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Bild: Unsplash/Watson

Verzweifelt vor Neid: "Warum funktioniert bei ihr alles, und bei mir nichts?"

Bianca Xenia Jankovska
Bianca Xenia Jankovska

Hallo Bianca, 

ich mag meine Freundin K. wirklich sehr gerne. Wir kennen uns schon seit dem Studium in Hamburg und haben damals jede Vorlesung zusammen besucht. Inzwischen habe ich das Gefühl, dass sie sich ziemlich verändert hat. Wenn ich sie in ihrer WG besuche, denke ich schon vorher panisch daran, wie ich sie heute beeindrucken kann, damit sie nicht von mir gelangweilt ist. Es geht ständig um die Arbeit. Woran sie gerade arbeitet, wo sie wieder eine Zusage bekommen hat, wie schrecklich nett ihr neuer Kunde ist.

Wenn ich ihr erzähle, was alles bei mir schief läuft, hat sie dafür zwar oberflächliches Verständnis und ein paar nette Worte übrig, zeigt aber keinerlei Empathie meinen tatsächlichen Problemen gegenüber. Bei ihr scheint alles wie am Schnürchen zu laufen, während ich mir ein Bein ausreiße, um die Miete zusammen zu stottern. Sie verdient viel Geld in kurzer Zeit mit gut bezahlten Werbejobs und hat deshalb jede Menge kreativen Spielraum, um an ihrer ersten eigenen Schmuck-Kollektion zu arbeiten. Unbezahlt!

Warum funktioniert bei ihr alles, und bei mir gefühlt nichts? Und: Wie soll ich das nächste Treffen mit ihr aushalten, wenn es mir nach jedem Besuch schlechter geht?

Liebe Grüße, Verzweifelt vor Neid

Hallo Verzweifelt vor Neid!

Ich wünschte, ich könnte dir jetzt etwas Tröstliches antworten wie: "Oh, das Blatt wird sich schon noch zu deinen Gunsten wenden." Oder: "Dafür ist sie bestimmt total unglücklich mit sich selbst" und die Sache wäre für uns beide gegessen. Das Ding ist: Es wäre nicht die Wahrheit.

Denn Geld und Erfolg alleine machen natürlich noch keinen schlechten Menschen.

Ich frage mich eher, warum du mit einer Person befreundet bist, deren Reflexionsfähigkeit offenbar nur bis zum nächsten Häuserblock reicht.

Du tust dir mit dieser Beziehung keinen Gefallen, wenn alles, was du bei ihrem Anblick riechen kannst, dein eigenes Unglück ist, das durch ihre bequeme Selbstdarsteller-Lupe auf sein Fünffaches vergrößert wird.  

Was ich aus deinem Text herauslesen kann, ist, dass du dich in der Gegenwart deiner Freundin schon länger unwohl gefühlt und trotzdem nicht den Mund aufbekommen hast. Richtig? Du hattest ein schlechtes Gefühl, und bist pflichtbewusst hingefahren wie zum Zahnarzt. Weil du eine gute Freundin sein wolltest. Weil ihr euch kennt.   

Ich war selbst lange genug diese Person, die es allen außer sich selbst recht machen wollte und sich mit Menschen zum Bagelessen traf, weil sie einsam und neu in fremden Städten lebte. Die sich mit neugierigen Fragen zu ihrem Berufsleben löchern ließ, nur um anschließend mit abwertenden Kommentaren gestraft zu werden. 

Was ich dabei verloren habe? Ein bisschen Geld, und jede Menge Würde.

Was zur Hölle ist eigentlich los mit diesen Menschen? Während du kurz davor bist, pleite zu gehen, schlürft dein Gegenüber um 14 Uhr Kaffee Latte und jammert dich mit Privilegierten-Problemen voll. Lass dir eines sagen: Du bist nicht neidisch auf ihr Geld. Du bist sauer. Auf deine Freundin, aber auch auf deine Unfähigkeit, dich mit ihr zu freuen. Auf die Ungerechtigkeit des Lebens, die aus unerklärlichen Gründen einen angenehmen Start ins Berufsleben für dich verhindert hat, weshalb du ihn auch niemand anderem gönnst. Auch keiner anderen Frau.

Das ist in Zeiten, in denen der Sisterhood-Gedanke von jeder Litfaßsäule prangt, gelinde gesagt moralisch etwas ungünstig. Frauen sollten sich nach jahrelangem in der zweiten Reihe tanzen heute beruflich natürlich mehr unterstützen denn je.   Nur, wie du vielleicht schon bemerkt hast: Unterstützung funktioniert nicht als Einbahnstraße. Und Solidarität mit anderen Frauen verbietet keine sachliche Kritik. 

