Deutschland
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und die Werbung von watson und Werbepartnern zu personalisieren. Weitere Infos: Datenschutzerklärung.
Bild

Bild: hedef1milyon.net / montage watson

"100.000 Jugendliche in die Türkei bringen" – Das verspricht Erdoğan Deutschtürken

Die Stimmen der im Ausland lebenden türkischen Wähler können entscheidend sein für die kommende Wahl in der Türkei. Vor allem, wenn das Ergebnis knapp ausfällt. Der Wahlkampf ist daher auch in diesem Jahr von großer Bedeutung.

Am 24. Juni wird in der Türkei gewählt, seit dem 7. Juni können türkische Wahlberechtigte, die in Deutschland, Österreich oder Frankreich leben, ihre Stimme abgeben.

Insgesamt kann in 60 Ländern außerhalb der Türkei gewählt werden.

Mit der Wahl will Erdoğan die Einführung des Präsidialsystems umsetzen, die beim Verfassungsreferendum im April 2017 beschlossen wurde.

Doch seit 2017 gibt es ein Auftrittsverbot:

In Deutschland und einigen anderen europäischen Ländern gilt seit vergangenem Jahr ein Auftrittsverbot ausländischer Amtsträger drei Monate vor einer Wahl in ihrem Land. 

Erdoğan trat daher im Mai nur in Sarajevo in Bosnien-Herzegowina auf und verzichtete auf sonstige Wahlkampf-Auftritte in Europa.

Offline-Auftritte sind aber ohnehin nur die halbe Miete. Erdoğans Partei, die "AK partisi" (AKP) hat zum diesjährigen Wahlkampf eine starke Internetpräsenz.

Die AKP hat ein so genanntes "Ak Parti Yurt Dışı Seçim Koordinasyon Merkezi" eingerichtet. Das heißt auf Deutsch: Ein "Wahl- und Koordinationszentrum im Ausland". Abgekürzt wird das Zentrum mit AKYSKM.

Das AKYSKM präsentiert sich über die Website hedef1milyon.net (zu Deutsch: "Das Ziel ist eine Million", also eine Million Stimmen für die AKP aus dem Ausland).

Aber nicht nur auf der Website selbst ist die AKP mit dem AKYSKM-Koordinationszentrum aktiv. Auch auf TwitterFacebook und YouTube.

Und auf Instagram natürlich:

#Hedef1Milyon #haydiavrupa #haydisandığa

Ein Beitrag geteilt von AKParti Yurtdışı SKM (@akyskm) am

Dort steht: "Ich rufe die in Europa lebenden Bürger auf: Morgen beginnen die Wahlen, macht die Wahlurnen voll"

Was ist das Zentrum?

Aufgabe der AKYSKM ist es, "die Stimmen der im Ausland wahlberechtigten Türken für die AKP zu mobilisieren", sagt Murat Kayman auf seinem Blog.

In einem Blog-Eintrag vom 3. Juni bespricht der Anwalt und ehemalige Koordinator des Moscheeverbandes "Ditib" den Webauftritt des AKYSKM-Koordinationszentrum und kritisiert diesen.

Kayman sieht darin unter anderem eine "fremdbestimmte, autoritäre Gesinnung" der Regierungspolitik. "Die jungen Männer und Frauen, die zum Spielball einer solchen Politik werden [...]", seien den ihnen "weit überlegenen Instrumenten einer identitären, militaristischen Kulturpolitik ausgeliefert [...]."

Schaut man sich auf der Website von "hedef1milyon.net" weiter um, findet man ein PDF, das sich explizit an die "im Ausland lebenden Türken" richtet.

Das Ziel sind eine Million Bild: screenshot, hedef1milyon.net

Es handelt sich hierbei um die "Seçim Beyannamesi", eine Art Wahlerklärung der AKP und des Präsidenten an die Wähler.

