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14-Jährige sorgt mit rassistischen Gedichten für Eklat beim Poetry Slam für Zivilcourage

02.10.18, 13:19 02.10.18, 20:20

Am vergangenen Mittwoch hat ein 14-jähriges Mädchen mit zwei rassistischen Gedichten bei einer Veranstaltung für ziemlichen Wirbel gesorgt. Die Veranstaltung sollte eigentlich ein Zeichen gegen Rassismus setzen. Stattgefunden hatte der Poetry Slam mit dem Motto "Zivilcourage" in Speyer und war vom dortigen Stadtrat und dem Bündnis "Speyer ohne Rassismus – Speyer mit Courage" organisiert worden.

Gleich als erste betrat Ida-Marie Müller die Bühne und trug ihr Gedicht vor. Sie bezeichnete darin Angela Merkel in lateinischen Passagen als Diktatorenmutter. Merkel sei dafür verantwortlich, dass viele verblendet seien und Dinge sagten wie "Multikulti, tralala, hurra, die ganze Welt ist da".

Ida-Marie Müller auf der Bühne. Bild: screenshot youtube

Obwohl am Ende des Vortrags viele nicht klatschten, war der verbleibende Applaus laut genug, um das Mädchen in die nächste Runde zu bringen. In dieser trug sie einen weiteren Text vor, in dem sie noch viel offener diverse angebliche Missstände in Deutschland kritisierte. Unter anderem sagte sie: "Der Neger ist kein Neger mehr, Zigeuner darf man auch nicht sagen – rassistisch ist das beides sehr, so hört man es an allen Tagen. Wer es trotzdem sagt, wird ausgebuht."

Schließlich beginnt sie damit, Migranten als niederträchtige Gewalttäter und Mörder zu stigmatisieren: "Und die Moral von der Geschicht': Nun steckt das Messer dir im Bauch, denn so ist es im Orient Brauch."

Die Veranstalter drehen das Mikro ab – das Publikum protestiert

Spätestens bei Müllers zweitem Gedicht waren erste Buhrufe aus dem Publikum zu hören. Diese wurden aber schnell durch lauten Beifall und Zwischenrufe wie "Bravo, das ist Zivilcourage" übertönt.

Als sie schließlich damit beginnt, über das "Verrecken Deutschlands" zu reimen, wird ihr das Mikrofon abgedreht. Nach Protesten aus dem Publikum, welche die Meinungsfreiheit der 14-Jährigen verletzt sahen, wurde das Mikrofon wieder eingeschaltet.

Auf ihrer Website versicherten die Veranstalter in einer Stellungnahme, dass ihnen klar gewesen sei, dass man das Wort Zivilcourage auf vielerlei Arten auslegen könne. Auch hätten sie die Kandidatin durch das Abdrehen des Mikrofons nicht mundtot machen wollen:

"Vielmehr sahen wir durch die aufkommenden Unruhen und die aufgeheizte Stimmung im Saal keine andere Möglichkeit zu einer schnellen Deeskalation und Beruhigung der Situation im Interesse aller Beteiligten. Nur so konnte das Fortführen des Vortrages und ein weiteres Auftreten aller Slammer*Innen ermöglicht werden – denn diese waren es, die im Fokus des Abends stehen sollten."

Der Schülerin wird der Sieg aberkannt, die AfD-Anhänger laufen Sturm

Da der Sieger oder die Siegerin des Poetry Slams durch die Lautstärke des Beifalls ermittelt werden sollte, hätte Ida-Marie Müller den Anlass theoretisch als Siegerin verlassen sollen. Der Sieg wurde ihr aber aberkannt. Das Bündnis "Speyer ohne Rassismus – Speyer mit Courage" äußerte sich auch zu diesem Entscheid in seiner Stellungnahme:

"Die Veranstalter als auch die IKW stehen für Toleranz und Akzeptanz, für Offenheit und Vielfältigkeit, für ein buntes Gesellschaftsbild. Sie stehen für ein Zeichen gegen jegliche Art von Fremdenhass und Ausgrenzung. All diesen Zielen würde mit Erlaubnis des Slams an der Teilnahme der Preisverleihung entgegengewirkt, widersprochen.

Vorgetragener Text zielte bewusst, durch im heutigen Sprachgebrauch negativ konnotierte Wörter wie ‹Neger›, ‹Zigeuner,› ‹Muselmann› oder ‹Antifanten› auf bestimmte Gruppierungen von Menschen ab, verallgemeinerte und diffamierte. Und zog die im Alltag von diesen Menschen erfolgende oder diesen Menschen entgegengebrachte Zivilcourage und somit das Thema des Abends ins Lächerliche (Zitat: ‹Und das nennt sich dann Zivilcourage, Und wisst ihr was? – das ist für’n Arsch.›)"

Ein Blick in die Kommentarspalten von Facebook und Co. zeigt, dass die AfD und deren Sympathisanten dies ganz anders empfinden. Sie sehen die Meinungsfreiheit der 14-Jährigen klar beschnitten und kritisieren das Vorgehen der Veranstalter – obwohl diese das Mikrofon nur wenige Sekunden ausgeschaltet hatten.

Nicole Hörst, die Mutter von Ida-Marie Müller, die für die AfD im Bundestag sitzt, äußerte sich zum Gedicht auf ihren diversen Social-Media-Kanälen und rief zum "Teilen, teilen, teilen" auf.

Für Hörst ist die Aufregung um das Gedicht ihrer Tochter der eigentliche Skandal. Für sie ist damit der Beweis geführt, dass Deutschland eine "Gesinnungsdiktatur" sei. 

Ihre Tochter habe ihren ganz eigenen Kopft, schreibt sie. Höchst wehrt sich gegen den Vorwurf einiger Facebookkommentatoren, sie habe ihre Tochter instrumentalisiert. 

Gleichzeitig nutzt sie die Aufregung um den Auftritt ihrer Tochter, um an die bevorstehenden Kommunalwahlen zu erinnen.

"Ich halte die Berichterstattung für genauso fragwürdig wie das undemokratische und intolerante Verhalten des die Meinungsfreiheit für sich beanspruchenden Bündnisses und der Stadt Speyer. Die Bürger werden das bei der Kommunalwahl zu würdigen wissen."

Nicole Höchst auf einer ihrer Facebookseiten

So nutzt die AfD-Abgeordnete Auftritt und Aufregung um ihre Tochter, um ihre politische Ideologie an den User zu bringen.

(pls/ts)

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