Deutschland
Bild

Der AfD-Bundestagsabgeordnete Jan Nolte brachte die falschen Manipulationsvorwürfe in Umlauf. Bild: imago/getty images/screenshot/montage: watson

AfDler werfen der ARD Manipulation vor – weil sie Wetterkarten nicht verstehen

Mehrere AfD-Politiker werfen der Tagesschau vor, mit ihren Wetterkarten Zuschauer manipulieren und Angst vor der Erderwärmung verbreiten zu wollen. Tatsächlich zeigt der Fall aber nur, dass die Rechtsaußenpolitiker offenbar keine Wetterkarten lesen oder verstehen können. Und sogar der Bildungsminister von Sachsen-Anhalt (CDU) hat den falschen Manipulationsvorwurf verbreitet.

"Hier soll wohl eine Botschaft vermittelt werden", beginnt der Facebook-Post des AfD-Bundestagsabgeordneten Jan Nolte. "Schon 22 Grad werden heute von der tagesschau in feurig orangen Farbtönen dargestellt. Vor zehn Jahren gab man sich nüchterner." Er schließt mit einer Suggestivfrage: "Ist das noch Berichterstattung, oder schon Manipulation/Framing, um die Grünen zu pushen?" Die Screenshots verbreitet Nolte auch auf Twitter.

Der vermeintliche Beweis für die "Manipulation":

Bild

screenshot: facebook/afd greiz-altenburg

Jan Nolte hat allerdings keine Manipulation zu Gunsten der Grünen aufgedeckt: Die verbreiteten Screenshots zeigen zwei völlig verschiedene Wetterkarten.

"Bei der oberen Karte handelt es sich um eine Temperaturvorhersage für den kommenden Tag", erklärt Silke Hansen, Leiterin der zuständigen Wetterredaktion des Hessischen Rundfunks. "Dort hinterlegen wir als Karte immer die entsprechende Vorhersage. So kann man auch dort wo keine Zahl steht, erahnen wie hoch die Temperaturen werden." Je kräftiger das Rot, desto höher die Temperaturen. Bei der unteren Karte handele es sich hingegen "um die Aussichten für die kommenden drei Tage. Dort hinterlegen wir eine neutrale Karte."

Hansen stellt klar:

"Beides haben wir 2009 so gemacht und machen es heute noch so."

Zum Vergleich: So sah die Temperaturkarte in der Tagesschau am 19.08.2009 aus.

Bild

screenshot: tagesschau.de

Jan Nolte lässt seine Posts löschen

Schnell weisen Nutzer in Kommentaren auf Facebook und Twitter darauf hin, dass hier Äpfeln mit Birnen verglichen werden. Nolte löscht seine Posts schließlich. Zu diesem Zeitpunkt haben sie sich jedoch bereits rasant verbreitet.

Allein Noltes Facebook-Post wurde über 2800 Mal geteilt.

Andere AfD-Politiker und Landes- und Kreisverbände der Partei teilen die Screenshots und den Manipulationsvorwurf an die Tagesschau derweil munter weiter – auch nach der Löschung.

Auch der Berliner AfD-Politiker Thorsten Weiß verbreitet das Bild weiter:

Bild

screenshot: facebook/thorsten weiß

Ein CDU-Bildungsminister verbreitet die AfD-Grafik

Auch außerhalb von AfD-Kreisen wird der falsche Manipulationsvorwurf verbreitet. Am Mittwoch twittert der Bildungsminister Sachsen-Anhalts, Marco Tullner (CDU) die AfD-Grafik mit den Screenshots und der Frage "Fühlen Sie sich manipuliert."

Tullner antwortet damit auf einen Tweet eines MDR-Journalisten.

Bild

screenshot: twitter

In einem zweiten Tweet fragt er außerdem:

"Warum wurden eigentlich die Wetterkarten von grün auf glutrot, bei selben Temperaturen, umgestellt? Das geistert ja gerade durch das Netz."

Bild

screenshot: twitter

Die Mühe, die leicht zu entkräftenden Vorwürfe zu überprüfen, hat sich der Bildungsminister offenbar nicht gemacht. Bei der Version der Grafik, die Tullner verbreitet, fehlt außerdem der Hinweis auf Jan Nolte und die AfD.

Nolte verteidigt sich

War dem AfD-Abgeordneten Jan Nolte im Vorfeld bewusst, dass er falsche Manipulationsvorwürfe verbreitet, oder hat er die Wetterkarten einfach nicht verstanden?

Zu watson sagt Nolte, sein Pressereferent habe die Screenshots veröffentlicht, er selbst habe sie später wieder löschen lassen. "Das zeigt natürlich schön, wie das, was früher ein warmer Sommer war, heute zum Zeichen einer drohenden Klimakatastrophe gemacht wird", sagt der Abgeordnete. Die Grafik sei zwar nicht geeignet, das zu veranschaulichen, die Botschaft finde er jedoch trotzdem richtig.

Dass der falsche Vorwurf unterdessen vielfach weiterverbreitet wird, weiß Nolte. "Ich habe natürlich schon Leute darauf hingewiesen, dass die Darstellung nicht so geeignet ist", erklärt er. Die meisten der über 2800 Menschen, die allein auf Facebook Noltes Post geteilt haben, wird das jedoch nicht erreichen.

Bei Falschmeldungen gilt fast immer: Die Richtigstellung erreicht wesentlich weniger Menschen, als die ursprüngliche Fälschung. Nolte könnte zumindest versuchen, daran etwas zu ändern: Er könnte seine Vorwürfe öffentlich richtigstellen und sich entschuldigen. Ob er das tun wird? "Müssen wir mal sehen, ob wir da was machen", sagt Nolte nur.

AfD-Politiker haben in der Vergangenheit schon häufig mit Falschbehauptungen Stimmung gemacht:

Hinweis: Wir haben den Artikel im Nachhinein um die Information ergänzt, dass auch der Bildungsminister Sachsen-Anhalts die Manipulationsvorwürfe verbreitet hat.

1
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
1Kommentar anzeigen

Die AfD macht Stimmung gegen Migranten – mit einem Schwimmbad-Video aus Israel

Die AfD-Bundestagsfraktion macht in einem Video über Gewalt in deutschen Freibädern Stimmung gegen Geflüchtete und Migranten. Doch Szenen einer Schlägerei, die laut AfD-Politikerin Beatrix von Storch am vergangenen Wochenende in Stuttgart aufgenommen wurden, stammen tatsächlich aus einem Freizeitbad in Israel. Mittlerweile hat die Fraktion ihre Posts gelöscht und durch neu geschnittene Videos ersetzt.

Seit mehreren Tagen wird in Deutschland über Gewalt in Freibädern diskutiert. Am Samstag war es in einem Düsseldorfer Freibad zu einem Streit mit mehreren Hundert Beteiligten gekommen. Die Polizei versuchte, den Streit mit Dutzenden Beamten zu schlichten. Der Verband der Schwimmmeister kritisierte anschließend eine zunehmende Aggressivität in deutschen Freibädern.

Für die AfD offenbar ein gefundenes Fressen: In den sozialen Medien nutzt die Partei die Vorfälle, um gegen Geflüchtete und …

Artikel lesen
Link zum Artikel