Diese Wahlerklärung stuft Murat Kayman als "etwas mehr als nur eine Pressemitteilung" und "deutlich weniger als ein Wahlprogramm" ein.

Und was steht da drin?

So einiges.

Nach ein paar Worten vom Präsidenten, in denen er davon spricht, dass die Regierung durch "große Veränderungen, Maßnahmen und Investitionen den "Freunden und Feinden" gezeigt habe, was für ein "starkes Land" die Türkei sein könnte, kommt auf Seite 12 des PDFs ein Abschnitt zur "Diaspora Politik", der ebenfalls an "unsere Landsleute im Ausland" gerichtet ist.

Die AKP will in der kommenden Legislaturperiode die "Bindung zur Heimat und die kulturelle Identität" der im Ausland lebenden Türken "schützen".

Zu jedem Abschnitt steht jeweils, was die AKP bereits zu einem Themenpunkt der Diaspora-Politik geleistet haben will und was noch passieren soll.

Hier sind 6 Versprechen der AKP an die im Ausland lebenden Türken laut der "Seçim Beyannamesi":

Du hast eine Nachricht vom Präsidenten! Bild: screenshot, hedef1milyon.net

Jährliche Diaspora-Treffen

Die Regierung will jährliche "Diaspora-Treffen" für Türken, die im Ausland leben, realisieren. Im Papier steht:

"Eines der wichtigsten Bedürfnisse unserer im Ausland lebenden Bürger ist, dass sie zu für sie interessanten Themen in unterschiedlichen Perioden zusammenkommen. Wir werden darauf basierend jährliche Diaspora-Treffen abhalten."

Wie genau diese Treffen aussehen könnten, ist nicht genauer beschrieben.

Mehr Reiseprogramme sollen Jugendlichen "ihre Kultur" nahebringen

Auch für die im Ausland lebende Jugend sieht das Papier neue Punkte vor. Unter anderem sollen die Reiseprogramme für Jugendliche erweitert werden:

"Damit unsere im Ausland lebenden Jugendlichen die weite Geschichte und Kultur der Türkei persönlich erfahren, werden wir die kulturellen Reisen und Camp-Programme in ihrer Kapazität erweitert fortsetzen."

Weiter heißt es in dem Manifest:

"Wir werden 100.000 unserer Jugendlichen in die Türkei und mit ihrer Geschichte und Kultur zusammenbringen."

Ausbau von Stipendien und Praktika

Auch bildungspolitisch sollen türkische Jugendliche außerhalb der Türkei mehr gefördert werden:

"Wir werden die Praktikumsmöglichkeiten unserer im Ausland lebenden Jugendlichen erhöhen. Das Stipendienprogramm haben wir für ausländische Bürger initiiert. Wir werden die Programme zur Ausbildung der Pioniere/Wegbereiter der türkischen Diaspora verstärken"

Eine Kommission für Türken im Ausland

Unter staatlicher Kontrolle sollen außerdem die Belange der in der Diaspora lebenden türkischen Bürger gebündelt besprochen werden:

"Um die Probleme der türkischen Diaspora in der türkischen Nationalversammlung zu verfolgen, werden wir im türkischen Parlament eine Kommission für Türken im Ausland gründen."

Und:

"Um die Dienste der Ministerien wirkungsvoll führen zu können, werden wir einen Koordinationsrat für im Ausland befindliche Landsleute ins Leben rufen."

Der Rundfunksender TRT soll die "Stimme der Diaspora" werden

Der staatliche Rundfunksender TRT soll umstrukturiert und schließlich zur "Stimme der türkischen Diaspora" werden.

Kayman kritisiert in seinem Blogeintrag vor allem, dass die Regierung den im Ausland lebenden Türken die Selbstverortung als Diaspora vorgebe, "als eine in sich geschlossene [...] Gemeinschaft in der Fremde und immer nur von Fremden umgeben".