Sonst sind wir am Ende ja auch nur wieder eines: strengen Regeln unterworfen, die einen Dialog über Freundschaft unmöglich machen.

Deine unempathische Freundin ist das eine Problem. Das andere bist du. 

Warum bemisst du deinen eigenen Wert nach dem, was sie hat? 

Ich weiß nicht, was du gerade beruflich machst, aber warum sitzt du nicht an dem Projekt, das du unbedingt verwirklichen möchtest? Warum fällt es dir so schwer, in einem Raum mit ambitionierten Menschen zu sitzen (selbst, wenn sie Arschlöcher sind)? Denkst du, dass du selbst nie dahin kommen wirst – anders als deine scheinbar vor Antrieb explodierende Freundin?

Es tut weh zu sehen, dass andere Menschen den Motor haben, den wir selbst vermissen. So stark an sich glauben, wie wir es selbst noch nie getan haben.

Natürlich ist es leichter, bewusst auf Erfolg zu verzichten. Erst gar nicht da rausgehen zu müssen. Nur: Ist es das, was du möchtest?    

Noch ein Gedanke: Wenn ich eines über die vergangenen Jahre gelernt habe, dann, dass man den Leuten nicht ansieht, was sie für ihren Erfolg alles tun und aufgeben. Manchmal schaffen Mama und Papa den finanziellen und zeitlichen Spielraum für die erste eigene Kollektion, das erste selbstverlegte Buch, die Ausstellung in der Galerie eines Freundes, die hinterher als persönlicher Erfolg verkauft wird. Oder die Person ist völlig überarbeitet, war das letzte Mal 2013 beim Yoga und hasst ihren Alltag. 

Alles, was du gerade siehst, ist ihr Erfolg – und nicht die verheulten Nächte ohne Sinn.

Du wartest verzweifelt auf ein Zeichen, das ihre Schwäche unter der löchrigen Strumpfhose durchblitzen lässt, um euch wieder gleich zu machen, aber es kommt nicht. Ganz einfach, weil sie nicht möchte. Weil sie gerade nicht bereit ist, diese Dinge mit dir zu teilen. Weil sie dicht gemacht hat, und sich nach außen so präsentiert, wie sie von anderen wahrgenommen werden möchte: als erfolgreich. 

Kannst du das aushalten, ohne dich in ihrer Anwesenheit wie ein angebissenes Sandwich zu fühlen? Bevor ihr miteinander redet, würde ich mir das an deiner Stelle überlegen. Du musst den Kontakt nicht völlig abbrechen, aber ein bisschen Stillstand kann helfen, die Differenzen zu beseitigen ohne gleich einen Atomkrieg anzuzetteln. Sammel dich. Konzentriere dich auf deine eigene Arbeit, und schiel nicht ständig rüber zu "Mrs. Perfect".  

Vielleicht ist das, was gerade zwischen euch passiert, ein nonverbales Entlieben zweier Menschen, die nicht mehr zusammenkommen. Weil ihre ECTS-gebundenen Kämpfe nach dem Studium nicht mehr zusammenpassen wie rot-oranges Colourblocking.   

Ansonsten verfolge ich im echten wie im digitalen Leben eine Faustregel: 

Wer mir in 9 von 10 Fällen grundlos ein schlechtes Gefühl vermittelt, wird entfolgt.

Mein Feed ist zu lang, um mich mit anderen zu vergleichen. Vor allem nicht mit jenen, die vor lauter #Entrepreneurship vergessen, neben der Schokoladenseite auch mal das zu zeigen, was Menschen ausmacht: Fehler und Ängste und Schreckensmomente. Die unglamourösen Tage zwischen Siegesrausch und Nervenzusammenbruch.  

Niemand ist so perfekt, dass er die Schattenseiten der menschlichen Existenz nicht zu spüren bekäme. Selbst wenn er dabei in der Karibik sitzt.

Lass dich nicht einschüchtern!

Viel Glück bei deiner geistigen Trennung – und einem unbequemen Start. Hauptsache, du stehst bald wieder.    

Alles Liebe,

deine B. X.

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Bianca Xenia Jankovska...

...hat bisher in vier Städten in drei Ländern gewohnt, die Sicherheit einer Festanstellung gegen konstante Ungewissheit getauscht und dabei unter anderem gelernt, dass man nicht ewig gegen seine inneren Neigungen arbeiten kann, ohne unglücklich zu werden. Als freie Autorin und Bloggerin schreibt sie über Machtstrukturen und persönliche Kämpfe auf dem Arbeitsmarkt und Privilegien, die manchmal selbst enge Freunde entzweien. Ihr erstes Buch "Das Millennial Manifest" erscheint im Herbst 2018.

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