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bild: zdf / sascha baumann 

Verharmlost "Ku'damm 59" Vergewaltigungen? Wir haben die Autorin gefragt

watson-Redakteurin Christina zur Nedden schrieb zum Start der 2. Staffel einen Kommentar. Annette Hess, Drehbuchautorin der ZDF-Serie, meldete sich daraufhin bei uns. 

28.03.18, 09:48 14.08.18, 09:36
Christina  zur Nedden
Christina zur Nedden

watson: Frau Hess, die Ku'damm-Hauptdarstellerin Monika ist eine Kämpferin. Sie tanzt gegen den Willen ihrer Mutter Rock n' Roll und deckt die Nazi-Vergangenheit ihrer Eltern auf. Doch die Vergewaltigung durch Joachim lässt sie durchgehen und macht ihm später sogar einen Heiratsantrag. Wieso verhält sie sich so?
Annette Hess: Mir war es wichtig, die Geschichte eines Verzeihens zu erzählen. Und darüber hinaus, dass nicht nur verziehen wird, sondern dass das Opfer den Täter sogar lieben kann. Ich habe mich viel mit posttraumatischer Belastungsstörung bei sexueller Gewalt beschäftigt und mit Menschen gesprochen, denen so etwas wiederfahren ist. Und ich kam dabei zu dem Schluss, dass das einzige, was hilft, das Verzeihen ist, um aus dieser Opferrolle rauszukommen. Das ist meine persönliche Meinung, aber auch viele Therapeuten arbeiten nach diesem Ansatz. Mich hat dazu besonders die Autobiographie von Ursula Buchfellner beeindruckt: "Lange war ich unsichtbar. Wie Versöhnung mein Leben rettete".

Auf diesen Kommentar reagiert Annette Hess:

Das heißt: Monika hatte keine andere Möglichkeit als zu verzeihen?
Auch das. Vor allem in den 50er Jahren, in denen die Serie spielt. Vergewaltigung war ein absolutes Tabu-Thema. Wenn eine Frau vergewaltigt wurde, hatte sie halt Pech gehabt. Als wäre sie in Hundekacke getreten. Vor allem in einer Ehe gab es Vergewaltigung im offiziellen Sprachgebrauch nicht. Die Männer nahmen sich, was ihnen gesetzlich zustand.

Es gab sogar Ratgeber, wie Frauen ihren Männern vorgaukeln können, dass sie Vergewaltigung schön finden. Es war ganz schlimm.

Hätte Monika heute anders reagiert und Joachim angezeigt?
Nicht unbedingt. Es ist auch heute noch sehr schwer, zur Polizei zu gehen, selbst wenn da eine psychologisch geschulte weiblicher Beamtin sitzt. Dann werden die Fragen irgendwann sehr unangenehm: "Wo war die Hand, war sie vorne, war sie hinten? Sie haben doch eben noch gesagt.. usw.". Dem Opfer wird auch heute noch misstraut. Es durchlebt das Trauma nochmals, da hat sich heute nicht viel geändert. Man muss sehr stark sein und unterstützt werden, wenn man das anzeigt.

Monika (Sonja Gerhardt), stehend, neben ihrer Mutter und den beiden Schwestern. Bild: ZDF/ stefan erhard

Nach der Vergewaltigung bittet Joachim Monika um ein Treffen. Sie gehen ins Kino und als er sich ihr nähert, sticht sie ihn mit einem Messer in den Bauch. Eine Folge später knutschen sie verliebt und haben einvernehmlich Sex miteinander. Gab es den einen Moment, in dem Monika Joachim vergibt?
Als Joachim im Krankenhaus liegt, sagt sie ihm, was er ihr angetan hat: Dass sie Panikattacken hat, Berührungen nicht aushält und jede Nacht Albträume durchlebt. Und dann gibt es einen Moment, in dem er sie fragt, ob er sie in ihrer Schwangerschaft unterstützen kann, was ja sowas heißt wie: "Wie kann ich das wieder gut machen?" Und dann schlägt ihre Mutter ihr vor, das zu instrumentalisieren und zu sagen, das Kind sei von ihm. Das will sie auch zunächst tun, sie will ihn benutzen. Doch als sie ihm gegenüber steht und er so offen zu ihr ist und ihr sagt, dass sie die erste Frau ist, die ihm etwas bedeutet, kann sie ihn nicht mehr hintergehen und sagt ihm  die Wahrheit. Das ist für mich der Moment der Katharsis. 

Obwohl es ungeheuerlich ist, dass sie vergewaltigt wurde, kann sie mit diesem Menschen eine Sexualität haben, die frei ist von dieser Belastung.

Annette Hess

Sie ist nicht mehr das unmündige Opfer vom Anfang, sondern weiß, was sie will. Sie ist stark – wie Phönix aus der Asche - aus diesem Trauma hervorgegangen. Es war uns aber allen bewusst, dass dies eine Gratwanderung ist.

Haben sich die Zuschauer darüber aufgeregt?
Das interessante ist, dass es für 90 Prozent der Zuschauer überhaupt kein Problem war. Ich war selber überrascht. Die meisten wollten, dass Monika und Joachim zusammen kommen, sie wollten ein "Happy End". Dazu beigetragen hat natürlich auch, dass es Sabin Tambrea gelungen ist, die Vielschichtigkeit und Charakterentwicklung von Joachim so großartig und glaubhaft darzustellen.

Da reagieren Opfer von sexueller Gewalt doch sicher anders?