Türkische Familien im Ausland sollen besucht werden

Auch familienpolitisch verspricht die AKP den Deutschtürken und anderen Türken außerhalb der Türkei so einiges. Unter anderen steht in dem Abschnitt:

"Wir werden eine aktivere Familienpolitik für unsere Bürger im Ausland verfolgen. Wir werden türkische Familien besuchen und ihren Problemen Gehör schenken und Initiative für Lösungen ergreifen."

Außerdem sollen zum Beispiel Pflegeheime, die Rücksicht auf "kulturelle Sensibilitäten" nehmen, gefördert werden. 

Dies sind nur einige der Punkte, die die AKP in der Wahlerklärung ihren Wählern verspricht. Die AKP scheint darauf zu setzen, das Identitätsgefühl von (Deutsch-)Türken in Deutschland und anderen Wohnorten außerhalb der Türkei an das "Heimatland" Türkei zu binden.

Einige Wähler in Deutschland und Europa könnten sich dadurch von der türkischen Regierung anerkannt fühlen und sich von ihrer aktuellen Umgebung entfremden. Dann gibt es kein "sowohl-als-auch", sondern nur ein "entweder-oder", das Selbstverständnis von einem Leben in der "Fremde" (das sie vielleicht ohnehin schon haben).

Und genau dieses Selbstverständnis könnte Erdoğan zu noch mehr Stimmen aus dem Ausland verhelfen.

Mehr zur Türkei? Hier:

Türkische Lira sinkt auf Rekordniveau – Notenbank hebt Zinsen an

Link zum Artikel

Ab heute wählen die Deutschtürken den Präsidenten der Türkei – das sind die Prognosen

Link zum Artikel

Hört auf, zu meiner türkischen Musik zu jaulen! Es ist nicht witzig.

Link zum Artikel

So denkt Türkei-Kenner Christoph Daum über das Erdogan-Foto mit Özil und Gündogan

Link zum Artikel

Das könnte dich auch interessieren:

Warum Frauen an der Gitarre unterschätzt werden – Spoiler: Es hat mit Männern zu tun

Link zum Artikel

"Halt die Fresse, du erbärmliche Frau": Flugzeug-Crew droht 22-Jähriger mit Rausschmiss

Link zum Artikel

Zyklon "Idai": Zahl der Toten in Simbabwe auf 70 gestiegen

Link zum Artikel

Klimaschützerin Luise Neubauer: Anführerin einer wachsenden Bewegung

Link zum Artikel

19 Bilder, die dir zeigen: Es ist nicht alles, wie es scheint

Link zum Artikel

Tesla enthüllt das Model Y – so sieht es aus, und so viel kostet es

Link zum Artikel

Umstrittene Netflix-Doku zum Fall "Maddie" sorgt für Aufregung

Link zum Artikel

"Schulschwänzen nicht heilig sprechen" – Lindner schießt wieder gegen #FridaysForFuture

Link zum Artikel

Wie peinlich kann ein Sex-Date sein? Ja, lest mal dieses Jodlers Reim!

Link zum Artikel

Optische Täuschung: Künstlerin verschwindet dank Make-up in ihrer Umgebung

Link zum Artikel

Greta Thunberg in Schweden "Frau des Jahres"

Link zum Artikel

Katarina Barley: "Rabenmutter gibt's nur auf Deutsch"

Link zum Artikel

"Frauen der Mauer" von strengreligiösen Juden in Jerusalem bespuckt und beschimpft

Link zum Artikel

Wir waren mit Deutschlands bester Skaterin unterwegs. Sie ist 11 Jahre alt.

