Young woman who cannot leave the house in quarantine due to an epidemic Covid-19

An Ostern soll das Motto heißen: Zu Hause bleiben. Bild: iStockphoto / eternalcreative

Epidemiologe Ulrichs zu den Bund-Länder-Beschlüssen: "Das Virus bestraft umgehend jede Halbherzigkeit"

Die dritte Corona-Welle soll unter anderem mit einem Oster-Lockdown gebremst werden, darauf haben sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten der Länder nach zähen Verhandlungen geeinigt. In der Nacht zum Dienstag beschlossen sie erneut ein Maßnahmenpaket.

Darin geht es um folgende Punkte: Zu Ostern gilt eine erweiterte Ruhezeit vom 1. bis zum 5. April, also von Gründonnerstag bis Ostermontag. Es dürfen sich dann nur maximal fünf Menschen aus zwei Haushalten treffen, Kinder bis 14 Jahren werden dabei nicht mitgezählt, Paare gelten generell als ein Haushalt. Die Geschäfte sollen in dieser Zeit schließen, am Donnerstag und Samstag sollen ähnliche Regeln wie an Sonn- und Feiertagen gelten. Lediglich der "Lebensmitteleinzelhandel im engen Sinne" darf am Ostersamstag öffnen.

Zudem werden die bestehenden Lockdown-Regeln bis zum 18. April verlängert. Damit gilt auch weiterhin die Anfang März beschlossene Notbremse, die bei einer Sieben-Tage-Inzidenz von mehr als 100 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern greifen soll. Darüber hinaus soll auf Reisen verzichtet werden, nach Ostern soll noch mehr getestet werden und Unternehmen sollen ihren Beschäftigten ermöglichen, von zu Hause zu arbeiten.

Über diese Beschlüsse hat watson mit dem Epidemiologen Timo Ulrichs von der Akkon-Hochschule in Berlin gesprochen.

"Am besten verhält sich die Bevölkerung bereits jetzt so, als hätten wir die Maßnahmen schon – das würde die Gesamtzeit des Lockdowns erheblich verkürzen."

watson: Herr Ulrichs, Kanzlerin Angela Merkel sprach vergangene Nacht von einer "sehr, sehr ernsten Lage". Bayerns Ministerpräsident Markus Söder sagte, wir befänden uns derzeit in der "wahrscheinlich gefährlichsten Phase der Pandemie". Stimmen Sie den beiden zu?

Timo Ulrichs: Ja, ich stimme zu. Allerdings war die Lage im November und Dezember auch sehr gefährlich, und wir hätten bei frühzeitig ergriffenen entschiedeneren Maßnahmen besser durch die zweite Welle kommen können. Wir sind auch jetzt immer noch nicht auf der sicheren Seite, da das Impfen immer noch zu langsam läuft, deshalb sind die Lockdown-Maßnahmen über Ostern absolut notwendig.

Sind diese Maßnahmen denn geeignet um die Pandemie einzudämmen?

Ja, sie könnten zu einer Trendumkehr beitragen – und es sind die einzigen bewährten Maßnahmen. Im steilen Anstieg zu einer dritten Welle experimentiert man nicht mit möglichen kontrollierten Öffnungen oder Stufenplänen herum, sondern bringt die Zahlen schnell wieder runter. Im absteigenden Schenkel der Welle kann dann über kontrollierte Öffnungen gesprochen werden.

Kann der beschlossene Oster-Lockdown die dritte Welle überhaupt noch bremsen?

Misslich ist, dass die Maßnahmen erst in über einer Woche beginnen sollen, in den kommenden Tagen kann sich die dritte Welle also weiter aufbauen. Am besten verhält sich die Bevölkerung bereits jetzt so, als hätten wir die Maßnahmen schon – das würde die Gesamtzeit des Lockdowns erheblich verkürzen.

Die bestehenden Corona-Regeln, die bis zum 18. April verlängert wurden, beinhalten auch eine Notbremse. Bei einer Sieben-Tage-Inzidenz von mehr als 100 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern gelten strengere Regeln. Hat die Notbremse bisher funktioniert?

Sie wurde bisher nur unzureichend von den Ländern umgesetzt. Das zeigt, wie notwendig eine länderübergreifende Übereinkunft ist.

Vor den Verhandlungen war ja auch die Rede von nächtlichen Ausgangssperren, diese wurden dann aber doch nicht beschlossen. Wären sie Ihrer Meinung nach sinnvoll?

Sie könnten als letztes Mittel zum Einsatz kommen, wenn eine Trendumkehr mit der österlichen Ruhephase nicht erzielt werden kann. Ausgangssperren können sinnvoll sein, das wurde in anderen Ländern gezeigt, sollten aber sehr zurückhaltend eingesetzt und gut kommuniziert werden: eine Ausgangssperre sollte Menschen ja nicht davon abhalten, an die frische Luft zu gehen, wo das Infektionsrisiko verschwindend gering ist. Menschen sollen nur nicht rausgehen, um woanders wieder reinzugehen – hier liegt das eigentliche Übertragungsrisiko.

Welche anderen Maßnahmen hätten Sie sich gewünscht?

Neben dem Appell, nicht zu reisen, und der Testung vor dem Rückflug wäre sinnvoll, wieder eine Quarantäne für alle Reiserückkehrer einzuführen, um das Einschleppen von neuen Varianten zu bekämpfen. Testpflicht und einschränkende Maßnahmen sollten zudem nicht nur den privaten Bereich betreffen, sondern stringenter auch das Arbeitsumfeld. Generell gilt: Das Virus bestraft umgehend jede Halbherzigkeit – so wie sie manchmal zustande kommt, wenn politische Kompromisse und Interessensausgleiche gefunden werden müssen.

(mit Material von afp)

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