Die meisten Opfer von sexueller Gewalt, mit denen ich gesprochen habe oder die die Serie gesehen haben, konnten da nicht mitgehen. Für sie war die Handlung undenkbar.

Vielleicht ist diese Ansicht aber auch der Kürze der Zeit geschuldet, es war eine Fernsehserie und kein 600-seitiger Roman, in dem man die Entwicklungen der Charaktere besser hätte ausführen können. Eine Person, die sexuelle Gewalt erfahren hat, sagte mir aber, ihr habe gefallen, dass man Monika ja nicht vorschreiben kann, wie sie als Vergewaltigungsopfer zu reagieren hat. So nach dem Motto: "Das kannst du doch nicht machen."

Sie haben sich viel mit Traumabewältigung beschäftigt. Nur zu Recherche-Zwecken für "Ku’Damm" oder auch aus persönlichen Gründen?
Beides. Ich bin auch in meinem Umfeld damit konfrontiert. Dazu kommt, dass ich zwei Töchter habe, sie sind 18 und 20 Jahre alt. Ich sorge mich um sie und beschäftige mich immer wieder mit männlicher Gewalt. Ich finde es ganz schrecklich, dass ich keine dunkle Straße entlanggehen kann, ohne Angst zu haben. Ich habe viel darüber nachgedacht, wie ich dem begegnen kann, wie man sich davon lösen kann. Indem man Männer dämonisiert, kann man es nicht. Dadurch können Frauen keine Stärke entwickeln sondern nur Angst. 

Mir gefällt daher auch dieser Ausruf #metoo überhaupt nicht, da es die Opferrolle der Frauen wieder und wieder betont. So kommen wir da nicht raus, im Gegenteil wird so die vermeintliche Schwäche der Frau manifestiert.

Ist Vergewaltigung wirklich verzeihbar?
Vor allem in Beziehungen geschieht das ja oft, jedenfalls oberflächlich. Frauen, die sich schwören, dass sie sich trennen, bleiben bei ihren Männern und hoffen auf Besserung. Viele Frauen (und ein kleiner Teil Männer) verdrängen Gewalt und machen das jahrelang mit.

Sonja Gerhardt (Monika) zwischen Trystan Pütter (Freddy, mit Hut) und Sabin Tambrea (Joachim) am Set von "Ku'damm 59". Bild: dpa

Ich schrieb in meinem Kommentar, die Vergewaltigung werde verharmlost, indem sie zum Beispiel in Staffel 2 nicht mehr angesprochen wird. Was sagen Sie dazu? 
Nein, die Vergewaltigung wurde nicht verharmlost. Im Gegenteil. Es war uns wichtig, sie drastisch und realistisch zu schildern. Das waren lange, intensive Diskussionen mit dem Regisseur Sven Bohse und der ZDF-Redaktion. Man hätte es sich ja einfach machen können und es nicht so deutlich zeigen müssen. 

Man sieht eine junge Frau, die vergewaltigt wird und sich danach umbringen will. Wir verharmlosen nicht, wir verzeihen.

Ein Mensch ist nicht für immer schlecht, wenn er ein Verbrechen begangen hat, deswegen haben wir ja auch keine Todesstrafe. Menschen ändern sich. Das ist im übrigen auch ein christlicher Gedanke. Man verzeiht, wenn jemand wirklich bereut.

Und trotzdem entschuldigt sich Joachim nie bei Monika.
Das war in den 50er Jahren so. Die meisten Männer waren so erzogen, dass sie sich nicht entschuldigen konnten, genauso wenig wie sie über ihre Gefühle sprechen konnten. Aber Joachim zeigt Reue, indem er immer wieder Monikas Nähe und das Gespräch mit ihr sucht und ihr Hilfe anbietet.

Eine Szene hat mich überrascht. Als Monikas Schwester Eva misshandelt wird und man nicht weiß, wer es war, wird mit der Möglichkeit gespielt, dass Joachim der Täter ist. Auch weil er durchaus gewalttätig ist, sie von sich wegstößt, woraufhin sie fällt. So verändert ist er dann also doch nicht. Warum diese Szene?
Es ist interessant, wie tendenziös diese Szene wahrgenommen wird. Die Frau kann nur das Opfer sein. Aber schauen Sie sie noch einmal an: Eva geht Joachim massiv an, greift ihm zuerst zwischen die Beine. Das muss man sich mal umgekehrt vorstellen. Jede Frau würde den Mann auch zurückstoßen. An der einseitigen Wahrnehmung kann man sehen, wie in unseren Köpfen diese Rollen festsitzen. Und an der Szene, in der Monika Joachim misstraut und überlegt, ob er es war oder nicht, habe ich lange gesessen und auch überlegt, ob er etwas sagen könnte wie: "Ja, so wie du mich kennengelernt hast, ist ja klar, dass du denkst, dass ich es war". Aber wir haben es dann rausgelassen, obwohl es sicher immer ein Thema bleiben wird zwischen den beiden. 

Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass sie dann in den 70er Jahren, in denen in Ehen gestritten wurde wie nie zuvor, darüber reden, wie sie sich kennengelernt haben. Das ist ja nicht weggewischt, das ist immer noch da.

Und dann gibt es ja doch noch ein Happy End und die beiden heiraten.
Das stimmt, aber es ist ein bittersüßes Happy End. Das gefällt mir, denn so ist es im Leben: Das ideale Paar gibt es meiner Meinung nicht. Und gerade in den 50er Jahren, als die Machtverhältnisse zwischen Frau und Mann noch viel ungerechter verteilt waren als heute, waren alle Hochzeiten bittersüß.

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