Link zum Artikel

9 Stars, denen völlig egal war, was Männer und Frauen tragen "sollten"

Link zum Artikel

In diesen Ländern haben die Frauen das Sagen (es sind immer noch zu wenige)

Link zum Artikel

Einen Tampon einzuführen erregt uns nicht und 32 weitere Wahrheiten über Frauen

Link zum Artikel

Der Tod des Patriarchats! Daenerys auf den Thron #TeamDaenerys

Link zum Artikel

"Pink Tax" für Frauen: Gleiches Produkt, gleicher Inhalt, aber teurer

Link zum Artikel

Ich habe mich mit Mama & Oma über Emanzipation unterhalten – es lief anders, als erwartet

Link zum Artikel

watson wird zur Frau! Ja, du hast richtig gelesen

Link zum Artikel

Virgin Atlantic hebt Make-up-Vorgaben auf – aber wieso gibt es die überhaupt noch?

Link zum Artikel

Sie hat alle überlebt, alleine dafür gebührt ihr der Thron #TeamSansa

Link zum Artikel

Chinesische "Harry Potter"-Fans reisten nach Sydney – sie dachten, dass dort Hogwarts sei

Link zum Artikel

#VansChallenge – Warum jetzt überall Sneaker durch die Luft fliegen

Link zum Artikel

Trumps Twitter-Feed ist verrückt? Dann schau dir mal den von Brasiliens Präsidenten an

Link zum Artikel

Die beliebtesten Länder-Slogans – erkennt ihr den Spruch eures Bundeslandes?

Link zum Artikel

Trump nennt den Apple-CEO "Tim Apple" – und die Reaktionen sind großartig

Link zum Artikel

Der Hundewurf von Straubing – und was die AfD daraus macht

Link zum Artikel

Diese Russin ist ein Insta-Star – weil sie ihr Wald-Leben inszeniert wie eine Stadt-Ikone

Link zum Artikel

So romantisch wie Fußnägelschneiden – Erster Heiratsantrag bei Jauch via Telefonjoker

Link zum Artikel

Wenn die Sonne stirbt, ist das wie ein leiser Pups

Link zum Artikel

Zitterpartie Brexit – Geht Mays Strategie schief? Und 5 weitere Fragen

Link zum Artikel

Die Oscars werden zum Queengasmus – unser Protokoll der Nacht

Link zum Artikel

Forscher stehen vor Rätsel: Was macht ein toter Wal im Dschungel?

Link zum Artikel

Darf er das? Chelsea-Torwart verweigert Auswechslung – sein Trainer tobt

Link zum Artikel

Es ist so warm in Deutschland, dass auch schon die Mücken unterwegs sind

Link zum Artikel

Grimassen und getretene Kleider – 13 Dinge, die du in der Oscar-Nacht verpasst hast

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
2
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
2Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Felix Huesmann 08.06.2018 17:24
    Highlight Highlight "Der staatliche Rundfunksender TRT soll umstrukturiert und schließlich zur "Stimme der türkischen Diaspora" werden."

    Das ist ein spannender Punkt. Mit TRT World hat TRT ja bereits einen internationalen Propagandakanal. Mit kurzen Social-Videos schaffen die es bereits immer wieder, viralen Content zu produzieren. Das erinnert alles sehr an die russischen Staatsmedien.
    • Yasmin Polat 08.06.2018 17:44
      Highlight Highlight Guter Punkt! Welche Umstrukturierungen genau vorgenommen werden sollen, um TRT nun zur "Stimme der Diaspora" zu machen, stand in dem Papier leider nicht näher beschrieben.

Kramp-Karrenbauer hat nicht einfach einen Witz gemacht – sie denkt wirklich so

Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer steht nach ihrer "Comedy-Einlage" beim Stockacher Narrengericht in der Kritik. Sie befördere LGBTI-feindliche Stimmungen, sagen die einen. Sie habe nur einen Witz gemacht und werde nun zum Opfer einer Empörungskultur, meinen andere.

Kramp-Karrenbauers Auftritt ist jedoch mehr als ein dumpfer Fastnachts-Gag. Denn mehrere Äußerungen aus den vergangenen Jahren zeigen: Die CDU-Chefin denkt wirklich so.

AKK handelt sich nicht zum ersten Mal einen …

Artikel lesen
Link zum Artikel