der zweiten Staffel die aufmüpfige Lady Sybil den irischen Chauffeur Branson heiratet. Klar muss sie dafür sterben. Aber jetzt gehört Witwer Branson zur Kernfamilie der Crawleys auf Downton Abbey. Und damit auch zum strategisch einsetzbaren Heiratsmaterial. Verdammt praktisch.

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Der Besuch von König George V., dem Großvater von Queen Elizabeth II., entpuppt sich nicht nur als Freude, sondern vor allem als Demütigung. Denn jetzt erleben die Crawleys, was es heißt, herumkommandiert zu werden.

Und ihre Bediensteten, die so gern direkt den Royals das Bett machen oder den Wein einschenken würden, werden vom königlichen Hofstaat ausgeschaltet. Die übernehmen einfach Downton Abbey! Muss man sich mal vorstellen.

Klar, dass das Material für eine wahre Palastrevolution ist. Also Downton-Abbey-Style natürlich. Nicht aus Hass gegen die Oberen, sondern aus Liebe zu ihnen.

Insgesamt ist das alles schon recht pervers. Aber auch eins der erprobtesten, beliebtesten Unterhaltungsrezepte made in Britain. "Upstairs Downstairs" hieß die 70er-Jahre Serie über ein vornehmes Haus in London. "Gosford Park" der Film von Robert Altman über die Ober- und die Unterwelt eines Landhauses, geschrieben von Julian Fellowes, der auch das Drehbuch zu "Downton Abbey" verantwortet.

Selbst Michelle Obama outete sich wegen "Downton Abbey" als hemmungslose Nostalgie-Royalistin und ließ sich jeweils vor der Erstausstrahlung die neusten Folgen per Expresssendung ins Weiße Haus liefern.

Und ja, man fliegt auch jetzt im Kino noch auf den alten Zauber, auch wenn er angesichts der britischen Realität abstruser scheint denn je. Morsezeichen aus einem alten Märchenreich. Aber wann hört man schon noch Dialoge wie diese: "Haben Sie sie bei der Parade kennen gelernt?" – "Nein, beim Tee." Natürlich. Beim Tee.

"Downton Abbey" kommt am 19. September ins Kino.

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